Studie: Essen in Sachsens Kitas und Schulen ist oft ungesund

Eine neue Erhebung zeigt positive Tendenzen. Trotzdem besteht Grund zur Sorge. Verbraucherschützer fordern endlich verpflichtende Vorgaben.

Dresden/Berlin.

Sachsens Schüler bekommen mittags mehr als doppelt so viel Fleisch und Wurst aufgetischt, wie von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird. Auch in den Kitas wird die angeratene Menge deutlich überschritten. Das zeigt eine Studie des sächsischen Gesundheitsministeriums zur Mittagsversorgung in sächsischen Kitas und Schulen.

In anderen Bundesländern ist die Situation ähnlich. Als Konsequenz fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch Pflichtstandards. "Die Bundesländer müssen endlich verpflichtende Qualitätsstandards für die Verpflegung an allen Schulen und Kindergärten einführen", sagte Geschäftsführer Martin Rücker am Montag in der "Passauer Neuen Presse". Die Länder lehnten das aus Kostengründen bisher ab und leisteten damit der grassierenden Fehlernährung von Kindern Vorschub. "Selbst in staatlichen Einrichtungen sind die Speisen oft zu süß, zu fettig und zu fleischlastig", sagte er. Als Folgen gelten Übergewicht und Adipositas. In Sachsen waren bei der Schuleingangsuntersuchung im Schuljahr 2016/2017 neun Prozent aller Schulanfänger übergewichtig, in Klassenstufe sechs waren es 16 Prozent.

Rücker wies darauf hin, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schon 2007 im Auftrag der Bundesregierung erstmals Qualitätsstandards für eine ausgewogene Kost in den Schulkantinen veröffentlicht hatte. Diese würden aber in der Regel nicht erfüllt. "Es ist ein Skandal, dass diese Kriterien gut zehn Jahre später noch immer an den meisten Schulen ignoriert werden", kritisierte Rücker.

Die Standards definieren unter anderem, wie häufig welche Lebensmittel innerhalb von 20 Verpflegungstagen serviert werden sollten. Fleisch und Wurst sollten demzufolge nur achtmal, Gemüse und Stärkebeilagen hingegen täglich angeboten werden. Die Kriterien gelten bislang nur als Empfehlung. Ihre Umsetzung in die Praxis ist freiwillig. Nur vier Bundesländer haben sie verpflichtend eingeführt. "Das sind das Saarland, Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern", sagt Ernestine Tecklenburg von der DGE. Bremen übernimmt dabei eine Vorreiterrolle. Laut Senatsbeschluss soll dort bis 2022 das gesamte Essen in Kitas und Schulen auf Bio-Qualität umgestellt werden.

Sachsen ist davon weit entfernt. Zwar sei das Bewusstsein für eine ausgewogene Ernährung gestiegen. Auch habe sich das Speisenangebot im Vergleich zu früheren Analysen deutlich verbessert. Aber es gebe noch "Luft nach oben", wie Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) einräumte.

Für die Studie zur Mittagsverpflegung sind im Herbst 2016 die Speisepläne von 563 Kindergärten und 368 Schulen auf Basis der DGE-Qualitätsstandards ausgewertet worden. Über einen Zeitraum von einem Monat wurde ausgezählt, wie häufig welche Lebensmittel angeboten wurden. Das Essen selbst wurde nicht analysiert. Der Tenor: Den Kindern wird zu viel Fleisch und Wurst, aber zu wenig frisches Obst und Gemüse aufgetischt. In den Schulen gab es durchschnittlich an 17,5 Tagen Fleisch und Wurst, in den Kindergärten an 10,5 Tagen. Dafür wurden in den Schulen an 18,2 Tagen und in den Kitas an 13,4 Tagen Gemüse serviert. (mit dpa)


 

Hintergrund: Zu viel Fleisch, zu wenig Gemüse

Was Sachsens Kita- und Schulkinder essen, zeigt eine Studie des Gesundheitsministeriums. Es gibt Hoffnung. 

Es klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber scheinbar nicht: Dass in Sachsen nahezu jedes Kita- oder Schulkind ein warmes Mittagessen bekommt, ist Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) ein explizites Lob wert. Sie freue sich über das nahezu flächendeckende Angebot. Das sei eine gute Nachricht für Eltern und Kinder. Was genau auf den Tellern landet, hat das Sozialministerium in einer Studie zur Mittagsversorgung in sächsischen Kitas und Schulen erforschen lassen. Die Ergebnisse liegen nun vor.

Was wurde untersucht?

Im Herbst 2016 sind die Speisepläne von 563 Kindergärten und 368 Schulen auf Basis der Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ausgewertet worden. Das Tuimaini-Institut für Präventionsmanagement in Dresden hat untersucht, inwiefern die angebotenen Mahlzeiten den Anforderungen an eine gesunde und vollwertige Ernährung entsprechen. Dafür wurde ausgezählt, wie häufig welche Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen in einem Versorgungszeitraum von 20 Tagen mittags angeboten worden sind. Geschmack und Aussehen waren für die Studie unerheblich.

