Spätes Erwachen

Die politische Bildung in Sachsens Schulen ist zu kurz gekommen. Das treibt Fachleute um. Demokratieverachtung, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sind in Teilen der Jugend verbreitet. Juniorwahlen und der aktuelle "Sachsen-Monitor" bestätigten den Befund. Kann die Schule sich ändern?

Chemnitz.

Manchmal muss einem das Wasser bis zum Hals stehen, ehe Routinen bröckeln und Querdenker Gehör finden. Eine Konferenz des Sächsischen Bildungsministeriums in Chemnitz für Schulleiter und Fachlehrer aller Schularten bot jetzt Referenten ein Podium, die das Pausenklingeln abschaffen, den Streit zur Norm erheben und den Schülern nicht mehr vorschreiben wollen, was sie zu denken haben.

Da war der Philosoph und Didaktiker Markus Tiedemann, der von "Idiotie in den Lehrplänen" sprach, am schlimmsten im Fach Ethik. Der Starjournalist Thomas Schmid, früher Politikchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Herausgeber der "Welt"-Gruppe, der Harmonie und Einigkeit misstraut und den Streit zum Lebenselixier der Demokratie erhebt. Die Bürgerrechtlerin Freya Klier, die der Schule vorwirft, das Lernen zu zerstückeln und Kinder in eine Art geistiger Schnappatmung zu zwingen. Und der Schulberater Kurt Edler, der meint, dass die Schule demokratischer sein müsse als jede andere Institution, wenn sie die "Demokraten von morgen" erziehen will.

Auslöser der Debatte ist die Erosion demokratischer Werte und Einstellungen in den letzten Jahren, wie sie sich in Studien und auch Wahlergebnissen niederschlägt. Junior- und U-18-Wahlen hatten offenbart, dass ein größerer Teil der Schüler in Sachsen rechtspopulistischen Positionen zuneigt als im Bundesdurchschnitt. Zum Beispiel an der Paul-Robeson-Schule in Leipzig bekam die AfD beim Projekt Juniorwahlen 30 Prozent der Erst- und 22 Prozent der Zweitstimmen von den Jugendlichen. Bundesweit waren es nur sechs Prozent. Die Schule trägt den Namen eines Bürgerrechtlers und Antirassisten, ist Unesco-Projektschule mit vertieften Lehrangeboten zu Menschenrechten, Umweltschutz und Toleranz.

Vor einem Jahr zeigte der erste "Sachsen-Monitor" auf, dass fremdenfeindliche Einstellungen in dieser Altersgruppe im Freistaat stärker verbreitet sind als anderswo. Pauschale Ressentiments gegen Angehörige bestimmter Gruppen, die Verachtung von Demokratien und die Relativierung des Nationalsozialismus kommen unter Sachsens jungen Erwachsenen in erheblichem Ausmaß vor. Vor einigen Tagen wurde die Neuauflage des "Sachsen-Monitors" präsentiert. Sie bestätigt im Wesentlichen den Befund.

Hat Sachsen bei der Erziehung zur Demokratie den Anschluss verloren? "Nach der friedlichen Revolution 1989 wurden einige Entscheidungen von dem Bewusstsein bestimmt, wie es vorher war", sagt Béla Bélafi, Referatsleiter im Sächsischen Staatsministerium für Kultus. Will sagen: Die Experten fürchteten vor allem, dass sich eine schulische Indoktrinierung wie in der DDR fortsetzen könnte. Die demokratische Schule habe nach 1990 viele Baustellen gehabt, so Bélafi. Die Themen Streitkultur und politischer Diskurs wurden dabei "wohl etwas umschifft".

Wer wie Freya Klier, Kurt Edler und Thomas Schmid mit reicher politischer Lebenserfahrung auf die Schule blickt, hat Grund zur Sorge. In Sachsen, dem Land der Ingenieure, wurde der Schwerpunkt in den sogenannten MINT-Fächern gesetzt: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Bei Leistungsvergleichen in diesen Fächern schnitten sächsische Schüler hervorragend ab. "Wir waren uns lange sicher, alles gut geregelt zu haben", sagt Béla Bélafi "Aber sind wir bei Sprachen und bei der politischen Bildung genau so gut aufgestellt?"

