FSV Zwickau mit Köpfchen auch ohne König

Der FSV sieht im Sachsenderby gegen den Chemnitzer FC lange wie der Verlierer aus. Doch dann drehen die Hausherren mit drei Kopfballtoren das Spiel und siegen 3:2.

Zwickau.

Irgendwas muss wohl dran sein an dem Spruch mit den Totgesagten. Es war die 60. Minute im Sachsenderby der 3. Fußball-Liga. Der Chemnitzer FC führte vor nur 5750 Besuchern im Stadion Zwickau mit 2:0 nach Toren von Myroslav Slavov und Maurice Trapp. Und nach Spiel- und Chancenanteilen war der Gastgeber mit diesem Resultat noch gut bedient. Demzufolge hätten in dem brisanten Jahresfinale wohl nur noch jene FSV-Sympathisanten auf ihre Mannschaft gewettet, die Optimismus mit der Atemluft inhalieren. Auch Trainer Torsten Ziegner beschrieb die Gefühlslage nach einer Stunde Spielzeit später so: "Beim 0:2 war das Spiel für uns eigentlich tot. Da kann man auch mal auseinanderbrechen."

Das allerdings passierte nicht. Und es war nicht daserste Mal, dass die Rot-Weißen - ziemlich haarscharf am Abgrund stehend - noch die Kurve bekamen. In der Vorsaison klappte das als Vorletzter zur Winterpause mit einer außergewöhnlich starken Rückrunde und Rang fünf am Ende. Und so nahm Ziegner sein Team nach der Partie auf dem ramponierten Rasen im Kreis zusammen und impfte seinen Mannen ein, dieses Gefühl mitzunehmen in die Spielpause. Das Gefühl, was in schier aussichtsloser Lage alles möglich ist. Dass dies nicht immer funktionieren wird, dass der Gegner diesmal gehörig mithalf - wussten die Hausherren allerdings auch. Das sei die Hausaufgabe, die Ziegner seinen Profis nach der Weihnachtsfeier mit in die freien Tage gab: "In der Winterpause haben wir monstermäßig Arbeit vor uns", sagte er und verabschiedete sich in den Urlaub. Weihnachten erlebt Torsten Ziegner mit seiner Familie im heißen Florida.

Vieles deutet darauf hin, dass zum Trainingsauftakt am 2. Januar ein alter Bekannter in Zwickau aufschlagen wird. Innenverteidiger Jonas Acquistapace ist unzufrieden mit seiner Reservistenrolle bei den Sportfreunden Lotte. Ziegner hatte den 1,90-m-Hünen bereits vor einem Jahr in der Winterpause geholt und in der Abwehr dadurch an Stabilität gewonnen. Am Saisonende konnte man sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen. Nun soll das Wechselspiel erneut funktionieren.

Außerdem wird noch ein Stürmer gesucht. Konkurrenz also für einen Fabian Eisele zum Beispiel. Der Angreifer durfte beim Hüpfen im Mannschaftskreis in die Mitte. Der 22 Jahre alte Schwabe war mit seinen zwei Toren aus Zwickaus Sicht der Mann des Tages. Schon zwei Wochen zuvor in Köln rettete er seinem Team mit seinem LastMinute-Tor einen Zähler. Nun gelangen ihm bei seinem Startelfdebüt zwei Kopfballtore innerhalb von drei Minuten. Und auch das dritte Gegentor aus CFC-Sicht gelang dem FSV per Kopf: Bentley Baxter Bahn nickte einen Eckball von René Lange zum 3:2-Endstand ein. Am Ende blieb ein kurioses Fazit: Zwickau kann mit dem Kopf auch ohne seinen besten Kopfballspieler und Torjäger, Ronny König (7 Treffer) - und ohne ein Tor des 34-jährigen Routiniers auch noch gewinnen.

Fabian Eisele stand mit seiner "Auferstehung" ab der 64. Minute quasi sinnbildlich für die Zwickauer Spieler, die im ersten Abschnitt jedwede Zweikampfschärfe vermissen ließen. Eisele verlor fast jeden Ball. "Angst, dass ich in der Halbzeit ausgewechselt werde, hatte ich nicht. Klar hat uns ,Pommes' (Torhüter Brinkies/Anm. d. Red.) im Spiel gehalten. Aber bei einem 0:1 ist immer noch alles drin", erklärte der Stürmer. Eisele freute sich besonders, dass er seine Leistung aus dem Hinspiel, als Zwickau in Chemnitz 0:1 unterlag, korrigieren konnte: "Da war ich eingewechselt worden und hatte die Riesenchance zum Ausgleich verballert." Bleibt noch eine Frage: Ob Fabian Eisele denn auch schon mal so einen Elfmeter-Lupfer verwandelt habe, wie ihn sein Kollege Daniel Frahn in der 37. Minute versuchte, im stoisch auf der Linie stehenden Johannes Brinkies aber seinen Meister fand. "Nein", lächelte Fabian Eisele: "Das mache ich höchstens einmal im Training."

