"Hat die Plauener Spitze eine Zukunft, Herr Reinhardt?"

Der Vorsitzende des Branchenverbandes fordert die Sticker im Interview zu größerer Flexibilität auf

Die Bilanz der vogtländischen Textilfirmen war zuletzt durchwachsen. Zu den Chancen der Branche äußerte sich der neue Chef des Branchenverbandes Plauener Spitze, Andreas Reinhardt, im Gespräch mit Lutz Hergert.

Freie Presse: Stickereien auf der Kleidung sind der neue Trend. Im Vogtland stellte zum Jahreswechsel eine Stickerei den Betrieb ein. Eine Firma beendete die Insolvenz erfolgreich, eine andere kämpft darum. Macht es bei dieser Entwicklungen Sinn, auf Technische Textilien zu setzen?

Reinhardt: Der Mode- und Objektbereich in der deutschen Textilindustrie stagniert seit 10, 15 Jahren. Am Trend mit der Stickerei für Mode partizipieren regionale Unternehmen weniger, da sie vorrangig auf Heimtextilien ausgerichtet sind. Mit Technischen Textilien erwirtschaftet die deutsche Textilindustrie bereits mehr als 50 Prozent des Umsatzes. Das Wachstum wird sich fortsetzen. Insoweit ist der strategische Fokus auf den neuen Bereich richtig.

Also sollten Stickereien weiter auf Technische Textilien setzen?

Reinhardt: Das Problem ist, dass es sehr lange dauert, bis gestickte Produkte für technische Anwendungen in Serie gehen und Geld damit verdient werden kann. Dazu kommt, dass gestickte Materialien nur Halbzeuge sind, die weiterverarbeitet werden müssen. Um solche Projekte umzusetzen, müssen die Firmen Technologie- und Vermarktungspartner suchen, also Netzwerke und neues Know-how aufbauen. Das ist oft schwierig, die Voraussetzungen sind aber in Sachsen gut.

Warum?

Reinhardt: Knapp 80 Prozent der ostdeutschen Textiler sind in Sachsen. Die TUs in Dresden und Chemnitz sind mit führend bei der Entwicklung Technischer Textilien, namhafte Institute wie das TITV in Greiz oder das STFI in Chemnitz befinden sich hier. Dies ist ein Vorteil. Die Branche hat ein Netzwerk etabliert. Ich sehe auf dem Gebiet sehr gute Chancen. Bis die umgesetzt werden, müssen die Sticker von den Produkten leben, die sie haben.

Ist angesichts der Entwicklung der Begriff "Plauener Spitze" im Namen des Branchenverbandes noch zeitgemäß?

Reinhardt: Ich sehe Technische Textilien als ein zusätzliches Standbein. Der Branchenverband fungiert als textiler Fachverband, Markenverband und Interessenvertretung für die Stickerei. Mit Gründung 1990 konnte der Verband den bis dato bestehenden Schutz der Marke Plauener Spitze® sichern. Hinzu kamen die Marken Plauener Stickerei® sowie Highstick für technische Gesticke. Der Verband bietet den Mitgliedern Lizenzen für etablierte Marken und kleinen Mitgliedern eine Stimme im textilen Netzwerk sowie bei übergeordneten Stellen. Schwerpunkte sind Aus- und Weiterbildung, die Zusammenarbeit mit Verbänden und Instituten, das historische Erbe, Präsentationen und Öffentlichkeitsarbeit.

Mit welchen Produkten halten sich die Firmen über Wasser ?

Reinhardt: Der Weg geht weg von großen Mengen und wenigen Großkunden, hin zu kleineren und spezielleren Aufträgen. Die Firmen müssen sich ständig hinterfragen, wie sie Beschaffenheit und Design so verändern können, um neue Kunden anzusprechen.

Also Nischen besetzen?

Reinhardt: Die meisten Sticker haben es geschafft, mit Nischenprodukten einen relativ stabilen Umsatz zu erzielen, also Abhängigkeiten reduziert und Risiken gespreizt. Nischen bieten sowohl Chancen für kleine exklusive Mengen zu hohen Preisen als auch zum Bedienen kleiner spezieller Marktsegmente in interessanten Stückzahlen. Die Stickerei ist das teuerste Verfahren zum Bearbeiten oder Verzieren textiler Flächen und so immer sehr exklusiv und kein Massenprodukt.

Im Unterschied zu früher, vor 1989. Was war damals anders?

Reinhardt: Aufgrund des Währungsgefüges zwischen BRD und DDR war Plauener Spitze ein Massenprodukt.

Und nach 1989 brach die Nachfrage zusammen...

Reinhardt: Nicht ganz. Auch in den 1990er-Jahren gab es ein stetes Wachstum, weil endlich jeder Plauener Spitze kaufen konnte. Dabei ging es meist um Heimtextilien, die die Firmen selbst fertigen konnten. Demgegenüber brachen die Umsätze mit Stickerei für Bekleidung stärker ein, weil viele Konfektionen für Mode ihren Betrieb einstellten. Erst vor 10, 15 Jahren begannen sich die Sticker hier wieder etwas stärker mit Mode zu beschäftigen.

Welchen Anteil am Umsatz macht die Bekleidung heute aus?

Reinhardt: Ich würde sagen, weniger als 20 Prozent. Dies mag auch daran liegen, dass in Westeuropa kaum noch Konfektionsbetriebe für Bekleidung zu finden sind, die größere Stückzahlen produzieren.

Haben die Plauener Spitze und die vogtländische Stickerei eine Zukunft?

Reinhardt: Die Unternehmen sind bei Technologie und Qualität führend in Europa. Es handelt sich um ein echtes Cluster. Die Marken Plauener Spitze und Plauener Stickerei haben eine gute Bekanntheit. Ich sehe nicht schwarz für die Branche und auch nicht für den Bereich der Objekt- und Heimtextilien, denn hier ist man spezialisiert. Allerdings sollten sich die Sticker darüber im Klaren sein, dass sie sehr flexibel sein müssen.

Wie versuchen Sie Ihre Firma Modespitze angesichts dieser Situation aufzustellen?

Reinhardt: Wir lassen keinen Teilbereich aus den Augen. Natürlich spielen Heimtextilien noch eine große Rolle, die wir nicht vernachlässigen wollen. Aber wir sind auch im Bereich Technische Textilien mit unseren Partnern gut aufgestellt. Unser drittes Standbein ist die Mode.


Die Branche im Umbruch

Der Branchenverband Plauener Spitze besteht seit 27 Jahren. Er hat elf Mitglieder, die selbst produzieren. Im Vogtland gibt es nach Schätzungen von Andreas Reinhardt 30 Produzenten von Plauener Spitze.

Die Stickperle in Falkenstein stellte den Geschäftsbetrieb Jahre Ende 2016 ein. Die Firmenleitung begründete das mit Kostenbelastungen, die viel stärker wachsen als die Erträge.

Die Stickerei Gerber in Rebesgrün beendete ihre Insolvenz und startete zum 1. September 2017 neu durch.

Dietrich Wetzel stellte im Sommer für die Dietrich Wetzel KG in Plauen und Wetzel Produktions-GmbH einen Antrag auf Sanierung in Eigenverwaltung. Das Verfahren läuft noch.

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