Bombensucher: Jeder Pieps macht Plauen ein Stück sicherer

Seit rund einem Jahr suchen Experten den Reusaer Wald nach Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Ihr Job ist gefährlich. Nun haben sie Konkurrenz bekommen - illegale, wohlbemerkt.

Plauen.

Routine - bei diesem Wort blickt Marcel Keil ein bisschen, als hätte er auf einen sauren Drops gebissen. "Beim Bedienen der Sonde meinetwegen", sagt der Räumstellenleiter der Firma Boskalis-Hirdes. "Aber sonst gibt es bei der Suche nach Kampfmitteln keine Routine. Es darf keine geben!"

Seit August 2017 suchen Keil und seine Leute im Reusaer Wald nach explosiven Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Quadratmeter um Quadratmeter durchkämmen sie mit Metalldetektoren das Gelände. Sobald die Sonde piepst, graben die Männer die Ursache aus. Das kann ein längst verrosteter Bombensplitter sein, ein Nagel oder ein Fahrradrahmen. Fast immer ist es so. Nagel um Nagel, Splitter um Splitter. Tagein, tagaus. Das klingt schon sehr nach Routine.

Aber jeder Pieps kann auch der Hinweis auf einen Blindgänger sein - eine randvoll mit Sprengstoff gefüllte Fliegerbombe, die 1944 oder 1945 nicht explodiert ist. "Wir gehen jedes Mal davon aus, dass es Kampfmittel sind", betont Marcel Keil. Nur so lasse sich die Konzentration bei einem Job hochhalten, der leicht zur Routine werden kann, aber eben nicht darf.

87.000Quadratmeter groß ist die Fläche, die Boskalis-Hirdes im Reusaer Wald absucht - ungefähr so groß wie zwölf Fußballfelder. Und das akribisch genau. Fast auf jedem Quadratmeter findet sich ein kleines Loch. Keils Männer haben dort kleine Gegenstände ausgegraben, bei dem das Metallsuchgerät angeschlagen hat. Drei Tonnen an Bombensplittern wurden bereits aus dem Wald getragen. Dazu kommen noch mal fünf Tonnen an zivilem Schrott - Nägel, Fahrräder, Töpfe ... Wie viele von den 87.000Quadratmetern abgehakt sind, verrät Marcel Keil nicht. Daniel Großer-Scholz, Truppführer beim sächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst, hält ebenfalls dicht: "Jede Angabe erzeugt eine Erwartungshaltung", sagt er. "Die Leute rechnen sich dann aus, wann die Arbeiten abgeschlossen sind. Und das kann man nicht mal ungefähr vorhersagen."

Dies hat viele Gründe. Ein schwieriges Gelände mit Hügeln und Tälern dauert zum Beispiel länger als eine ebene Fläche. Außerdem müssen die Mitarbeiter jedes Mal eine Zwangspause einlegen, wenn sich Spaziergänger nähern. Und dies kommt trotz der Absperrbänder viel zu oft vor. "Es könnte ja passieren, dass genau in diesem Augenblick eine Bombe gefunden wird", so Daniel Großer-Scholz. "Oder scharfe Munition der deutschen Flakstellungen, die sich dort im Zweiten Weltkrieg befanden. Dann können wir keine Zuschauer brauchen. Man darf nicht vergessen, dass die Arbeit der Sondengänger durchaus gefährlich ist."

Gefährlich, weil keiner voraussehen kann, in welcher Tiefe Blindgänger liegen. Außerdem ist der Zünder durch Rost und Korrosion nach den langen Jahrzehnten im Waldboden unberechenbar geworden. Schon ein leichter Stoß kann die Bombe explodieren lassen. Seit 1945 ist nie etwas passiert. Aber das ist keine Garantie für die Zukunft. "Ehrlich gesagt würde ich sowieso zum Spazierengehen und Pilzesuchen kein Waldgebiet wählen, in dem Kampfmittel liegen", sagt Großer-Scholz.

Doch es gibt Zeitgenossen, die sehr viel mehr Ärger verursachen als die Spaziergänger. Seit einigen Wochen entdeckt die Boskalis-Hirdes in der Früh, dass sie nachts Besucher an ihrem Arbeitsplatz hatten. Hobbysucher wühlen im Windschatten der Experten ebenfalls nach Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Wie jeder Flohmarkthändler bestätigen kann, stehen solche Dinge hoch im Kurs. "Die Suche kann böse enden", warnt Kampfmittelexperte Daniel Großer-Scholz. Da wäre zum einen das Risiko, tatsächlich eine scharfe Fliegerbombe zu finden. Außerdem haften an vielen Bombensplittern noch Sprengstoffreste. Wer seine "Trophäe" mit der Drahtbürste schön blank polieren möchte, lebt gefährlich. "Die Suche nach Kampfmitteln ist aus gutem Grund verboten", ergänzt Boskalis-Hirdes-Mitarbeiter Marcel Keil. "Es ist sogar eine Straftat." Aus diesem Grund hat sich seine Firma mittlerweile an das Rathaus gewandt. Wie das Ordnungsamt diese illegalen Hobbysucher stoppen soll - ob mit nächtlichen Patrouillen oder noch mal anders - da will er der Stadt nicht reinreden. Keil: "Aber passieren muss unbedingt etwas."


Tödliche Hinterlassenschaften

Amerikanische und Britische Flugzeuge hatte 1944 und 1945 fast 5000 Tonnen Bomben über Plauen abgeworfen. Zehn bis zwölf Prozent sind vermutlich nicht explodiert.

Mindestens 900 Sprengkörper mit einem Gesamtgewicht von 80 Tonnen wurden entschärft oder gesprengt.

Fürs Entschärfen und Sprengen ist der sächsische Kampfmittelbeseitigungsdienst zuständig. Die Behörde mit Sitz in Dresden koordiniert außerdem die Suche nach Blindgängern. Ausgeführt wird sie dann von Fachfirmen. In Plauen ist dies das Unternehmen Boskalis-Hirdes.

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