Zoff ums Birkhuhn: Ministerium räumt Versäumnisse ein

Während der seltene Vogel im Erzgebirge und Vogtland auszusterben droht, wird in Dresden über drei verschiedene Artenhilfsprogramme diskutiert. Ein Chefbiologe der Behörde verspricht Besserung.

Auerbach/Dresden.

30 Birkhühner werden in Dresden zum Politikum: Was wie eine Posse klingt, ist für den Auerbacher Ornithologen Michael Thoß ein Skandal, der das juristische Zeug für die oberste Ebene hat. Der Grund: Seit Jahren verspricht das Umweltministerium, den Schutz des Birkhuhnes beim Sachsenforst durchzusetzen, doch das Gegenteil scheint zu passieren.

Vor zwei Jahren hatte das Ministerium zudem per Erlass das Landesumweltamt aufgefordert, ein Artenhilfsprogramm zu erarbeiten. Dies sollte ausdrücklich gemeinsam mit dem Staatsbetrieb Sachsenforst und unter Einbeziehung der Naturschutzverbände geschehen. Der Stand: drei verschiedene Vorschläge, von denen Thoß sagt, dass die Verbände nichts über den Inhalt der beiden anderen Vorschläge wüssten.

Noch vor 25 Jahren wurden laut Michael Thoß, der dem Verein sächsischer Ornithologen angehört und Naturschutzbeauftragter des Landkreises ist, in den vier Vogelschutzgebieten des Erzgebirges und Vogtlandes 200 Tiere gezählt, 2013 waren es 50, vor zwei Jahren 42, vergangenes Jahr 40 und als bisheriger Tiefpunkt: in diesem Jahr nur noch die eingangs erwähnten 30. Davon hielten sich im Frühjahr laut offiziellem Monitoring acht im Gebiet Westerzgebirge auf, dessen Ausläufer bis nach Muldenhammer, Hammerbrücke und Mühlleithen reichen.

Es geht also ums Überleben des Birkhuhns in der Region. Thomas Gröger, zuständiger Biologe im Umweltministerium, gibt zu: 2018 sei ein schwieriges Birkhuhnjahr gewesen. Gleichzeitig betont er, was seit zehn Jahren unabhängig vom ausstehenden Artenhilfsprogramm alles an Sofortmaßnahmen für die seltene Raufußhuhnart in Sachsens Kammregionen getan worden sei.

Angesichts der tatsächlichen Entwicklung platzte den Ornithologen der Kragen. Mit Hilfe eines Antrages der Linksfraktion im Landtag verschafften sie sich kürzlich Gehör vor dem Umweltausschuss des Parlamentes. Michael Thoß war einer von fünf Gutachtern aus Sachsen, Bayern und Thüringen, die vom Birkhuhn-Drama im Erzgebirge berichten durften. 60 weitere Ornithologen unterstützten den Vorstoß als Gäste. Seit dem werfen nicht nur Vogelkundler dem Umweltminister Untätigkeit vor, sondern auch Parlamentarier - Linke, Grüne und auch CDUler, etwa der Vogtländer Andreas Heinz. Jana Pinka, umweltpolitische Sprecherin der Linken, kündigt an, auf Basis der Anhörung demnächst einen Antrag mit den Forderungen an den Minister zu formulieren. Man werde sehen, ob die Parlamentskollegen der Regierungsparteien dann zustimmen.

Der Grundkonflikt besteht darin, dass das Birkhuhn freie Flächen benötigt, dem Sachsenforst damit aber Ertragsflächen abhanden kommen. Dass der Staatsbetrieb in der Vergangenheit in dem Zusammenhang wenig Rücksicht auf den Vogel genommen hat, belegt Thoß am Beispiel der Kammregion zwischen Carlsfeld und Mühlleithen. Dort sei nach Kyrill 2007 wieder aufgeforstet worden, obwohl das Birkhuhn heimisch geworden war. Biologe Gröger bestätigt das und gerät an dieser Stelle in Erklärungsnot angesichts der angepriesenen Sofortprogramme, die auch enthielten, Windbruchflächen fürs Birkhuhn freizuhalten.

Dabei ist der Schutz dieses Vogels kein Wunsch-, sondern laut EU-Richtlinie Pflichtprogramm. Thoß verweist auf die Möglichkeit der Naturschutzverbände, Beschwerde einzulegen. Im Ministerium weiß man das; Thomas Gröger verspricht, bisher Versäumtes nachzuholen und noch 2018 den Verbänden einen Vorschlag für ein gemeinsames Artenhilfsprogramm vorzulegen.

Bleibt die Frage, wie schnell man sich einig wird. Während Thoß und seinesgleichen mindestens 100 Tiere und eine Fläche von 5000 Hektar als Ziel für die Vogelschutzgebiete im Erzgebirge und Vogtland anstreben, dämpft Gröger diese Erwartungen. Zielgröße fürs Ministerium seien 40 bis 60 Tiere. Zudem vermutet er, dass auch Raubtiere und Skifahrer zum Verschwinden des Birkhuhns beigetragen haben.

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2Kommentare
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  • 2
    1
    Tauchsieder
    15.11.2018

    Ein Minister der aus der Landwirtschaft stammt und dem Forst sehr zugeneigt ist, was soll da schon der Naturschutz erwarten. Dann noch solche Sprechblasen eines Ministeriumsangestellten -" .. Thomas Gröger, zuständiger Biologe im Umweltministerium ..... was seit zehn Jahren unabhängig ..... alles an Sofortmaßnahmen für die seltene Raufußhuhnart in Sachsens Kammregionen getan worden sei .."-. Fazit, scheinbar viel zu wenig !!!
    Was einem noch zu denken gibt, einem förmlich süß-sauer aufstößt, dass es ausgerechnet auf Antrag der "Linken" zu einer Anhörung kam und nicht auf Antrag der "Grünen". Die waren wahrscheinlich gerade im Hambacher Forst oder in irgendeinem sächs. Tagebau untergetaucht, oder stellten neue CO² Rechenmodelle auf.
    So etwas kommt dabei heraus, wenn man Jahre lang mit denen da "oben" kungelt, am Geldtopf des Staates hängt. Damit hat man sich erpressbar gemacht und seine Unabhängigkeit an der Garderobe abgegeben.

  • 2
    2
    Tauchsieder
    15.11.2018

    - Ein Minister der aus der Landwirtschaft stammt und dem Forst sehr zugeneigt ist, was soll da schon der Naturschutz erwarten. Dann noch solche Sprechblasen eines Ministeriumsangestellten >Thomas Gröger, zuständiger Biologe im Umweltministerium ..... was seit zehn Jahren unabhängig ..... alles an Sofortmaßnahmen für die seltene Raufußhuhnart in Sachsens Kammregionen getan worden sei .....



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