Schulleiterin: Und jetzt volles Risiko

Sie hätte es bequem haben können. Doch Simone Wünsch hat sich für die Herausforderung entschieden. Seit Beginn des Schuljahrs leitet sie die Weinhold-Grundschule in Reichenbach. Ein Besuch.

Reichenbach.

Alle Augen sind zur Tür gerichtet. "Guuutentaaagfrauwüüünsch", intoniert die Klasse im Chor. "Was macht ihr Schönes? Heimatkunde?", fragt Simone Wünsch die dritte Klasse. Ehrfürchtig schauen die Kinder ihre neue Schulleiterin an, nicken. "Na, macht schön weiter, wir wollten nur kurz Hallo sagen." Leise schließt sie die Tür.

Simone Wünsch führt durch die Räume der Weinhold-Grundschule in Reichenbach. Sie freut sich, die Frau im bunten Sommerkleid, ihre Augen leuchten. Das ist seit Schuljahresbeginn ihr Reich. Für sieben Kollegen und 140 Schüler ist sie verantwortlich. Dabei hätte es sich die Theumaerin eigentlich bequem machen können.

53 ist sie, die beiden Töchter sind erwachsen. Sie haben ihr eigenes Leben - und Wünsch eine kleine Enkeltochter. Fast drei Jahrzehnte ist sie mit ihrem Mann verheiratet, mit dem Schuldienst noch etwas länger. Musik, Mathe, Sachkunde, Deutsch unterrichtet sie, nach einer Weiterbildung auch Englisch.

1986 hat sie ihren Abschluss gemacht, am Institut für Lehrerbildung in Auerbach. "Lehrer für die unteren Klassen", hieß das damals. Es waren andere Zeiten. "Wir wurden so zeitig in den Beruf reingeschmissen", sagt sie, "wir waren wirklich sehr, sehr jung." Ein wenig nachdenklich klingt das, doch im Rückblick war es wohl gut so: Von Anfang an war die Ausbildung praxisnah, von Anfang an standen sie vor der Klasse. Das System, die Ausbildung -vieles hat sich verändert, der Umbruch ist die Regel. Zehn Jahre lang unterrichtete Simone Wünsch an einer Privatschule, kehrte dann zurück in den Staatsdienst. Sie ist kein Mensch, der Stillstand mag. "Es gibt doch in meinem Alter drei Möglichkeiten", resümiert sie nüchtern. Nummer eins: Alles bleibt, wie es ist. Den Dreh hat man raus, alle Lehrmethoden drauf, den Stoff tausendmal durch. Entspannt. Oder man geht mit den Stunden runter. "Dann bleibt mehr Zeit für Hobbys und was weiß ich was", sagt Wünsch. Doch sie wollte volles Risiko, eine neue Herausforderung. "Ich hab so viel Wissen angehäuft, so viele Methoden kennengelernt - das muss ich doch weitergeben."

Also verabschiedete sie ihre vierte Klasse in Werda an die weiterführende Schule und bewarb sich auf die Schulleiterstelle in Reichenbach. Zwei Jahren war die unbesetzt, und im Kollegium klaffte ein Loch.

Ihren Kolleginnen will Wünsch nun den Rücken freihalten. Aus allen Klassenzimmern schlägt ihr Dankbarkeit entgegen. In einem atmet Silke Landmesser durch; gerade hat sie ihre Erstklässler für den Tag nach Hause entlassen. Die zwei Jahre ohne Schulleiter haben am Kollegium gezehrt, sagt sie. Stundenpläne koordinieren, Veranstaltungen organisieren, dazu ein Wust von Papierkram - tausend Dinge sind zu tun, um den Laden am Laufen zu halten. Das Kollegium hat sich die Aufgaben geteilt, unterstützt von der Leiterin der "Friederike Caroline Neuber"-Grundschule. "Aber irgendwann ist man am Ende", sagt Landmesser.

An vielen Grundschulen bleibt die Leiterstelle unbesetzt, derzeit bei zweien im Vogtlandkreis. Das hat verschiedene Gründe, sagt Arndt Schubert, Sprecher der zuständigen Schulbehörde in Zwickau. Oft gibt es schlicht keine Bewerber. Eine eigene Klasse, Schulausflüge - das wollen viele nicht aufgeben. Vor allem aber ist Schulleitung ein Zuschussgeschäft, sagt Schubert. Heißt: Die für die Verwaltung geplanten Stunden reichen nicht. An Grundschulen ist das Missverhältnis besonders groß, sechs Stunden Verwaltungszeit stehen 21 Unterrichtsstunden gegenüber. Auch die Verantwortung ist nicht jedermanns Ding. "Das muss man in sich haben", sagt Schubert.

Genau eine Bewerbung gab es für den Chef-Posten an der Weinhold-Grundschule. Sie kam von Simone Wünsch. Ein Selbstläufer war das Verfahren aber nicht: Bewerber müssen alle Anforderungen erfüllen, betont Behörden-Sprecher Schubert. Die Herausforderung tut ihr gut, sagt Simone Wünsch. Vor ihrem Büro beendet sie den Rundgang durch ihr neues Reich. Es bleibt viel zu tun: Ganztagsangebote, Inklusion, individuelle Förderung. Der Umbruch bleibt die Regel.

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