Trotz Lehr-Erfahrung: Keine Chance auf den Schuldienst

Eine junge Frau mit besonderer Qualifikation kommt nicht in den Lehrerberuf. Die Einstellungshürden in Sachsen hält sie für nicht zeitgemäß.

Reichenbach/Zwickau.

In Sachsen wird viel getan, um den Schuldienst für Lehrer attraktiv zu gestalten. Das ist auch Janine Gehring nicht entgangen. "Deshalb verstehe ich nicht, warum Sachsen die Regelungen für Seiteneinsteiger so unflexibel handhabt. Das mag formell korrekt sein, der Sache dienlich ist es nicht." Die Frau aus Unterheinsdorf spricht aus eigener Erfahrung.

Als sich die 36-Jährige jüngst im Schulamt für einen Seiteneinstieg in den Schuldienst beworben hatte - für die Fächer Englisch und Deutsch als Zweitsprache -, bekam sie eine Ablehnung. Begründung: In ihrer Ausbildung fehle als Einstiegsvoraussetzung ein sogenanntes ableitbares Fach. "Es daran scheitern zu lassen, ist traurig. Es geht mir dabei nicht um mich, sondern um die Sache", sagt sie und regt zum Nachdenken über neue Instrumente an, mit denen sich die Eignung eines Kandidaten überprüfen lasse. "Dazu gehört neben dem Check von Abschlüssen auch eine Lehrprobe."

Die von Janine Gehring dürfte nicht schlecht ausfallen, wie ihr bisheriges Berufsleben nahelegt: Sie hat im Bachelor-Studiengang - mit Englisch als Lehrsprache - ein Wirtschafts- und Chinesischstudium absolviert. Jahrelang war sie für auf dem asiatischen Markt tätige Firmen im Vertrieb und in der Kundenbetreuung unterwegs. "Der Arbeitsalltag wurde nur in Englisch oder Chinesisch bestritten." Zudem hat sie in China auf Chinesisch Schüler in Englisch unterrichtet und sich an der Berufsakademie Plauen mit Top-Abschluss zur Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache qualifiziert. Derzeit ist sie am BSW-Bildungszentrum Reichenbach Englisch-Referentin.

Lehrerfahrungen sammelte sie überdies in Form von Nachhilfe für Schüler, Lehrlinge und Erwachsene. Gute Chancen für einen Seiteneinstieg sieht sie in der Tatsache, mit Chinesisch eine Sprache nicht lateinischen Ursprungs und fernab hiesiger Alphabetisierungsregeln erlernt zu haben. Dies sei gerade im Hinblick auf Deutsch als Zweitsprache für vorwiegend arabisch sprechende Schüler von Vorteil.

Doch im Landesamt für Schule und Bildung, Außenstelle Zwickau zählen solche Referenzen nicht - obwohl es durchaus gewisse Ermessensspielräume gibt, wie Sprecher Arndt Schubert sagt. Maßgeblich dafür ist der regelmäßig vom sächsischen Kultusministerium in Zusammenarbeit mit dem Lehrer-Hauptpersonalrat erstellte Einstellungserlass. "Dieser Erlass gilt als Bibel für Einstellungsverfahren. Und da gibt es derzeit keine Chance", sagt der Schulamtssprecher und informiert über einem analogen Fall in Dresden, in dem das Schulamt "unabhängig von uns genauso entschieden hat".

Für den in Sachsen praktizierten Seiteneinstig in den Schuldienst bedarf es demnach eines Bachelor-Abschlusses "mit ableitbarem Fach". Dann ist die Beschäftigung in Grund-, Förder- und Oberschule möglich. Ein solches Fach ist verzichtbar, wenn eine Master-Ausbildung vorliegt. "Dann muss sich der Kandidat jedoch berufsbegleitend in zwei Fächern qualifizieren."

Für den Reichenbacher CDU-Landtagsabgeordneten Stephan Hösl, Mitglied des Ausschusses Schule und Sport, ist das nachvollziehbar. "Wenn die Qualifikation nicht gesichert ist, haben wir im Schuldienst wieder eine Personengruppe, die schlechter verdient, obwohl sie die gleiche Arbeit leistet." Insbesondere der Lehrer-Hauptpersonalrat lege "vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung" großen Wert auf ein ableitbares Fach. "Ausbildung und Abschlüsse sind da alles." Der Abgeordnete ist mit dem Thema seit einiger Zeit auch öfter in seinem Wahlkreis konfrontiert. "Ich hatte schon viele Anfragen von Interessenten für den Schuldienst." Doch gebe es derzeit in Dresden keine Absichten, an den Einstellungs-Anforderungen etwas zu ändern.

Für Janine Gehring, für die als Mutter von zwei Kindern ein Masterstudiengang aus mehreren Gründen nicht in Frage kommt, eine ernüchternde Auskunft. "Ich habe mich mit vielen Menschen über das Thema unterhalten. Nicht nur für mich ist Eignung nicht nur eine Frage des Abschlusses. Auch eine kluge Einzellfall-Analyse wäre ein Instrument der Qualitätssicherung."

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