Demokratie gibt es nicht ohne die Fähigkeit zum zivilisierten Streit. "Der Streit ist ein Wesenszug der Demokratie", sagt Thomas Schmid. "Konflikt bedeutet Freiheit. Konflikte bringen die Gesellschaft und die Parteien in Gang. Nur durch Konflikt findet Vielfalt ihren angemessenen Ausdruck."

Bei besonders vielen Sachsen stehen, so scheint es, Harmonie und Gemeinschaft hoch im Kurs. "So schön das klingen mag", warnt Schmid, "beide Begriffe haben immer etwas Aggressives an sich. Im Gemeinschaftsdenken erhält der Einzelne seine Würde nur dadurch, dass er Teil eines Ganzen ist. Das Individuum verliert seinen unbedingten Wert." Die DDR, aber auch die Bundesrepublik der frühen Jahre seien zu einem erheblichen Teil "Harmoniestaaten" gewesen, in denen Konflikte nicht öffentlich ausgetragen wurden.

Thomas Schmid hat das selbst erlebt. Im Jahr des Kriegsendes 1945 bei Leipzig geboren, floh seine Familie mit ihm in den Westen, als er sieben Jahre alt war. Den Heranwachsenden irritierte das Schweigen der Alten: "Zum Nationalsozialismus fiel im Unterricht kein Wort. Stattdessen erzählte mein Klassenlehrer ständig von seinen Kriegserlebnissen in Russland." Die Schule beendete Schmid, "ohne ein Bild von der Gesellschaft zu haben". Gegen den "Muff von tausend Jahren" lehnte er sich als Aktivist in der Studentenbewegung ab 1968 auf.

Den aktuellen Ausdruck fehlgeleiteten Harmoniedenkens erkennt Thomas Schmid in jener "Sachlogik", die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und einem Teil des politischen Establishments bemüht wird, um herauszustellen, dass es keine Alternativen zu gewissen Entscheidungen gäbe. Eine angebliche Sachlogik von Technik und Verwaltung soll demokratische Konflikte überwinden, so wie die DDR ihre inneren Konflikte vermeintlich per Regierungsorder überwand. Schmid widerspricht vehement: "Es gibt keine Sachlogik in der Politik. Es muss immer im öffentlichen Raum diskutiert werden, sonst gibt es keine Demokratie!"

Schmid sieht aktuell drei Handlungsfelder, auf denen die Gesellschaft ihre Fähigkeit zum Streit zurückerobern könnte: die Diskussion um Einwanderung und Migration, die europäische Einigung und der Umgang mit der AfD. Bei der Chemnitzer Lehrer-Fachtagung warnte Schmid davor, der AfD, die er "im Prinzip für völkisch und gefährlich" hält, in einem "Wettbewerb antifaschistischer Abgrenzung und Dämonisierung" zu begegnen. Rechtspopulisten müssten demokratisch gestellt werden, damit die Demokratie nicht selbst Schaden nehme.

Wie aber lässt sich demokratische Streitkultur in die Schulen bringen? Das sächsische Kultusministerium ist noch unter der vorherigen Ministerin Brunhild Kurth (CDU) in die Offensive gegangen. Fehlende Lehrkräfte, sagt Referatsleiter Béla Bélafi, dürften kein Hinderungsgrund sein, sich dem Thema zu stellen. Eine Expertengruppe hat 31 Handlungsempfehlungen zur politischen Bildung vorgelegt, von denen 21 ohne weitere Voraussetzungen umsetzbar sein sollen. Sie betreffen die Schulkultur, das Management und die Führung der Schule, Kooperationen und die konkrete Lehr- und Lerntätigkeit. Das Konzept mit dem Titel "W wie Werte" ist im Internet veröffentlicht.

Es gehe darum, sagt Béla Bélafi, die Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung von Heranwachsenden zu stärken, sie zu Zivilität, Demokratie und einem reflektierten historisch-politischen Bewusstsein zu erziehen - mit hohem Bezug zur eigenen Lebenswelt.

