Jugendpsychologe: "Der Fall in Auerbach ist besonders"

Heute läuft im Erpresserfall am Gymnasium Auerbach das Ultimatum ab. Veit Rößner rechnet nicht mit einer Gewalttat, schließt sie aber auch nicht gänzlich aus. Der Professor aus Dresden vermutet ein bestimmtes Täterprofil.

Auerbach/Dresden.

Im Erpresserfall Gymnasium Auerbach läuft heute Abend das Ultimatum ab. 10.000 Euro soll die Polizei bis 18 Uhr in Bitcoins zahlen, sonst werde es Tote am Gymnasium geben. Seit Dienstag werden Ermittler, Lehrer, Schüler und Eltern mit dieser Drohung, die über eine Internetseite abgesetzt wurde, in Atem gehalten. Wobei der neuerliche Ausnahmezustand an der Schule mit knapp 600 Schülern bereits seit dem Wochenende anhält, nachdem da ein erstes Erpresserschreiben in abgemilderter Form auftauchte.

Was passiert heute nach 18 Uhr? Wie ernst sind diese Drohungen zu nehmen? Die Polizei kommuniziert fortwährend, dass es keine konkrete Gefährdungslage gibt, man in engem Kontakt mit dem Gymnasium stehe, so auch gestern wieder. Der Vater einer Schülerin berichtet: Der psychische Druck sei enorm. "Alle hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist." Doch was ist, wenn der Status quo bis Montag anhält? Ob seine Tochter dann in die Schule geht, sei derzeit Diskussionsthema Nummer eins zu Hause, so der Vater, dessen Name der Redaktion bekannt ist.

Wer ist der Täter oder sind es mehrere? Ist es ein Jugendlicher aus dem Umfeld der Schule? Ein Erwachsener? Einer, der sich mit möglichen Motiven jugendlicher Täter auskennt, ist Veit Rößner. Der Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden sagt auf Anfrage von "Freie Presse": "Der Fall ist besonders." An die hundert Warenbestellungen an Lehrer, inzwischen die zweite Amokdrohung und obendrein noch Erpressung der Polizei: Stalking und Bedrohungen an einer Schule in dem Ausmaß und über den Zeitraum seien ungewöhnlich.

Dennoch schätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter seinen Androhungen Gewalttaten folgen lässt, eher gering ein. "Aber", so der 44-Jährige weiter, "man kann es nicht ausschließen". Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich einzelne Schüler aus Frustration und Enttäuschung, beispielsweise weil sie gemobbt werden, in Ausnahmesituationen manövrieren. Dies sei eher ein männliches Muster und als Hilfeschrei zu werten. Die entscheidende Frage sei, wo beim Einzelnen die Hemmschwelle verläuft.

Sechs Beschuldigte gibt es laut Staatsanwaltschaft bisher, gegen die weiter ermittelt wird. Beim Gros handelt es sich um Jugendliche, auch ein Vater-Sohn-Gespann befindet sich darunter, das von der Polizei im Frühjahr kurzzeitig festgenommen worden war. Der Sohn war Anfang des Jahres des Gymnasiums verwiesen worden. Inzwischen existieren zwei Anklagen gegen den Ex-Schüler, die im Zusammenhang mit den Vorfällen an der Schule stehen. Es geht um die Bedrohung eines Mitschülers mit einem Messer und um Nachstellung und Beleidigung in rund 30 Fällen. Jedoch betrifft dies alles Taten, die vor der ersten Amokdrohung im Mai passierten. Seit dem das öffentlich bekannt ist, fährt die Polizei nicht nur vor der Schule Streife, sondern auch vor der Wohnung der beiden. Laut Polizeisprecher Oliver Wurdak gab es in sozialen Netzwerken vage Hinweise, dass es dort zu Eskalationen gegen sie kommen könnte.

Mit Blick auf das heute ablaufende Ultimatum meldet sich der Landtagsabgeordnete Sören Voigt (CDU) zu Wort. "Ich halte es für wichtig, dass es eine gemeinsame Erklärung von Polizei, Stadt und Schule gibt", fordert er. Schülern und Eltern müsse eine verlässliche Einschätzung zur Sicherheitslage gegeben werden. Laut Voigt war der Fall Gymnasium Auerbach auf sein Betreiben hin gestern Thema im Innenausschuss des Landtages. Polizeipräsident Jürgen Georgie habe ihm versichert, dass aktuell mit höchster Priorität ermittelt und verstärkten Maßnahmen operiert werde.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...