Ungewohnte Töne in der Zeitung - Wie die "Freie Presse" die Wende begleitete

Im November 1989 öffnete sich die "Freie Presse" oppositionellen Parteien und Organisationen, stellte wöchentlich - später fast täglich - Seiten zur Verfügung, die von den neuen politischen Akteuren gefüllt wurden.

Im Winter 1989/90 dürften sich viele Leserinnen und Leser die Augen gerieben haben, als sie morgens ihre "Freie Presse" aufschlugen. Da plauderte etwa am 3. Februar 1990 ein Informant des Ministeriums der Staatssicherheit aus dem Nähkästchen: "Ich war acht Jahr lang bei der Kirche tätig, hier lag meine Hauptaufgabe. Das MfS wollte von mir Infos über kirchliche Veranstaltungen und kirchliche Mitarbeiter haben. Man interessierte sich zum Beispiel, was die Leute für Laster haben: Alkoholprobleme, sexuelle Fehltritte, wie die Ehe ging und so weiter ..." Und: Ja, er sei für seine Informationen bezahlt worden, "aber reich werden konnte man davon nicht. Mal gab's 200 Mark, mal weniger. Meistens bekam ich irgendwelche Waren, wie beispielsweise ein Kaffeeservice, eine erzgebirgische Pyramide und so weiter. Auch die Kirchensteuer wurde für mich bezahlt."

Ein paar Tage später wird auf einen ehemaligen Bezirksstaatsanwalt, der offenbar an der Vertuschung eines staatlich organisierten Kunstraubs in der DDR beteiligt war, verwiesen, der nun als Mitglied eines "Untersuchungsausschusses zur Aufdeckung von Amtsmissbrauch und Korruption im Bezirk Karl-Marx-Stadt wieder auftauchte. Wieder einige Tage später wird in einem Beitrag auf die "Trostlosigkeit" des Fritz-Heckert-Wohngebietes hingewiesen, "völlig unterentwickelte Infrastruktur, widersinnige Straßenführung mitten durch die Wohngebiete, ... Schmutz und Unrat, überfüllte Schulen, ... Zerstörte Fußgängertunnel, Telefonzellen, Fahrstühle und so weiter sind Ausdruck der hohen Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen."

Woraufhin sich einige Tage später aber Kritik aus dem Wohngebiet meldete. Dann wird der gesellschaftswissenschaftlichen Sektion der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt vorgehalten, dass sie möglichst viele "Stalinisten" in die neue Zeit "hinüberretten" will und immer noch ein Geschichtsbild wie "zu Honeckers Zeiten" pflege.

Das waren ungewohnte Töne - selbst in der sich langsam selbst aus den Fängen der SED befreienden Zeitung, deren "Organ" sie vier Jahrzehnte lang war. Und diese Texte waren auch mit einem Zusatz versehen, der sie von den Beiträgen der übrigen Zeitung unterschied: "Verlag und Redaktion der 'freien presse' übernehmen keine Haftung." Aus gutem Grund, denn im November 1989 öffnete sich die Zeitung den "neuen Parteien und Organisationen", stellte ihnen mitunter fast täglich eine Seite zur Verfügung, die sie selbst gestalten konnten. Das Neue Forum, der Demokratische Aufbruch, die Vereinigte Linke, die Grüne Partei und die SPD aus Karl-Marx-Stadt, Plauen, Freiberg, Zwickau, die nicht über eigene Presseerzeugnisse verfügten, nutzten diese Gelegenheit, um unzensiert auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen - besonders im Wahlkampf vor den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990. Dass auch die zur PDS mutierte SED eine solche Seite eingeräumt bekam, verwundert etwas, mag mit der Vergangenheit der Freien Presse zusammenhängen und mit der Interpretation, dass die PDS ja nun auch eine "neue" Partei sei und nicht mehr über ein "Bezirksorgan" verfügte.

Die Zusammenarbeit war durchaus ersprießlich, wie sich Protagonisten beider Seiten erinnern. Andreas Bochmann, anfangs Pressesprecher des Neuen Forum und gemeinsam mit Günter Saalmann und Rainer Klis (der später zur SPD wechselte) für einige dieser Seiten verantwortlich, versichert, es habe "keinerlei Berührungsängste mit dem Zentralorgan der SED gegeben". Zum einen habe man ja schon zuvor Sicherheitsgespräche mit der SED-Bezirksleitung geführt - "aus der Sorge heraus, dass der Staat gegen uns vorgeht. Die Wende war ja unabwendbar, aber das machte die Stasi auch gefährlich". Zum anderen führten die Demonstrationen mit den Rufen "freie Presse!" und "Pressefreiheit" immer am Hauptgebäude der "Freien Presse" in der Brückenstraße vorbei, und auch aus dem Haus hätten Beschäftigte der Zeitung in die Rufe eingestimmt, "wahrscheinlich Drucker", vermutet Bochmann.