Wie weit der Weg für die Schule vermutlich ist, lässt die harsche Kritik erahnen, die Freya Klier an der Lernstruktur und der Dresdener Bildungswissenschaftler Markus Tiedemann an den Lehrinhalten üben.

Die Bürgerrechtlerin Klier hat zu DDR-Zeiten in Dresden die Erweiterte Oberschule "Romain Rolland" besucht. Als Schauspielerin und Regisseurin arbeitete sie mit Jugendlichen in der DDR-Provinz. Von den SED-Oberen kaltgestellt und praktisch mit Berufsverbot belegt, begann Klier in der DDR-Endzeit, Jugendliche zu ihrem Leben und zu ihren Träumen zu befragen. Aus 1600 geheimen Interviews entstand das Buch "Lüg Vaterland. Erziehung in der DDR", das 1990 erschien. Im Moment des Umbruchs, als hierzulande alles offen schien, wurde in der Bürgerrechtsbewegung diskutiert, ob Klier die DDR-Bildungsministerin Margot Honecker ersetzen soll, erzählt sie. Dann kam die Märzwahl 1990, der Zug zur deutschen Einheit. Utopien waren obsolet.

Lange nach der leidenschaftlichen Zeit der Montagsdemos und des Mauerfalls kritisiert Freya Klier das Schulsystem vehement. Kinder und Jugendliche, die in uferlosen Info- und Bilderfluten versinken, würden in der Schule nicht mehr zu einem tieferen Verständnis geführt. "Der Stundenplan liefert nur Häppchen. Das Klingeln beendet jede Annäherung. Von Heine geht es zur Ethik und zur Weimarer Republik. Die pausiert dann bis übermorgen, und nach drei Tagen ist Heine wieder dran." Von sinnlichen Zugängen könne keine Rede sein.

Ein Ergebnis der "Bilderblitze und Stakkatotexte", mit denen die Jugend heute überfordert wird und sich selbst überfordert: Das Interesse an Literatur sei so gut wie versiegt. Abiturienten feierten bei ihrem Schulabschluss, dass sie keine Klassiker mehr lesen müssten oder "sonst etwas Gutes", klagt Klier.

Freya Klier plädiert dafür, ein Thema wie die Weimarer Republik als Gesamterlebnis in die Klassen zu tragen, vorgestellt von Lehrerteams, interdisziplinär. Das alte Schulmodell der Zerstückelung sei die Crux. Mit der Vielfalt des Eindringens, dem sinnlichen Zugang entwickle sich die Lust am Lernen. Fähigkeiten würden sortiert und ein Kanon menschlicher Werte vermittelt. Eine so eingeübte Herangehensweise, glaubt Klier, sei dann auf andere Probleme und Epochen anwendbar. Für ihr eigenes Modell eines Projekttages zur DDR-Geschichte hatte Klier vor Jahren die Sächsische Verfassungsmedaille erhalten.

Der Didaktiker und Philosoph Markus Tiedemann, Professor an der Technischen Universität Dresden, hält die feste Themenchronologie in den Lehrplänen für ein "Rezept von vor dreißig Jahren". Es gebe keinen vernünftigen Grund, warum sich "Siebtklässler in der zweiten Jahrgangshälfte für 18 Stunden turnusmäßig mit dem Tod beschäftigen" sollten: keine Problemorientierung, keine Aktualität. "Das gibt es nur in Sachsen", sagt Tiedemann. "Absurd!"

Bei der Wertevermittlung rät der Hochschullehrer, mehr den Weg als das Ziel in den Blick zu nehmen. "Beispiel Toleranz: Ich kann einen Kanon von Handlungsformen und Lebensentwürfen vorlegen, die zu tolerieren sind. Oder ich schule die Urteilskraft, stelle das Ringen um die Wahrheit in den Mittelpunkt." Dieser Fall stellt den Lehrer vor ein Dilemma: Urteilskraft lässt sich nur schulen, wenn das Diskursergebnis offen ist. "Ich kann nicht sagen, ich schule deine Urteilskraft, aber am Ende bist du tolerant und demokratisch." Richtige Einsichten seien nicht notwendig die Folge rationaler Überlegung. "Wissen" sei oft nicht mehr als "glauben", ein subjektives Für-wahr-halten. Wer das erkenne, sei gegen Dogmen gut gerüstet.

