"Den hätte jeder reingemacht, jedes Kind ..."

Der ehemalige Auerbacher Andreas Bielau über das Spiel seines Lebens und wie er es heute sieht

Auerbach.

Andreas Bielau (62) stammt aus Auerbach. Für ein paar Tage war er der berühmteste Fußballer der DDR. Heute vor 40 Jahren schoss der Stürmer, der damals für den FC Carl Zeiss Jena spielte, den AS Rom aus dem Rennen. Es war eines der spektakulärsten Europapokalspiele einer DDR-Mannschaft. Wie hat Andreas Bielau den großen Tag in Erinnerung? Was macht er heute? Erik Kiwitter hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Wie oft haben Sie sich das Spiel gegen den AS Rom und ihre beiden Tore bisher angeschaut?

Andreas Bielau: Mindestens 20 Mal. Bei bestimmten Treffen werden immer mal wieder die Tore gezeigt. Zum Beispiel, als wir Spieler von damals uns 2016 in das Goldene Buch der Stadt Jena eintragen durften. Vielleicht schaue ich mir heute oder morgen auf meinem Laptop noch einmal ein paar Szenen an, aus gegebenem Anlass.

Freie Presse: Die Ausgangslage war ja damals in der 1. Runde des Europapokals bescheiden. Der FC Carl Zeiss hatte das Hinspiel in Rom 0:3 verloren. Praktisch ist man da raus.

Vielleicht ist das so. Aber ob Sie es heute glauben oder nicht, wir haben uns vor dem Rückspiel gesagt: Hier geht noch was. Das war keine Durchhalteparole. Von der ersten Sekunde an ist die Mannschaft gerannt, als hätte Trainer Hans Meyer ein paar Stiere auf sie gehetzt. Es gab Leute, die haben noch viele Jahre später zu mir gesagt: So haben wir noch nie eine Mannschaft rennen sehen.

Sie waren 1980 neu in Jena. Bis dahin spielten sie in Zwickau.

Eigentlich stamme ich aus Auerbach im Vogtland, bin dort in die damalige Goetheschule gegangen, war dort in meiner Freizeit Leichtathlet und Fußballer. Mit 16 bin ich dann als Lehrling in den VEB Sachsenring nach Zwickau. Dort hatten mich die Fußballer noch gar nicht auf dem Schirm. Irgendwann haben sie mich dann bei einem Spiel in Auerbach entdeckt.

Zwickau war für Sie ein gutes Pflaster, die BSG Sachsenring spielte in der DDR-Oberliga. Wie haben es die Funktionäre damals aufgenommen, als es hieß, es geht nach Jena zum FC Carl Zeiss?

Soll ich ehrlich sein? Es gab böses Blut. Die Verantwortlichen haben mir das übel genommen und mir sogar meine Urlaubsreise nach Bulgarien, die für mich und meine Freundin schon gebucht war, gestrichen.

Der FC Carl Zeiss war gut betucht, sein Trägerbetrieb war weltweit aktiv. Warum sind Sie nach Jena?

Ich habe 5000 DDR-Mark Handgeld bekommen. Das war viel Geld. Aber das war nicht ausschlaggebend, auch wenn mir das vielleicht keiner glaubt. Jena war ein Spitzenklub, ich wollte mich weiterentwickeln, in Zwickau ging das nicht.

Und dann am 1. Oktober Ihr erstes Europapokalspiel für Jena. Beim Stand von 2:0 für den FC Carls Zeiss wurden Sie eingewechselt. Das 2:0 hätte noch nicht gereicht, um eine Runde weiterzukommen.

Das stimmt. Es war die 71. Minute. Das kleine Stadion war ein Hexenkessel, alles tobte fast ohne Unterbrechung. Ich war kein bisschen aufgeregt, weil das Spiel so gut lief.

Wenn Sie nachts um 2 jemand wecken würde, könnten Sie ihm ohne zu überlegen erzählen, wie Sie Ihre beiden Tore geschossen haben?

Ja, ich denke schon. Beim 3:0 war ich erst ein paar Sekunden auf dem Platz. Meine erste Ballberührung überhaupt im Spiel. Eberhard Vogel spielt flach zu mir vor das Tor, ich stehe völlig frei und schiebe den Ball mit dem Innenrist ins Netz. Den hätte jeder reingemacht, jedes Kind, da bin ich ganz ehrlich.

Und das 4:0 kurz vor Schluss?

Da hatte ich großes Glück. Der Ball sprang irgendwie zu mir. Ich versuchte es mit einem Seitfallzieher und es klappte. Ein italienischer Abwehrspieler wollte den Ball noch mit der Hand herausholen, aber das klappte nicht.

Und dann?

Und dann war das Spiel drei Minuten später zu Ende. Die Leute haben den Platz gestürmt und uns abgeküsst. Für mich was das Spiel mein Durchbruch beim FC Carl Zeiss.

Dann ging es bis ins Finale nach Düsseldorf. Der Gegner hieß Dynamo Tiflis. Wie groß war die Enttäuschung nach der 1:2-Niederlage?

Riesig. Aber wir hatten in den Runden davor immer so viel Glück. Irgendwann ist es aufgebraucht, so ehrlich muss man sein.

Hat sich diese Pokalsaison mit dem Einzug ins Finale finanziell gelohnt?

Für die damaligen Verhältnisse haben wir in Jena richtig viel bekommen. Für das Weiterkommen gegen Rom waren es 4000 DDR-Mark für jeden Spieler. Das hat sich dann von Runde zu Runde gesteigert. Als wir das Finale erreicht haben, gab es so um die 20.000 Mark, ganz genau weiß ich das nicht mehr. Das war sehr viel Geld für uns. Als ich 1987 von Jena nach Zwickau zurück bin, habe ich mir von dem Geld ein Reihenhaus gekauft, in dem ich noch heute wohne.

Unabhängig vom verpassten Finalsieg: Gibt es noch etwas, was Sie gern erreicht hätten oder was Sie wurmt?

Ich habe neunmal in der Nationalmannschaft gespielt - aber kein Tor geschossen. Und das als Stürmer. Ja, das ärgert mich heute noch, Jahrzehnte später.

Wie ging es nach Ihrer Laufbahn weiter?

Bis zur Wende spielte ich noch in Zwickau. Dann war zwei Jahre arbeitslos und habe umgeschult, mich zum Physiotherapeuten ausbilden lassen. Mit meiner Frau hatte ich eine eigene Praxis. Seit der Scheidung bin ich da aber nicht mehr mit dabei. Seit einigen Jahren bin ich in der Gemeinde Mülsen als Rettungsschwimmer angestellt. Und ich habe wieder eine Lebensgefährtin. Sie heißt Roswitha und ist Zahnärztin.

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