Tatsächlich, erinnert sich ein Mitarbeiter der "Freien Presse", waren "mit den regelmäßig am Redaktionsgebäude vorbeiziehenden und "freie Presse" und "Pressefreiheit!" rufenden Protest-Demos und den ersten Rücktritten in der Chefredaktion die redaktionelle Atmosphäre ein Gemisch von Unbehagen und Aufbruch. Erste Redakteure stellten sich an die Spitze und übernahmen die abstrichlose Berichterstattung über die allerorts stattfindenden Kundgebungen mit ihren markigen Forderungen und den zu diesem Zeitpunkt noch 'staatsgefährdenden Äußerungen', sicherten im Veranstaltungszentrum Forum die ausführliche und nicht einfache Wiedergabe stundenlanger Debatten mit Hunderten Bürgern und Funktionären der Stadt und des Bezirkes und vertraten schließlich auch an den verschiedenen Runden Tischen im Bezirk die Zeitung, die aufgrund tatsachenverzerrender Veröffentlichungen um die Geschehnisse am 7. Oktober permanent unter heftigster Kritik stand."

Die neuen Parteien, Organisationen und Bürgervereinigungen forderten Platz in der Zeitung. Und "unter Aussetzung aller allgemeinen journalistischen und redaktionellen Grundprinzipien, begann die "Freie Presse", diesen Vereinigungen ganze Seiten blanko ohne redaktionelle Einrede zur Verfügung zu stellen mit dem Ziel, neue Ideen, Vorschläge, Reformen und Demokratie-Forderungen in die Öffentlichkeit zu bringen."

Am 18. November 1989 enthielt die Zeitung erstmals eine fortan wöchentlich erscheinende Seite "Forum des Neuen Forum im Bezirk Karl-Marx-Stadt". Damit war die "Freie Presse" die erste Parteizeitung, die sich auf diese Art für einen breiten Bürgerdialog öffnete.

Tatsächlich, so Andreas Bochmann, gab es "keine Eingriffe oder Reglements der Redaktion für diese Seiten. Wir waren froh, dass wir veröffentlichen konnten und wir konnten alles veröffentlichen, was wir wollten, so weit Platz war."

Die von den jungen demokratischen Organisationen gefüllten Zeitungsseiten waren eine Mischung aus journalistischen Beiträgen, Veranstaltungsmitteilungen und programmatischen Beiträgen. Das Neue Forum versuchte in mehreren Beiträgen, die Arbeitsweise der Staatssicherheit offenzulegen, sorgte sich aber gleichzeitig um einen fairen und nicht Gewalt provozierenden Umgang mit Vertretern der alten Staatsmacht. "Mit manchen Beiträgen über Stasi-Machenschaften hatten wir richtig Ärger", erinnert sich Andreas Bochmann, "da ist uns auch kurz mulmig geworden."

Der Demokratische Aufbruch setzte sich schon relativ früh für die Deutsche Einheit ein, sprach sich aber auch für eine starke Mitbestimmung in den Betrieben aus, deren radikaler Wandel sich schon abzeichnete. Die Grünen machten teilweise sehr konkret auf Umweltprobleme aufmerksam, erklärte die Bewertung von Schwefeldioxid-Messdaten, Symptome von Krankheiten, die aus der Luftverschmutzung herrühren und welche Qualität sauberes Trinkwasser haben muss. Sie propagierte damals schon "Sonne, Wind und Wasser als Energiequellen der Zukunft". Die Vereinigte Linke setzte sich für eine konsequente Friedenspolitik ein, forderte die Auflösung beider Militärblöcke, "kontrollierte Abrüstung und auf Defensivkonzepte umgestellte Militärdoktrinen beider Seiten". Die SPD gab sich seriös und staatstragend, betonte soziale und ökologische Belange beim demokratischen Wandel. Die PDS präsentierte sich als gewendete Partei, die "einen radikal-demokratischen Neuaufbau ... in Inhalt und Form unserer Arbeit" anstrebe. Die Frage nach dem Weg zur deutschen Einheit spielte vor allem im Wahlkampf vor dem 18. März bei allen eine Rolle.

Insgesamt spiegeln diese oft kleinteiligen Seiten ohne klares Layout die Stimmung jener Zeit eindrucksvoll wider: Aufbruch in eine Demokratie einerseits, die Ängste vor Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit andererseits, Aufklärung über Missstände in der Umwelt, mit "Wendehälsen" unter den alten Eliten, die Sehnsucht nach der D-Mark und die Angst vor Vereinnahmung durch den "Westen".

Mitte März 1990 endete dieses Intermezzo von Parteien und Organisationen bestimmter Zeitungsseiten. Inzwischen nutzten aber auch gestandene und neue Redakteurinnen und Redakteure der "Freien Presse" die erkämpfte Pressefreiheit.

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    Neideiteln
    21.05.2021

    Danke auch für diesen Artikel. Zur Wendezeit habe ich alles andere als die Freie Presse gelesen - von daher sehr interessant, etwas darüber zu erfahren.