Kurt Edler, ein Hamburger Praktiker und Aktivist der Demokratiepädagogik, riet in Chemnitz dazu, die Lehrer nicht zu überfrachten. Das neue sächsische Handlungskonzept "W wie Werte" hieß er gut. "Schule muss Dinge ausprobieren können, die im öffentlichen Raum nicht gehen. Sie muss den Parlamenten voraus sein." Im Kern gehe es um Selbstwirksamkeit, um Anerkennung und Verantwortungskultur. Mit den Lehrern vornweg: Duckmäuser seien schlechte Vorbilder.

Man müsse wieder den Mut haben, sagt Edler, neben dem Fachspezifischen auch die großen Fragen anzusprechen, Fragen über Gut und Böse, in offenen Gesprächen, in Räumen ohne Hass.

Das sei es, was die Schule der Gesellschaft brauche. Eine Pädagogik für ungemütliche Zeiten.

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9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    1
    franzudo2013
    01.12.2017

    Hallo Täglichleser, ich habe von solchen Infos mit Absender AFD nichts gehört, ich beteilige mich allerdings auch nicht an facebook.
    Passt zum Thema, nur Bildung und Wissen helfen da weiter. Mich nervt nur dieser moralisierende Ton des Artikels, das demagogische nebeneinandersetzen von Fakten und das gezielte Auslassen konkreter Fragen. Es wäre doch sehr spannend zu diskutieren, wie Demokratie und Religion, direkte Demokratie und repräsentative Demokratie, Staatszugehörigkeit und Wahlrecht heute und in Zukunft funktionieren können und sollen. Da wird ja noch nicht mal an der Oberfläche gekratzt. Muss ja auch nicht, solange die Etablierten ihre Aufgabe im Ausgrenzen neuer Politiker sehen.

  • 4
    4
    gelöschter Nutzer
    01.12.2017

    Klar die AfD wurde demokratisch gewählt. Ob sie die Demokratie fördert? Wäre ja schön.
    Aber Opposition gab es schon vor der AfD.
    Wenn aber Vertreter der AfD den Völkermord durch die
    Nazis relativieren und nicht mehr an diese Zeit erinnert
    werden wollen. Wir wollen ja nicht das sich Krieg und Elend wiederholt. Dann ist das bedenklich.
    Eine gute Bekannte, sagte mir, die hohe Zahl der
    ermordeten Juden, stimmt nicht. Juden haben sich immer daneben benommen. Kein Wunder, dass sie verfolgt wurden. Und die Deutschen haben weder den 1. noch den 2. Weltkrieg vorbereitet noch begonnen.
    Und das kommt von AfD und Pegida und wüsster Info
    aus Facebook. Wenn das nicht spaltet? Und die Jugend verdummt.

  • 2
    4
    franzudo2013
    01.12.2017

    Die Wahl der AFD war demokratisch und ist demokratiefördernd, da es 4 Jahre lang keine Opposition gab. Rassistisch ist weder die AFD noch PEGIDA, auch wenn die MSM es wie damals ND und Aktuelle Kamera ständig verbreiten. Insofern brauchen die Sachsen bzw. die Schüler in Sachsen keinen Nachhilfe- Unterricht in Sachen Demokratie.
    Ein anderes Thema ist die Wissensvermittlung. Genau wie Rechnen, Lesen und Schreiben sollen alle Schüler wissen, wie Kommunen, Länder, Staaten aufgebaut sind und funktionieren. Eine Art Verfassungskunde und Bildung zum selber Denken. Wie das Beispiel der Schule zeigt, scheint es ganz gut zu funktionieren.

  • 3
    0
    gelöschter Nutzer
    01.12.2017

    Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.
    Das kann die Schule nicht wett machen. Egal wie.
    Das bedarf engagierter Lehrer mit kritisch-demokratischen Denken. Humanistisch gesinnt.
    Ein Helfer und Erzieher der Jugend. Kein reiner Wissensvermittler. Schwer, schwer, schwer.
    Da hilft nicht das Beamtentum, auch nicht mehr Geld.
    Viel mehr die Eltern einbinden.

