Psychotherapie: Langes Warten auf Hilfe

Etwa jeder Fünfte leidet an Depressionen. Doch wer im Vogtland Rat bei Experten sucht, steht vor zwei Problemen.

Plauen.

Psychisch kranke Vogtländer müssen im Schnitt fünf Monate auf einen Therapieplatz warten und dafür Fahrten von bis zu 100 Kilometer pro Strecke in Kauf nehmen. "Wir brauchen mehr Psychotherapeuten", forderte Andrea Mrazek, Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, deshalb jetzt in Plauen. Nach Angaben der Kammer gibt es im Landkreis 34 niedergelassene Psychotherapeuten, von denen 26 auf Erwachsene spezialisiert sind. Damit seien zwar alle vorgesehenen Kassensitze belegt, die Wartezeiten aber dennoch zu lang. "Psychisch kranke Menschen brauchen schnellere ambulante Behandlungen", sagt Andrea Mrazek.

In ländlichen Regionen wie dem Vogtland sei die Lage im Vergleich zu Großstädten besonders schwierig. Als Beleg führt die Kammer diese aktuellen Zahlen an: Während in Chemnitz mit seinen rund 248.000 Einwohnern 92 Psychotherapeuten zugelassen sind, sind es im Vogtland mit rund 232.000 Einwohnern nur 40,25 Therapeuten. Nicht einmal halb so viele. "Und das, obwohl es nach meiner Einschätzung auf dem Land höhere Fallzahlen gibt", sagt Heike Oeser, Psychotherapeutin aus Bad Elster.

Noch ernster sei die Situation bei Kinder- und Jugendtherapeuten. Zu diesen gehört Nicole Fischer, die in Bad Elster die einzige Spezialistin auf diesem Gebiet für das Oberland ist. "Ich kann die Kinder nicht einfach woanders hinschicken, es gibt hier keine anderen Therapeuten." Ein besonders dramatischer Fall, der sie aktuell beschäftigt: Ein zehnjähriges Kind erlebte eine Gewalt-Attacke, leidet seitdem an einem Trauma. Das Kind bräuchte sofort einen Therapieplatz, doch dieser ist nicht frei. Länger warten ist ebenso ausgeschlossen: Das Kind hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen - mit nur zehn Jahren. "Die Kinder brauchen hier und jetzt Hilfe. Sie können nicht warten", sagt Nicole Fischer. Die Expertin therapiert inzwischen an sechs Tagen die Woche, verzichtet oft auf die Mittagspause, beginnt morgens früher, hört abends später auf. "Ich frage mich: Wie lange schaffe ich das noch?"

Um die Situation zu entspannen, hatte es im Jahr 2017 eine Reform gegeben. Patienten erhalten seitdem zum Beispiel deutlich früher einen Ersttermin. Einen anschließenden Therapieplatz bedeutet das aber nicht. "Durch die Reform hat sich wenig verbessert", sagt Kathleen Schwabe, Psychotherapeutin aus Plauen. Regelmäßig müsse sie Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder Schmerzen wieder wegschicken. "Wir könnten allein in Plauen 10 bis 15 Therapeuten zusätzlich gebrauchen", ergänzt ihre Kollegin Annette Schneider. Zwar können auch an den Kliniken in Rodewisch und Plauen Patienten behandelt werden - doch Klinikaufenthalte sind teurer, zudem etwa für Alleinerziehende schwer machbar.

In den kommenden Monaten soll die Bedarfsplanung bundesweit überarbeitet werden. Nicht nur die vogtländischen Psychotherapeuten fordern: mehr Zulassungen, zudem kleinteilige Planungen abseits der Großstädte. Immerhin: Ausgebildete Nachwuchskräfte gebe es genug. "Das ist anders als bei Allgemeinärzten", sagt Andrea Mrazek.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    aussaugerges
    06.07.2018

    Es ist wirklich sehr schlimm.
    Es ist selbst für den Vorstand der Kasse entsetzlich.


    Bei der selben Einwohnerzahl wie Chemnitz hat das Vogtland nur die hälfte weniger Arzte.

    Die letzte Hilfe war Rodewisch, eine sehr gute Einrichtung.



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