Zweitliga-Aufstieg des FSV Zwickau: Arbeiten, trainieren, siegen

Heute vor 25 Jahren stieg der FSV Zwickau in die 2. Fußball-Bundesliga auf. Mehr als dieser sensationelle Fakt imponierte damals, wie das geschah. Dabei gibt es Parallelen zum heutigen Verein des Sachsenring-Nachfolgers.

Zwickau/Chemnitz.

In der letzten Busreihe auf der Rückfahrt von Brandenburg nach Zwickau soll es gequalmt haben. Nicht weil der Mannschaftsbus ein Problem hatte, sondern die eine oder andere Zigarre die Runde machte. "Ich kann mich nicht mehr erinnern", antwortet Torsten Viertel auf die entsprechende Frage zweideutig eindeutig. Aber nach diesem Erfolg, dem sensationellen Aufstieg des FSV Zwickau in die 2. Bundesliga, waren jegliche Feierszenarien auch bei einem strengen Trainer wie Gerd Schädlich genehmigt. Mannschaftsleiter Alois Glaubitz erinnert sich so an die Aufstiegsmannschaft von 1994: "Wir hatten richtig gute Typen. Und gefeiert haben wir sowieso immer ..."

An diesem 11. Juni vor 25 Jahren brachen alle Dämme im Brandenburger Stadion. Die 3000 mitgereisten FSV-Anhänger stürmten den Rasen und rissen ihren Lieblingen förmlich die Trikots von Leib. Libero Bernd Tipold sagte damals der "Freien Presse": "Die Fans haben uns sogar noch die Schuhe und teilweise die Socken ausgezogen. Diesen Tag werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen."

Das kleine Zwickau in der 2. Liga im großen deutschen Fußballland. Dass so etwas möglich war, hat viel mit Trainer Gerd Schädlich zu tun. Der heute 66-Jährige kam in der Winterpause 1990/91 zum FSV, formte ein Team mit klarer Hierarchie. Es gab von Jahr zu Jahr keine Umbrüche wie sie heute an der Tagesordnung sind, punktuelle Verstärkungen förderten das Spielverständnis, was einer der Hauptgründe für den Aufstieg war. Typen wie Tipold, Kapitän Ralf Wagner oder Ralf Schneider gaben den Ton an. Talente, u. a. Lars Hermel oder Sven Günther, bereicherten das Team mit ihrer Frische. Schädlich erinnert sich mit Stolz: "Wir haben uns als Mannschaft präsentiert und von der Geschlossenheit gelebt. Die Führungsspieler waren in der Lage, viele Dinge selbst in der Kabine zu klären. So wünscht sich das ein Trainer."

Mannschaftliche Geschlossenheit, Führungsspieler - das sind durchaus Merkmale, die zum heutigen FSV, der gerade zum dritten Mal die Klasse in der 3. Profiliga gehalten hat, passen. Auch das ist eine Meisterleistung unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen, die nie leicht waren beim Nachfolgeverein der BSG Sachsenring. Auch nicht vor 25 Jahren. Und genau diese finanziellen Engpässe steigern die Wertigkeit des Aufstiegs noch. Nach zwei sportlich vergeblichen Anläufen in die 2. Liga galt damals die zweite Saison das Amateurprinzip rund ums Westsachsenstadion. Tagsüber arbeiten, abends trainieren und am Wochenende möglichst siegen - so hieß in der Saison 1993/94 zunächst die Versuchung, der am Ende niemand widerstand. Gerd Schädlich: "In der Saison haben wir nach 20 Jahren erstmals wieder beim Rivalen in Aue gewonnen, mit 1:0", spricht der Coach im Ruhestand von einem Aha-Effekt. "Danach hat sich so etwas wie eine Eigendynamik entwickelt."

Von dieser profitierte auch der gefeierte Mann von Brandenburg. In der Aufstiegsrelegation hämmerte Torsten Viertel in der 80. Minute einen Ball unter die Latte. Das Tor zum 1:1 stellte die Weichen auf Aufstieg und kam zur rechten Zeit, denn die BSG Stahl war nach dem 1:0 am Drücker und wäre bei einem 2:0 selbst aufgestiegen. "Es war eines meiner schönsten Tore, im Männerbereich auf jeden Fall. Damit war der Deckel drauf. Nach dem Abpfiff gab es kein Halten mehr", erzählt Torsten Viertel 25 Jahre später. Leicht ergraut sitzt der heute 52-Jährige bei Kaffee und Kuchen und kramt in den Erinnerungen. "Auch wenn das heute kaum einer glaubt: Wir Spieler sind alle arbeiten gegangen, zum Teil auf dem Bau bei Sponsor Keilberg. Einige haben studiert. Wir hatten ein Jahr benötigt, um uns daran zu gewöhnen", sagt Viertel und erzählt von der Frage des Trainers, die er nicht nur einmal hörte: "Torsten, wo kommst du denn jetzt erst her?" Der erinnerte den Coach: "Trainer, wir müssen doch arbeiten gehen."