  • 5
    0
    ros
    30.11.2017

    @BieneBissig Das ist fehlinterpretiert. Es geht nicht gegen das Thema Tod, sondern gegn die bürokratisierte Einordnung in einen Lehrplan. Tiedemann wünscht mehr Freiheit fur den Lehrer zur Art und zum Zeitpunkt, solche Themen zu behandeln.

  • 4
    3
    MatthiasWolf
    30.11.2017

    Ich glaube nicht, dass man in Sachsen das Schulsystem über den Haufen werfen muss. Die PISA-Studien sprechen eine andere Sprache, insbesondere da, wo Lernformen vermeintlich fortschrittlich angepasst und erneuert wurden. Struktur und Disziplin schaden nicht, auch das Selbstbewusstsein der Schüler kann durch entsprechende Projekte zusätzlich gefördert werden.
    Finger weg von einem funktionierenden Schulsystem!

  • 3
    3
    1953866
    30.11.2017

    3. Absatz: "Auslöser der Debatte..." und gesamter 4. Absatz bedeutet für mich, man hätte gern eine Art DDR-Staatsbürgerkunde-Unterricht, wo den Schülern beigebracht wird, wer/was "gut" oder "böse" ist. Unabhängige Meinungsbildung nicht erwünscht.
    Macht die Schüler idelogiefrei mit dem Grundgesetz (hier konkret Artikel 5) vertraut und lasst sie ihre eigene Meinung zu politischen Themen bilden! Es geht hier nicht um unumstößliche Gesetze der Naturwissenschaften oder Mathematik.

  • 5
    0
    vomdorf
    30.11.2017

    Es ist immer wieder erstaunlich, dass sich Leute, die keine Ahnung von den heutigen(!!!) Schülern und Eltern haben, sich Sachen ausdenken, die nicht (so einfach) umzusetzen sind, denn es fehlt an ( entsprechend grundständig ausgebildeten) Lehrern.
    Mal an eine Schule gehen und bissel gucken und rumfragen spiegelt doch gar nicht wider, was wirklich los ist.

  • 7
    0
    Bienebissig
    30.11.2017

    Bis zu diesem Teil fand ich den Artikel gut: Es gebe keinen vernünftigen Grund, warum sich "Siebtklässler in der zweiten Jahrgangshälfte für 18 Stunden turnusmäßig mit dem Tod beschäftigen" sollten: keine Problemorientierung, keine Aktualität. "Das gibt es nur in Sachsen", sagt Tiedemann. "Absurd!"

    Schaut Herr Tiedemann Nachrichten? Überhaupt Fernsehen? Weiß er, wie oft gerade Kinder und Jugendliche mit dem Thema konfrontiert werden, egal ob in den Medien oder in der Familie und im näheren Umfeld? Weiß er, dass, wenn wir schon von Integration sprechen, Schüler in den Klassen sitzen, die ganz eigene Erfahrungen mit dem Thema aus ihren Heimatländern mitbringen? Kennt Herr Tiedemann den Lehrplan, der zum Beispiel auch Euthanasie beinhaltet oder Suizid? Ist Sterbehilfe für ihn kein aktuelles Thema? Weiß er um die Unterrichtsangebote dazu, die seit Jahren mit Hospizhelfern und anderen ehrenamtlichen Kräften ermöglicht werden? Ist ihm klar, dass Schüler im dem Alter schon vom Tod eines nahen Verwandten oder dem Suizid ihres besten Freundes betroffen sein können? Als Prof. für Didaktik der Philosophie und Ethik sollte er das eigentlich wissen. Es ist längst an der Zeit, das Tabuthema wieder mehr in die Öffentlichkeit zu holen und ihm den Stellenwert zu geben, den es hat, nämlich als letztlich unvermeidlichen Teil des Lebens. Frühere Generationen hatten meist auch sehr viel mehr persönliche Erfahrung mit dem Tod, die uns und unseren Kindern in fast 70 Jahren Frieden zum Glück bisher erspart blieben. Auch deshalb ist das Thema in der Schule wichtig, denn in manchen Familien wird es gern ausgeklammert. Ich bin echt entsetzt.



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