Die Totgesagten senden ein Lebenszeichen

Mit zwei Toren in der Nachspielzeit dreht Zwickau eine dramatische Partie gegen Braunschweig zum 3:2-Sieg. Vor dem Abstiegsendspiel gegen den Nachbarn CFC schöpft der FSV Hoffnung.

Zwickau.

Dass dieses Spiel ohne Fans ausgetragen werden musste, grenzt an ein Verbrechen am Fußball. Es brach die fünfte und letzte Minute der Nachspielzeit an, als Morris Schröter zum Luftduell hochstieg und einnickte. 3:2 für den FSV Zwickau gegen Eintracht Braunschweig stand nüchtern auf der Anzeigetafel, während auf dem Rasen die Emotionen Achterbahn fuhren. Die Gäste stapften nach ihrer ersten Niederlage nach der Coronapause kopfschüttelnd und mit gesenktem Haupt in die Kabine. Kurz danach teilte der FSV auf seiner Internetseite mit, was in der Schlussphase passiert wäre, hätten Zuschauer diese Partie live anschauen dürfen: "Mit unseren Fans wäre das Stadiondach weggeflogen."

Im Geistermodus aber blieb das Dach drauf und bot den zugelassenen Journalisten Schutz während des heftigen Gewittergusses, der gut eine Viertelstunde nach Abpfiff auf den Rasen prasselte. Als ob da oben einer säße, der etwas bereinigen wollte. Das riesengroße Pech vielleicht vom vergangenen Mittwoch in Münster? Der bitteren Last-Minute-Niederlage aufgrund eines unberechtigten Foulelfmeters folgte jedenfalls der umjubelte Last-Minute-Sieg - dank des ersten Kopfballtores von Morris Schröter in seiner jungen Profilaufbahn. Und das in der 95. Minute. "Das war enorm wichtig. Man hat gesehen, dass wir noch leben", sagte der 24 Jahre alte Flügelstürmer zu seinem siebenten Saisontor.

Doch was war zuvor schief gelaufen? Nach dem Rückstand quasi mit Halbzeitpfiff durch Eintracht-Torjäger Martin Kobylanski kam Zwickau in der 75. Minute zurück. Die Flanke des eingewechselten Can Coskun verwandelte der beste FSV-Torschütze, Elias Huth, zum 1:1. Zu dem Zeitpunkt waren die Aufstiegsanwärter aus Niedersachsen dem 2:0 näher als Zwickau dem Ausgleich. "Den Vorwurf müssen wir uns machen lassen, dass wir das 2:0 nicht nachgelegt haben. Wir hatten einige Hochkaräter", haderte später Eintracht-Coach Marco Antwerpen. In der Druckphase stand den Hausherren das Glück, das in den letzten Wochen das eine oder andere Mal gefehlt hatte, zur Seite. "Wir haben das Glück mit unserer Leidenschaft erzwungen", meinte Joe Enochs und erinnerte sich mit Erschrecken an die 91. Minute. Denn typisch für den FSV nach dem Re-Start, kassierte die Mannschaft, die stehend-k.-o. wirkte, in der Nachspielzeit den Treffer zum 1:2. Abwehrmann Davy Frick unterlief nach großem Pensum im Angriffsmodus ein Fehlpass. Braunschweig zeigte, warum es in der 3. Liga als das Team mit dem besten Umschaltspiel nach Ballgewinn gilt. Nach einem Zuckerpass in die Tiefe netzte der 21-jährige Yari Otto leichtfüßig und abgezockt ein. "Danach waren wir eigentlich mausetot", sagte Enochs später. Doch was fortan passierte, war kaum in Worte zu fassen. Der Coach griff eine halbe Stunde nach dem dramatischen Spiel im Interview auf seine Unterarme und meinte total erleichtert: "Ich habe jetzt noch Gänsehaut."

Unmittelbar nach Schröters Siegtor wusste der Fußballlehrer gar nicht so richtig wohin mit seinen Emotionen. Wie von der Tarantel gestochen lief er seinen Spielern in die Arme. Und er hätte diesmal auch sich selbst auf die Schulter klopfen können. Denn obwohl beim Stand von 0:1 oder 1:1 ein Standardspezialist wie René Lange (auf der Bank) dem Spiel eine Wende hätte geben können, blieb er bei seiner Taktik und wechselte positionsgetreu Can Coskun für Nils Miatke auf der linken Offensivseite ein. Und der Deutsch-Türke legte sich mächtig ins Zeug. Bei allen drei Toren, auch beim 13. Saisontreffer von Huth (90. +2), flankte er gefährlich in den Fünfmeterraum, wo Morris Schröter mustergültig auflegte.

Drei Minuten später kannte der Wahnsein keine Grenzen mehr. Schröters Siegtor könnte das wichtige seiner Karriere werden. Denn mit der Belohnung für den unbändigen Einsatz bis zur letzten Sekunde brachten sich die Rot-Weißen im Abstiegskampf wieder in Position. Durch das 1:1 des CFC gegen Uerdingen und das 0:0 der Münsteraner in Mannheim liegt es nun wieder in der Macht der Zwickauer, das schier Unmögliche doch noch möglich zu machen. Joe Enochs warnte aber bereits: "Das Erfolgserlebnis sollten wir einen Tag genießen, ansonsten aber auf dem Teppich bleiben."

Schon am Sonntag begann die Vorbereitung auf das Abstiegsendspiel gegen den Nachbarschaftsrivalen aus Chemnitz. FSV-Sportdirektor Toni Wachsmuth kündigte an, dass alle gesunden Profis, also auch jene mit auslaufenden Verträgen und die Leihspieler wie Elias Huth, im Derby auflaufen können. Während der CFC am letzten Spieltag Rostock empfängt, muss der FSV noch in Mannheim gewinnen, was vor dem Wochenende fast so aussichtslos erschien wie ein Triumph gegen Braunschweig.

Doch als am Samstag diese drei überlebenswichtigen Punkte eingesackt waren, schrien sich die Zwickauer bei brütender Hitze auf dem Rasen den ganzen Frust der letzten Wochen von der Seele. "Jaaaaa" hallte es auf die fast leere Tribüne. Mit "einfach Wahnsinn, unglaublich oder nicht zu fassen" versuchten die Beteiligten die Fußball-Nervenschlacht zu beschreiben. Und der FSV-Trainer fand nur schwer eine Erklärung dafür, wie es seine Schützlinge immer wieder schaffen, in aussichtsloser Lage diese Moral zu zeigen. "Wir als Mannschaft spüren, wie wichtig diese 3. Liga für den Verein, die Stadt und die Fans ist. Das schwappt wahrscheinlich auf die Spieler über", sagte Joe Enochs. Auf ihn wahrscheinlich auch, wobei er nach diesem erneuten Krimi zugab: "Nerven habe ich jetzt keine mehr."

StatistikFSV: Brinkies - Hehne, Reinhardt (V), Frick - Könnecke (V), Jensen (V) - Schröter (V), Wegkamp (46. Viteritti), Miatke (69. Coskun) - König, Huth. Eintracht: Engelhardt - Wiebe, Fürstner (78. Kessel), Nkansah - Putaro, Kobylanski (69. Nehrig), Kammerbauer, Kijewski - Biankadi (78. Proschwitz), Pourie (55. Bär), Schwenk (78. Otto). Schiedsrichter: Günsch (Marburg); Tore: 0:1 Kobylanski (45.+3), 1:1 Huth (75.), 1:2 Otto (90.+1), 2:2 Huth (90.+2), 3:2 Schröter (90.+5).

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