Wohin mit dem Kadaver?

Städte sind ideale Lebensräume für Wildtiere. Was passiert, wenn eins stirbt, hat ein Dresdner mit einem Dachs erlebt.

Frank Rygol traute seinen Augen kaum, als er neulich morgens vor sein Haus im Dresdner Osten trat: Vor der Grundstücksausfahrt lag ein toter Dachs und blockierte die Durchfahrt - an einer stark befahrenen Straße. "Wahrscheinlich war er kurz zuvor angefahren worden und an einer inneren Verletzung gestorben", sagt der Dresdner. Die Straße ist an der Stelle sehr schmal. Weil der Dachs unmittelbar an der Straßenbahnschiene lag, schob Frank Rygol ihn mit einer Schaufel in die Einfahrt. "Der musste dort weg, bevor die nächste Bahn gekommen wäre." Doch wohin mit dem Kadaver? Hilfesuchend rief seine Frau Anne im städtischen Gesundheitsamt an. Dort verwies man sie an die Feuerwehr. "Hätte das Tier nicht vor unserer Einfahrt gelegen, hätte ich nie vermutet, dass es mitten in der Stadt auch Dachse gibt", sagt Anne Rygol.

Dabei sind Städte für viele wilde Tiere ein idealer Lebensraum: Hier gibt es genug Nahrung und wenige natürliche Feinde. Parks, Friedhöfe und Flussauen bieten ausreichend Möglichkeiten, sich zu verstecken, zu jagen und Jungtiere großzuziehen. Dass Wildschweine städtische Grünanlagen umgraben und Füchse nachts durch die Straßen streifen, ist bekannt. Bis auf wenige Tierspuren bekommt man davon allerdings kaum etwas mit.

"Dachse bevorzugen lockere Erde, um ihren Bau oder Losungsgruben zu graben", sagt City-Trapper Thomas Schröder. Seit elf Jahren verdient er sein Geld damit, in Dresden und Umgebung wilde Tiere einzufangen. Viele Friedhofsverwaltungen zählen zu seinen Kunden. Sie hätten Probleme mit Dachsen, weil sie auf Gräber kackten oder sich in frische Grabhügel wühlten, berichtet Schröder. "Häufig kommen Füchse dazu. Sie markieren den Bau mit ihrer Losung und ziehen in einen Teil des Baus ein." Der Dachs sei reinlich und grabe sich einen neuen Zugang. "Das macht ihn zu einem echten Störenfried", sagt er.

Damit nicht genug. Auch Waschbären, Rehwild, Marderhunde und der Wolf seien auf Dresdner Flur gesichtet worden, berichtet Karl Schuricht von der Stadtverwaltung. Schröder ergänzt die Liste: In seinen Lebendfallen fängt er Minks, Stein- und Baummarder, Nutrias und sogar Fischotter. Antje Becher von der Stadtverwaltung Chemnitz berichtet von Rehen, die in verwilderten Gartengrundstücken leben. Und in Meißen hatte Mitte November ein Wildschwein für Aufsehen gesorgt: Es steckte mit dem Kopf zwischen den Eisenstangen eines Zaunes fest.

Dass Wildtiere im Garten oder auf dem Fußweg verenden, ist also gar nicht so unwahrscheinlich? "Eigentlich schon, denn sie ziehen sich zurück, wenn sie merken, dass es mit ihnen zu Ende geht. Passieren kann das trotzdem", sagt Schröder. "Hauptsächlich findet man sie aber überfahren am Straßenrand." Die Tiere lecken dort Streusalzreste auf, um ihren Mineralienbedarf zu decken.

Wer ein totes Wildtier im öffentlichen Verkehrsraum findet - egal, ob auf dem Land oder in der Stadt - wendet sich an die Feuerwehr oder an die untere Jagdbehörde beim Ordnungsamt. Größere Kommunen wie Dresden oder Chemnitz haben dafür ein Benachrichtigungssystem eingerichtet. "Wichtig ist, den Standort korrekt anzugeben. Das erspart unnötiges Suchen", sagt Antje Becher. Die Behörde nimmt dann Kontakt zum zuständigen Jagdpächter auf. Denn auch Städte sind in Jagdbögen aufgeteilt, die verpachtet werden. Die Jagdpächter, auch Jagdausübungsberechtigte genannt, haben ein sogenanntes Aneignungsrecht an toten Wildtieren. Das heißt: Stirbt ein Tier auf ihrem Gebiet, dürfen sie entscheiden, ob sie es mitnehmen möchten. "Sie sind dazu aber nicht verpflichtet", sagt Jörg Förster vom Sozialministerium.

