"Wer nichts verändert, hat keinen Ärger"

Zum 1. Juli übergibt Mariechen Bang, Geschäftsführerin des Zweckverbandes Talsperre Pöhl, ihren Job an einen Nachfolger

Seit Sommer 2012 lenkt Mariechen Bang (66) den Talsperrenzweckverband - und stand oft in der Kritik. Zum Beispiel für Gebühren- und Pachterhöhungen, Bauvorhaben und fehlende Kommunikation mit Campern am Stausee. Mit Elsa Middeke sprach sie über Höhen und Tiefen ihrer Dienstzeit.

Freie Presse: Frau Bang, zum 1. Juli reichen Sie den Geschäftsführer-Stab weiter. Was lässt sich bis dahin noch an der Pöhl anschubsen?

Torsten Kleditzsch

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Mariechen Bang: Eigentlich habe ich über die Jahre zu viel angeschubst, mehr geht kaum: Camping, Fahrgastschiffe, Wegebau, der Freizeitgarten an der Liegewiese Jocketa, die vom Wassersportzentrum über die Schiffsanlegestelle zur Strandpromenade weiter entwickelt werden soll. Dazu wollen wir Spielplätze modernisieren: Zum Beispiel soll ein Spieleschiff ans Wassersportzentrum kommen. Die Minigolfanlage soll erneuert werden. Statt jede Saison Neues zu schaffen, muss man auch Vorhandenes aufpeppen.

Was hat sich in den bald sieben Jahren, in denen Sie die Geschäfte führen, verändert?

2012 fand ich hier ein böses Klima vor: Verbandsmitglieder waren zerstritten, es hat an Vertrauen gefehlt, die Personalkosten waren hoch. Personell haben wir uns neu aufgestellt und Kosten optimiert, Einnahmen aus neuen Angeboten generiert, uns fachlich verbessert, Ausgaben gekürzt. Auch heute gibt es immer mal Zusammenstöße bei der Bewältigung neuer Herausforderungen, Mitarbeiter kommen an ihre Grenzen. Da muss man ein bisschen lenken im widersprüchlichen Spannungsfeld von Wirtschaftsbetrieb und öffentlichem Verband. Besonders stolz bin ich mit meinem Team auf die Entwicklung der Gästezahlen und der Gästezufriedenheit mit gutem wirtschaftlichen Ergebnis.

Stichwort Ergebnis: Der Seepark Helmsgrüner Bucht soll auf der Schlosshalbinsel seit 2015 in die Puschen kommen. Wird das Gelände dieses Jahr erschlossen?

Da müssen Sie die Gemeinde Pöhl fragen. Sie hat die Planungshoheit. Fakt ist: Es besteht noch immer kein Baurecht. Pöhl hat einen formalen Fehler gemacht, der alles verzögert hat. Wir hatten Vorstellungen, die so nicht umsetzbar waren. Daraus resultiert eine lange Bearbeitung. Wir haben im Dezember den Fördermittelantrag zur Erschließung gestellt. Nach dem Satzungsbeschluss zum Baurecht kann es mit der Bearbeitung weitergehen. Ich hätte es gern erlebt, dass die erste Hütte steht.

Noch ein Thema, das seit Jahren in der Luft hängt, ist ein Radweg rund um die Talsperre. Was läuft da nicht rund?

Wir haben an der Talsperre viele Abschnitte, die kein öffentliches Eigentum und auch nicht als Wege gewidmet sind. Bauen kann dort nur der Eigentümer - oder es muss ein Planfeststellungsverfahren her, um den Bau zu ermöglichen. Die Gebietskörperschaften Pöhl und Neuensalz müssen das allerdings mittragen. Ich habe für sieben Kilometer Weg zwischen Gunzenberg und Thoßfell alle vorbereitenden Planungen erstellt und finanziert.

Was ist dagegen seit 2012 rund gelaufen?

