Plauen 1944: Trügerische Ruhe vorm Sturm

Bomben auf Plauen: Vor 75 Jahren begannen die Bombardierungen im Vogtland. "Freie Presse" erinnert an die Ereignisse ab September 1944. Zum Auftakt: die Zeit zwischen Hoffen und Bangen.

Plauen.

Plauen und das Vogtland zählten bis weit in das Jahr 1943 hinein zu den Regionen in Deutschland, die sich auf Grund ihrer geografischen Lage noch außerhalb des Wirkungsbereichs alliierter Bomber befanden und deshalb kaum Luftangriffe zu befürchten hatten. Dennoch zeigte sich auch die hiesige Bevölkerung von den Berichten sogenannter "Fliegergeschädigter" aus westdeutschen Groß- und norddeutschen Hafenstädten zunehmend beunruhigt. Diese hatten bei den Fliegerangriffen der Briten und US-Amerikaner die absolute Übermacht des Gegners gefühlt. "Dieses Gefühl", meldete Martin Mutsch-mann, Gauleiter der sächsischen NSDAP, im Mai 1943 an die Partei-Kanzlei, "beeinflusst die Stimmung insofern, als man natürlich fest damit rechnet, dass auch weitere Reichsgebiete betroffen würden."

Rudolf Laser, einer der drei Autoren der Dokumentation "1944/1945 Plauen. Eine Stadt wird zerstört", schrieb im Rückblick auf die Ereignisse: "Beginnen Glaube und Überzeugung zu schwinden, sind Weissagungen, obskure Berichte, Mutmaßungen und Gerüchte bewährte Mittel, eigene Zweifel zu zerstreuen und sich der Illusion, dass wohl alles an Plauen vorübergehen oder wenn doch etwas geschehen sollte, es nicht so schlimm kommen könne, hinzugeben." Vielen galt Plauen - etwa im Vergleich zu den Städten des Ruhrgebietes oder Hamburg - als zu unbedeutend, um aus der Luft angegriffen zu werden. Dies auch und vor allem in Hinblick auf den Umfang der Rüstungsfertigung.


Aus der Vermutung, dass in Plauens Textilindustrie viel ausländisches Kapital steckte, wurde geschlussfolgert, die Alliierten wären nicht so töricht, durch Bombardierungen eigenes Geld zu vernichten. Selbst frühere jüdische Mitbürger, denen es gelungen war, noch vor Kriegsausbruch aus Deutschland zu fliehen, wurden zum imaginären Hoffnungsträger. Auf Grund ihrer - gemutmaßten - Stellung in der Plauener Textilindustrie würden sie es nie zulassen, dass "die Alliierten ausgerechnet ihr Eigentum in Schutt und Asche legen. [...] Hoffnungsfroh stimmte auch, dass Plauen demnächst wegen seines großen Krankenhauses sowie mehrerer in Schulen oder anderen Gebäuden untergebrachter Reservelazarette zur ,Lazarettstadt' erklärt werden würde." (Zitiert aus: Laser, Richter, Mensdorf: "1944/1945 Plauen. Eine Stadt wird zerstört")

Doch im Spätsommer 1944, viereinhalb Jahre nach seinem Beginn, erreichte der Bombenkrieg seine grausige Perfektion: Nach Erringung der uneingeschränkten Luftherrschaft im Frühjahr 1944 - und daher nahezu unbehelligt von deutschen Jägern und Flak - tauchten nun über ganz Sachsen die Bomberpulks der Alliierten auf. Immer öfter erlitten nun auch die Menschen in Sachsens Städten die Wucht und Schwere des modernen Krieges mit allen seinen Schrecken und Leiden.

Die Folgen ihres Handelns waren den Crews der schweren Bomber bewusst. Doch sie verdrängten Gedanken an die Menschen, die durch ihre Bomben umkamen oder zu Krüppeln wurden. Dabei half, dass sie einen "ruchlosen Feind" bekämpften. Schließlich hatte Hitler-Deutschland mit dem Krieg und dem Terror aus der Luft begonnen, den "totalen Krieg" proklamiert, der nun mit "totalem Krieg" beantwortet wurde.

Im Gegensatz zu den Flächenbombardierungen deutscher Städte durch das Bomber Command der britischen Royal Air Force lag der Schwerpunkt des Engagements der US-Luftwaffe zunächst auf Präzisionsbombardements von Einrichtungen der Verkehrsinfrastruktur, kriegswirtschaftlicher und militärischer Ziele. "Präzision" indes erwies sich als nur selten erreichbarer Anspruch, weil vor allem unzulängliche Sichtbedingungen und der Einsatzstress der Bomberbesatzungen häufig Navigations- und Abwurffehler nach sich zogen.

Angriffe, die sich dezidiert gegen Stadtzentren richteten, bildeten anfangs eher die Ausnahme. Die 8. United States Army Air Force bombardierte 422 namentlich bekannte Orte in Deutschland sowie eine unbekannte Zahl von Gelegenheitszielen mit kleineren Bombenmengen. Andere Orte ("Targets of Opportunity", "Last Ressort Targets") entgingen der Bombardierung mit Glück: Für sie vorgesehene Bomben gelangten bei günstiger Bodensicht bereits über primären Zielgebieten zum Abwurf.


14 Bombenangriffe auf Plauen: Das tragische Geschehen und die Lehren aus der Geschichte

Am 12. September 1944 gab es den ersten von 14 Bombenangriffen auf Plauen. Spätestens an jenem Tag schlug der von Nazi-Deutschland angezettelte Krieg mit aller Härte und Brutalität aufs Vogtland zurück. Vermutlich 2358 Menschen fanden im Bombenhagel den Tod, 75 Prozent der Stadt wurden zerstört. Der Krieg veränderte Plauens Gesicht nachhaltig.

75 Jahre danach erinnert die Plauener Lokalredaktion der "Freien Presse" an die Geschehnisse. Jeder einzelne Bombenangriff wird beleuchtet: Was beabsichtigten die Alliierten? Welche Ecken Plauens traf es besonders? Wie lässt sich das Geschehen aus heutiger Sicht einordnen?

Autor der Beiträge ist der Historiker Gerd Naumann (Foto). Der gebürtige Leipziger lebt seit 1988 in Plauen, war als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Vogtlandmuseum tätig und hat bedeutsame Beiträge zur Plauener Geschichte im Zweiten Weltkrieg und zur Aufarbeitung der NS-Zeit geleistet. Dazu gehört die Ausstellung "Plauen im Bombenkrieg", zu der 2010 ein Buch erschienen ist. Sein Expertenrat war auch bei der Filmdokumentation "Codename Brisling" gefragt.

Fotografien steuert Jean-Curt Röder bei. Er stellt Zeitdokumente aus dem einzigartigen Fundus des Vogtländischen Heimatverlages Neupert zur Verfügung. (ur)

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