Die Feuerwehr kam zwei Stunden später zu den Rygols und holte den Dachs ab. Inzwischen war sein Körper schon steif. In Dresden gibt es für solche Einsätze einen Spezialwagen mit Tierkadaverkiste. "Aber dann gingen die Fragen los: Ob der Dachs auf dem Gehweg oder auf dem Grundstück gestorben sei", erinnert sich Frank Rygol. Sie zielten darauf ab, wer die Rechnung für den Einsatz zu zahlen hat.

Wildtiere sind laut Bürgerlichem Gesetzbuch herrenlos. Sie gehören niemandem. Sterben sie im Wald, "verbleiben sie grundsätzlich in der Natur", informiert das Sozialministerium. Es sei denn, es handelt sich um Wildschweine, die möglicherweise an der Afrikanischen Schweinepest verendet sein könnten. Finden Waldbesucher eine tote Bache oder einen Keiler, müssen sie den Fund entweder dem Jagdpächter, dem Landratsamt oder der Polizei melden.

Sterben Wildtiere aber an Straßen oder in Orten, muss geklärt werden, wer das Land besitzt, auf dem sie verendet sind. Hier gilt der Grundsatz: Eigentum verpflichtet. "Werden tote Wildtiere auf öffentlichem Gelände gefunden, beräumt entweder der Jagdausübungsberechtigte oder die Feuerwehr den Kadaver", erklärt Karl Schuricht. Der Dachs im Dresdner Osten ist auf der Straße, also auf öffentlichem Land, verendet. Daher übernahm die Landeshauptstadt die Kosten für Anfahrt, Beseitigung und Entsorgung.

Stirbt das Tier auf Privatland, ist der Eigentümer zuständig, so Antje Becher. Der Jagdpächter darf ein totes Wildtier im Wald vergraben, der Grundstücksbesitzer darf das wegen des Grundwasserschutzes nicht. Auch im Hausmüll darf er es nicht einfach entsorgen - wenn es eine bestimmte Größe überschreitet. Ratte oder Igel dürften kein Problem darstellen. Bei größeren Tieren muss stattdessen Kontakt zur Tierkörperbeseitigungsanlage in Lenz im Landkreis Meißen aufgenommen werden. Sie ist zuständig für alle toten Nutz-, Wild- und Haustiere in Sachsen. Ein Anruf genügt.

"Unsere Fahrer holen den Kadaver innerhalb von zwei oder drei Werktagen ab", sagt Geschäftsführerin Sylvia Schäfer. Unabhängig von Größe und Gewicht kostet das sieben Euro pro Wildtier. Die Anfahrt wird zusätzlich mit zwölf Euro berechnet. Bis die Tiere eingesammelt werden, lagern Verwaltungen oder die Feuerwehr sie in speziellen Kisten oder in Kadaverräumen. "Das hat man als Privatmensch ja nicht unbedingt zu bieten", sagt Schäfer. Ihr Tipp: Die Tierleiche in eine Schubkarre legen und mit einer Plane abdecken. Die Karre sollte danach gründlich ausgespült werden. Antje Becher empfiehlt grundsätzlich, dabei Schutzhandschuhe und eventuell sogar einen Mundschutz zu tragen, um sich vor Krankheiten zu schützen.

Rund 30.000 Tonnen Tiere und Schlachtabfälle werden pro Jahr in Lenz zerkleinert und 20 Minuten lang bei 133 Grad Celsius und drei Bar Luftdruck in einem Sterilisator gekocht. "Das kann man sich wie einen riesigen Schnellkochtopf vorstellen", so Schäfer. Dabei entsteht ein Fleischbrei, der später getrocknet und gepresst wird. Das Tierfett wird abgeschöpft, gereinigt und als Biodiesel vermarktet. Der Presskuchen wird gemahlen und als Tiermehl in Braunkohlekraftwerken oder der Zementindustrie verbrannt. "Seit der BSE-Krise darf es nicht mehr verfüttert werden", sagt Schäfer.

Der Dachs aus Dresden dürfte inzwischen also in Energie und Luft aufgegangen zu sein. "Dann war er ja noch zu etwas Nütze", sagt Frank Rygol.

Kontakt zur Tierkörperbeseitigungsanlage in Lenz: 035249 7350

www.tba-sachsen.de

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