Statistik FSV: Brinkies - Barylla, Antonitsch, Wachsmuth, Göbel (V) - Lange (V) - Bahn, Könnecke (90. Ferfelis), Miatke (60. Mauersberger) - Eisele (87. Hodek), König. CFC: Kunz - Leutenecker (V), Mbende, Trapp, Koch (39. Mlynikowski/V) - Reinhardt (85. von Piechowski), Grote - Hansch, Baumgart - Slavov, Frahn (85. Breitfelder). Schiedsrichter: Lossius (Sondershausen); Zuschauer: 5750; Tore: 0:1 Slavov (18.), 0:2 Trapp (60.), 1:2, 2:2 Eisele (64./66.), 3:2 Bahn (78.).

Geschenke vorn und hinten

Das Sachsenderby ist für den CFC ein Spiegelbild der Saison: Dumme Fehler machen viel kaputt. Besonders ärgerlich war in Zwickau, was der beste Torjäger ablieferte.

Von Thomas Scholze

Es hat wohl schon lustigere Weihnachtsfeiern gegeben als die des Chemnitzer FC am Samstagabend. Frustriert saßen Spieler und Offizielle nach der rund vier Stunden alten Pleite im Sachsenderby beisammen. Eine Niederlage, die exemplarisch für die ganze Hinrunde dieser Drittligasaison steht. Was sie mühsam aufbauen, reißen sie in kurzer Zeit wieder ein. Auch nach dem über 60 Minuten "wohl besten Saisonspiel", wie es Maurice Trapp einschätzte, steht der CFC am Ende mit leeren Händen da.

Dem Team reichte in Zwickau sogar eine 2:0-Führung nicht für Punkte. Die Fehler beim Verteidigen waren erneut eklatant. Es waren aber nicht die diesmal sehr aufmerksamen Innenverteidiger Trapp und Mbende, die patzten. Der eingewechselte Marcus Mlynikowski verweigerte beim Zwickauer Anschlusstreffer das Kopfballduell mit dem Schützen Eisele, beim Ausgleich schätzte Torhüter Kevin Kunz die Flugbahn des aufsetzenden Eisele-Kopfballs falsch ein. Beim dritten FSV-Tor binnen 14 Minuten pennte vor allem Tom Baumgart. Eine "Ewigkeit" war Bahns Kopfball-Bogenlampe unterwegs, ehe sie sich ins lange Eck des CFC-Kastens senkte. Der Chemnitzer Youngster schaute sich das neben dem Pfosten verharrend an - dem Trainer an der Seitenlinie stand dasEntsetzen ins Gesicht geschrieben.

Wie schon eine knappe Stunde zuvor, als Daniel Frahn zur Ausführung eines dem CFC zugesprochenen Elfmeters angetreten war. Der Torjäger hatte viel Zeit, über die Ausführung nachzudenken. Zu viel Zeit. Was ihm einfiel, war ein Rohrkrepierer. Frahn lupfte den Ball in die Tormitte - in die fangbereiten Arme von Johannes Brinkies. Zwickaus Trainer Torsten Ziegner hatte seinen Torwart vor der Partie darauf hingewiesen, dass Frahn Strafstöße gern auf diese Art zu verwandeln versucht. Brinkies wusste Bescheid. Und Daniel Frahn war schnell klar, dass er lieber richtig gegen den Ball hätte treten soll. Sagen wollte der 30-Jährige am Samstag nichts mehr. Nicht zum Elfmeter, nicht zu seiner anderen Großchance, als er im Strafraum freistehend die Kugel nicht richtig traf. Es wäre das 3:1 für den CFC gewesen. Eine von vielen Gelegenheiten, die die Himmelblauen im Stadion Zwickau liegen ließen.

Hätte, wäre, wenn - das zieht sich durch den ganzen Herbst. Jetzt ist erst einmal Winter und für Chemnitzer Spieler Urlaub. Am 2. Januar geht es weiter. Ob Horst Steffen dann noch die Kommandos geben wird? Das weiß der Trainer nicht einmal selbst.

Stimmen zum Sachsenderby

Johannes Brinkies, FSV-Torhüter: "Vom Loslaufen des Schützen bis zum Ball bleibt nicht so viel Zeit zum Überlegen. Der Instinkt spielt eine große Rolle. Ich bin einfach stehengeblieben. Nur die letzte halbe Stunde war stark von uns."

Toni Wachsmuth, FSV-Kapitän: "Das war eine Stunde lang kein gutes Spiel von uns. Der Keeper hat uns am Leben gehalten. Aber wir haben uns auch als Mannschaft da rausgezogen. Es ist immer wichtig, nicht den Glauben zu verlieren. Jetzt freue ich mich auf das Fest mit meiner Familie."

Julius Reinhardt, CFC-Mittelfeldpieler: "Es ist unfassbar, wie wir dieses Spiel noch auch der Hand geben können. So eine 2:0-Führung muss man mit aller Macht verteidigen, wir können das nicht. Vor uns liegen nun 18 Endspiele - Hoffnung, dass es im neuen Jahr besser wird, macht mir aktuell aber nichts."

Maurice Trapp, CFC-Verteidiger: "Ein bitterer Tag. Wir hatten das Spiel über eine Stunde lang komplett im Griff, haben uns dann selbst um den Lohn unserer Arbeit gebracht." (tp/ts)

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