Viermal in der Woche abends wurden die Grundlagen im Training gelegt. Torsten Viertels Einsatz in Brandenburg stand aber auf der Kippe. Der langhaarige Typ Frauenschwarm holte nicht immer alles aus seinem Potenzial heraus, was im Verhältnis zum Trainer manchmal Reibung erzeugte. Heute lächeln beide darüber. Viertel hat eingesehen, dass er noch mehr als die 2. Liga hätte erreichen können, wirkt aber überhaupt nicht unzufrieden. Das Image des Hallodris habe er damals auch getragen, weil er selbst nach der Quälerei im Training noch manchmal ein verstecktes Lächeln aufsetzen konnte, während andere schweißgebadet ins Gras sanken und nach Luft japsten. "Das war vielleicht mein Nachteil. Aber nur mit Talent schafft es ein Hallodri auch nicht in die 2. Liga", sagt Viertel, der vier Jahre in der zweithöchsten Spielklasse mit Zwickau kickte und dann nach einer Verletzung seine Profilaufbahn beendete.

Ehrlich gibt der gebürtige Karl-Marx-Städter aber auch zu: "Ja, mit der geistigen Reife von jetzt wäre dieser Traum von der Bundesliga vielleicht möglich gewesen. Auch wenn ich die schönen Stadien heute - selbst in der 3. Liga - sehe, würde ich gern noch Fußball spielen." Doch auch ohne das runde Leder kommt Viertel (Spitzname "der Halbe") als Selbstständiger im Marketing gut zurecht. Den explodierenden Spielergehältern trauert er nicht hinterher. Vieles ist ihm im heutigen Fußball zu sehr ins kommerzielle "Schickimicki" abgedriftet. Wenn die Sprache auf flache Hierarchien und Bundestrainer Löw kommt, verdreht er nur die Augen. Ein Abo vom Bezahlsender Sky will er gar nicht. "Eine schicke Klamotte, mal schön essen gehen, ein Urlaub in Italien oder einfach das Leben mit meiner Freundin und meiner Familie genießen - das reicht mir", sagt Viertel. Und wenn er dann noch die Anerkennung nach so langer Zeit spürt und sogar erfährt, wie damals gefeiert wurde, kann man das mit Geld nur schwer aufwiegen.


Ein Tag des Jubels 

Von Thomas Croy

Aller guten Dinge sind drei. In den 1990er-Jahren hatte der FSV zweimal vergeblich Anlauf zur 2. Bundesliga genommen. 1991 landete Zwickau in der Aufstiegsrunde hinter Lok Leipzig und Stahl Eisenhüttenstadt auf dem 3. Platz. 1992 wurde der FSV hinter dem VfL Wolfsburg Zweiter. Zwei Jahre später sollte es endlich klappen. In der Relegation setzten sich die Schützlinge von Trainer Gerd Schädlich gegen Energie Cottbus und Stahl Brandenburg durch.

Der 11. Juni 1994 hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Ich war damals gemeinsam mit meinem Vater Manfred in Brandenburg im Stadion. Wie jubelten wir über Torsten Viertels unhaltbaren 25-Meter-Schuss zum Ausgleich in der 80. Minute! Damit war der Aufstieg klar. Als Schiedsrichter Janßen aus Dormagen an jenem Samstagnachmittag kurz nach 17 Uhr die Partie abpfiff, stürmten 3000 mitgereiste Fans auf den Rasen, um ihre Mannschaft zu feiern. Keiner konnte die Zwickauer Fußballanhänger davon abhalten, ihre Idole in die Arme zu schließen und ihnen minutenlange Jubelgesänge zu widmen. Mit einem rot-weiß geschmückten Fahrzeugkorso auf der Autobahn taten die Westsachsen auf der Heimfahrt allen kund, dass Zwickau nun zu den besten Teams aus dem Osten der Republik gehört. Auch aus unserem Lada wehte ein FSV-Schal. Die Fete ging in der Nacht nach der Ankunft des Mannschaftsbusses vorm Westsachsenstadion und am nächsten Tag im Festzelt auf der Westsachsenschau am Platz der Völkerfreundschaft weiter.

Die älteren Fans des heutigen Drittligisten Zwickau schwelgen gern in Erinnerungen an jene Zeit. Den Aufstieg hat damals eine Truppe von Spielern aus der Region geschafft, die hier verwurzelt waren und mit dem Herzen am Verein hingen. Das Abenteuer 2. Bundesliga währte immerhin vier Jahre. Die kann dem FSV keiner nehmen.


So lief die Saison 

In der Aufstiegsrunde traf der FSV Zwickau in Hin- und Rückspiel auf Energie Cottbus (3:0/3:1) und die BSG Stahl Brandenburg (2:1/1:1). Mit drei Siegen und dem finalen Remis in Brandenburg lösten die Westsachsen das Ticket für die 2. Bundesliga.

Im Saisonverlauf hatte der FSV am 26. März mit dem 1:0-Sieg beim Rivalen FC Erzgebirge Aue erstmals die Tabellenspitze erobert und bis zum Schluss nicht mehr hergegeben. Als beste Zwickauer Torschützen zeichneten sich in der Spielzeit Gabriel Bertalan und Jens Heineccius mit jeweils zwölf Treffern aus.

Mit dem Aufstieg war die vierte sächsische Mannschaft in der 1. (Dynamo Dresden) und mit dem Chemnitzer FC und dem VfB Leipzig in der 2. Bundesliga vertreten. Der FSV Zwickau gehörte nun zu den besten Teams aus dem Fußballosten.

FSV-Aufstellung im finalen Spiel gegen die BSG Stahl vor 10.000 Zuschauern in Brandenburg: Kircheis - Tipold - Barylla, Kubatzky - Wagner, Viertel, Schneider, Tautenhahn (V), Hermel - Heineccius (88. Leonhardt), Spranger (72. Bertalan). Schiedsrichter: Janßen (Dormagen). Tore: 1:0 Steffen (51.), 1:1 Viertel (80.). (tp)

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