Die gemeinsam beschlossene touristische Entwicklungsstrategie von 2016. Darin stehen unsere Prioritäten, um die Pöhl attraktiver zu machen. Wie die Strandpromenade oder das W-Lan auf dem Campingplatz Gunzenberg und am Ankerplatz. Verdoppelt hat sich unser Anlagevermögen, das ist quasi alles von den Schiffen über Grundstücke bis zu Spielgeräten: von 2 Millionen Euro auf 4,1 Millionen Euro. Der Zuwachs kommt vor allem zustande über Neuerungen wie Mietobjekte im Campingbereich, Wohnmobilstellplätze, schwimmende Stege oder die Aufwertung des Campingplatzes Voigtsgrün durch den verschönerten Strandbereich und die moderne Sanitäranlage.

Trotz neuer Sanitäranlage gilt der Generationenwechsel auf den Campingplätzen als Risiko für die Zukunft der Pöhl. Wie locken Sie junge Camper an?

Das läuft eigentlich von selbst. Von 3000 Parzellen wechseln 300 im Jahr den Mieter. Entweder übernehmen Kinder oder Enkel oder es kommt jemand von außen. Als ich hier anfing, waren viele Mieter schon etwa 50 Jahre hier, in denen nicht so viel verändert wurde. Wer nichts verändert, der hat auch keinen Ärger. Dann kam ich und ich musste verändern. Dazu kommt: Ich bin ein bisschen ungeduldig, habe eine direkte Art und einen Sinn für Gerechtigkeit. Doch ohne moderne Anlagen wie die in Voigtsgrün wollen heute keine jungen Camper mit Familie Urlaub machen. Ein Trend sind auch Camper aus der Region, die viel arbeiten und nicht allzu weit bis zur Erholung fahren wollen.

Ob von nah oder fern, Erholungsbedürftige konnten im Vorjahr viele neue Angebote am Stausee nutzen: Trailrennen, Yoga-Tage oder funktionelles Training auf dem Stehpaddelbrett. Wie sehen Sie solche jungen Angebote?

Das ist etwas Schönes. Wir schaffen die Infrastruktur und Private können daran andocken. Die Veranstaltung "Trails for Germany" kommt dieses Jahr zum zweiten Mal an die Pöhl, weil sie so erfolgreich war. Der Sächsische Schwimmverband trägt seine Meisterschaften im Freiwasserschwimmen 2019 zum vierten Mal an der Pöhl aus - mit internationalen Teilnehmern.

In Sachen Sport hat die Pöhl also einen guten Ruf. Wofür sollen wir Sie in Erinnerung behalten?

Ich habe an der Talsperre viele neue Projekte angestoßen: Vermietung zum Beispiel, wie die Eclus am Campingplatz Gunzenberg und die Ferienhütte auf der Schlosshalbinsel. Sie werden nun gern gebucht. Der Voigtsgrüner Platz und der Strand bekommen oft Lob. Für die Wasserwanderrastplätze und vielleicht dafür, dass an vielen Stellen an der Pöhl etwas verändert wurde.

Welchen Tipp geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Durchatmen, anhören, prüfen. Hier gibt es vieles, das jahrelang gewachsen ist. Das muss man hinterfragen: Warum ist das so und warum soll man es nicht verändern? Dazu gehört Mut. Sonst bleibt man stehen. Die Pöhl soll als Ausflugsziel noch attraktiver werden. Wenn jemand auf Facebook ein Foto von einem neuen Steg postet und dazu schreibt, schaut her, hier passiert etwas, dann gibt mir das Kraft. Das heißt ja, dass unsere Arbeit von Gästen begrüßt wird. Eine Gästetaxe wäre noch eine Idee. Die ist unter Beachtung der neuen Tourismusstrategie 2025 des Freistaates Sachsen für das Erlangen öffentlicher Zuwendungen notwendig. Darüber sollten sich die Gemeinden und die Geschäftsleitung jetzt schon Gedanken machen. Und das touristische Netz sollte man stets gut pflegen ...

... was Sie ab 1. Juli nicht mehr tun müssen. Was haben Sie stattdessen vor?

Durchatmen (lacht). Die Pöhl wird mich als Gast auf keinen Fall verlieren. Ich komme gern weiter mit meinen beiden Enkelkindern her. Die Pöhl ist einer der Edelsteine im Vogtland.

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