Was wird denn empfohlen?

Generell gilt: Fleisch ist in Maßen, frisches Gemüse und Obst am besten mehrfach täglich anzubieten. Für den monatlichen Speiseplan empfiehlt die DGE, dass Fleisch und Wurst achtmal dargereicht werden sollten, die Hälfte davon als mageres Muskelfleisch wie Putenbrust oder Hühnchen. Fisch darf es pro Woche mindestens an einem Tag geben. Täglich sollten es Getreide, Getreideprodukte oder Kartoffeln auf den Speiseplan schaffen, gern auch mal als Reispfanne, Couscous-Salatoder Kroketten. Vollkornprodukte sollten mindestens viermal im Monat angeboten werden, Kartoffelerzeugnisse wie Pommes oder Reibekuchen maximal viermal. Dafür darf auch bei Kindern bei Gemüse aus dem Vollen geschöpft werden. Die Empfehlung lautet: täglich, davon mindestens zweimal pro Woche als Rohkost. Ebenfalls zweimal pro Woche sollte es frisches Obst geben.

Was gab es an den Schulen zu essen?

Viel zu viel Fleisch. An durchschnittlich 17,5 Tagen kamen Schnitzel, Gehacktes und Co. auf die Teller. Wenigstens war das Fleisch an 10,2 Tagen mager. Das Ergebnis ist dennoch ernüchternd: 96,5 Prozent der ausgewerteten Speisepläne überschritten den von der DGE empfohlenen Maximalwert an Fleisch und Wurst. Gut hingegen war das durchschnittliche Angebot an unverarbeitetem Obst (7,4 Tage) und Gemüse (18,2 Tage). Die Empfehlungen der DGE wurden bei der Rohkost (10,6 Tage) sogar übererfüllt, ebenso bei Fisch (5,3 Tage) und den Milchprodukten. Sie sollten an mindestens acht Tagen pro Monat auf dem Speiseplan stehen, wurden aber an 14,5 Tagen gezählt.

Was kam in den Kitas auf den Tisch?

Auch zu viel Fleisch, aber im Verhältnis wesentlich weniger als an den Schulen. An durchschnittlich 10,5 Tagen wurde den Kindern Fleisch aufgetischt. Verbesserungsbedarf besteht vor allem jedoch bei Gemüse. An nur 13,4 von empfohlenen 20 Tagen gab es mittags Möhren, Erbsen, Salat oder Ähnliches. Damit haben gerade einmal 13 Prozent aller ausgewerteten Speisepläne die DGE-Anforderungen erfüllt. Auch das Obstangebot hinkt denen hinterher. An 4,7 von empfohlenen acht Tagen gab es frische Früchte. Allerdings gibt es in Kitas häufig eine Obstmahlzeit. Frisches Gemüse wird oft auch zur Vesper angeboten. Diese Mahlzeiten sind in der Studie nicht erhoben worden. Gut ist, dass nur selten Paniertes oder Frittiertes angeboten wird.

Wie lautet das Fazit?

Im Prinzip ist das Essen an Schulen und Kitas gar nicht so schlecht, zumindest gilt das für die Zusammenstellung der Speisenpläne. So habe sich das Angebot - verglichen mit früheren Analysen von 2007 in den Kitas und 2010 an den Schulen - in einigen Aspekten verbessert, heißt es. Dennoch bestehe Optimierungsbedarf, vor allem beim Fleischangebot. Klepsch ermutigt, selbst aktiv zu werden. In vielen Schulen und Kitas haben Eltern ein Mitspracherecht bei der Auswahl des Caterers. Bei der Suche nach einem geeigneten Essenanbieter kann die Speiseanbieterdatenbank der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung in Sachsen behilflich sein. Die Plattform soll einen Überblick über regionale Anbieter erleichtern.

Die Studie kann hier im PDF-Format heruntergeladen werden.


 

Kommentar: Luft nach oben 

Von Susanne Plecher

Es sei noch "Luft nach oben", sagt Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch mit Blick auf das Speisenangebot in Kitas und Schulen.

Luft nach oben - das ist noch sehr milde formuliert, wenn fast jeder elfte Schulanfänger in Sachsen übergewichtig oder sogar adipös ist, wie die Ergebnisse der Schulaufnahmeuntersuchung belegen. Natürlich kann der Staat nicht alles richten, was die Eltern zuhause vermasseln. Aber Ernährung findet eben auch in den Kitas und Schulen statt. An fünf Tagen pro Woche haben Pädagogen die Chance, auf das Essverhalten der Kinder einzuwirken, ihnen zu zeigen, dass gesund meist lecker und nicht unbedingt teurer ist. Das wird auch schon lange gemacht, Lehrpläne schreiben es vor. Beim Mittagessen aber versandet das staatliche Engagement. Es gibt einige wenige Bundesländer, die die Qualitätsstandards der DGE verpflichtend eingeführt haben, Bremen und Berlin gehören dazu. In Sachsen wird bisher nur appelliert und empfohlen. Da ist noch viel Luft nach oben.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...