Explodierende Farben bei Ballett-Premiere

Der Applaus für das Tanzstück "Pechstein bewegt" war lang. Das Publikum erwachte, sich die Augen reibend, wie aus einem Südsee-Traum.

Plauen.

Ist es eine Brücke, die das Bühnenbild des Tanzstücks "Pechstein erleben" dominiert? Eine Anspielung auf die gleichnamige Dresdener Künstlergruppe, deren Mitglied der aus Zwickau stammende expressionistische Maler war? Ein Sinnbild für den Aufbruch, die Bewältigung von Uralt-Konventionen? Und worauf zielt der Spiegel in der Bühnenmitte ab? Der Platz für Interpretation ist riesig, und genau das macht den Reiz der Inszenierung aus, die am Samstagabend auf der Kleinen Bühne des Plauener Vogtland-Theaters ihre Premiere hatte.

Obwohl Max Pechstein (1881 bis 1955) mit Plauen nichts zu tun hatte, eilt der Ruf des im benachbarten Zwickau geborenen Künstlers ihm bis in die Stadt voraus. Das Publikum war dementsprechend gespannt und ließ sich voller Konzentration auf die tanzenden, schier explodierenden Malfarben und auf die teils surrealen Szenen ein. Es waren auch Traumsequenzen dabei, etwa wenn Pechstein und seine beiden Alter Egos (in den Rollen: Vincenzo Vitana, Jeaho Shin und Elliot Bourke) von der Sehnsucht nach der Ferne übermannt wurden.

Diesen Verführer stellte Jens Weber (als Gast) dar. Trat er mit nacktem Oberkörper und in türkisen Pluderhosen auf, wurde exotische Musik eingespielt. Südseemelodien, die daran erinnern sollten, dass Pechsteins Sehnsuchtsort nicht in Deutschland oder Europa zu finden ist. Nein, die Insel Palau im Pazifischen Ozean hatte es ihm einst angetan. Immer wieder reiste er dort hin. Kunterbunt malte er die Natur und die Bewohner. Das 70-minütige Tanzstück ähnelt in weiten Teilen und gerade zum Ende hin auch einem polynesischen Traum, aus dem die Zuschauer Augen reibend erwachten und für den sie sich mit langem, freundlichem Applaus und einzelnen Bravo-Rufen bedankten.

Nicht immer war Pechstein allerdings lebensfroh. Es muss ebenso zahlreiche depressive Stunden gegeben haben, etwa jene, in denen er von seinem vermeintlichen Freund Emil Nolde als Jude denunziert wurde (der er nicht war) und die Nationalsozialisten seine Werke als entartet abstempelten. Auch diese Momente der Verzweiflung - es drohte Berufsverbot - sind im Stück zu erleben. Ballettdirektorin Annett Göhre ist offenbar tief eingetaucht in Pechsteins Leben. Für sie war schnell klar, dass dieser vieles bis zur Erschöpfung trieb. Nicht umsonst gab sie ihrer Choreografie in fünf Bildern den Untertitel "Arbeit! Rausch! Gehirn zerschmettern".

Alle Mitglieder der Ballett-Company schienen jedenfalls in Hochform gewesen zu sein. Die Konstellation Nicole Stroh als Pechsteins zweite Frau Marta und Jeaho Shin als Malergenie überzeugten in ihrer Liebessequenz besonders. Beeindruckend waren auch die Kostüme, vor allem im Stil der 1920er-Jahre. Sie stammen von Leah Lichtwitz.

Nächste Aufführung: Samstag, 19.30 Uhr.

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