Stadt kauft den Güterbahnhof

Kritiker befürchten Altlasten im Boden. Befürworter warnen, die Stadt könne ihre Zukunft verschlafen. Für die Fläche gibt es ganz konkrete Pläne.

Reichenbach.

Mit großer Mehrheit bei einer Gegenstimme und vier Enthaltungen hat der Reichenbacher Stadtrat am Montagabend beschlossen, die Fläche des ehemaligen Güterbahnhofes für 150.000 Euro von der Deutschen Bahn (DB) anzukaufen. Auf dem rund 28.000 Quadratmeter großen Areal sollen Neubauten für das geplante Bundeskompetenzzentrum für Kälte- und Klimatechnik entstehen.

Vorausgegangen war eine Kon-troverse, die sich daran entzündete, dass sich die Bahn nur mit 40.000 Euro an der Altlastenentsorgung beteiligt. Schon in der Bürgerfragestunde hatte Ulf Solheid die "derart schwache Haftung" kritisiert. Die Verwaltung argumentiert indes, dass ein 2017 von der Stadt beauftragtes Gutachten für besagte Fläche zu einem Verkehrswert von 376.000 Euro gekommen sei. Gemessen am Kaufpreis habe man also einen Puffer. Außerdem lasse ein Gutachten, das die DB erstellen ließ, keine größeren Altlasten erwarten.


"Auf das Bodengutachten der Bahn würde ich keinen Pfifferling wetten", meinte Henry Ruß (Linke). "Zwei Herzen schlagen da in meiner Brust. Wir kaufen eine Wundertüte", fand SPD-Stadtrat Uwe Kukutsch mit Blick auf mögliche Altlasten. "Es geht nicht ums Verhindern, sondern darum, die Bahn nicht gegen diese geringe Summe aus der Verantwortung zu lassen", erklärte Oliver Großpietzsch (SPD). Birgit Schaller (Gewerbeverein Reichenbach) fragte, inwieweit man den Gutachter der DB haftbar machen könne. Wenn man aber an das Grundstück ran wolle, müsse man in den sauren Apfel beißen.

Thomas Höllrich (Linke) erklärte mit Blick auf die Stadtentwicklung: "Ganz ehrlich: Wir haben es 20 Jahre versäumt, Grundstücke wie dieses zu kaufen. Ich kann das Wehklagen nicht mehr hören." Stephan Hösl (CDU) freute sich über den Flächenankauf, um damit das Kälte-Kompetenz-Zentrum voranzubringen. "Ein Gutachten ist in Deutschland immer noch ein Gutachten. Wir sollten auch mal etwas wagen", sagte Peter Tillack (Bitex). "Wenn wir das heute umstoßen, gibt es Stillstand", warnte Gisela Weck (BI Mylau). "Das Kältezentrum hat Vorrang", so Lutz Quellmalz (Gewerbeverein Mylau). "Es ist der Fluch der Kommunen, solche Grundstücke einer Verwertung zuzuführen. Wenn es die Stadt nicht anpackt, passiert nichts", fand Thomas Sachs (CDU). Veit Bursian (FDP) bezeichnete den Ankauf als "strategisch sehr wichtig".


Bundeskompetenzzentrum für Kälte- und Klimatechnik in den Startlöchern

Kälte-Kompetenz-Zentrum war gestern. Jetzt heißt das Reichenbacher Vorzeigeprojekt Bundeskompetenzzentrum für Kälte- und Klimatechnik. Realisiert werden soll es durch den Planungszweckverband PIA, der flexibler agieren könne. Im Sommer sollen Rechte und Pflichten aller Projektpartner per Vertrag fixiert werden.

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofessoll mit EU-Fördermitteln vorbereitet werden. Abbrucharbeiten sollen von November 2019 bis Mai 2020 erfolgen. Die Erschließung ist für 2020/2021 geplant. Kosten: grob geschätzt 3,5 Millionen Euro. Auf der Fläche sollen mehrere Neubauten entstehen. Zunächst sind ab Ende 2020 Labore und Werkstätten für Kälteanlagen mit natürlichen Kältemitteln für die bereits in Reichenbach ansässige Sächsische Kältefachschule geplant, deren Träger die Sächsische Innung der Kälte- und Klimatechnik ist. Gemeinsam mit dem Bundesverband soll sie zum Bundeskompetenzzentrum weiterentwickelt werden. Danach, ab Ende 2021, soll eine Halle für Forschung und Entwicklung errichtet werden. Dazu knüpfte die Stadt Kontakte zur TU Chemnitz, zum ILK Dresden und zur Fachhochschule Hof. Die ursprünglich angedachte Prüf- und Zertifizierungshalle für Tüv und Co. erweist sich indes als Problem: Sie sei nicht förderfähig.

Was die Ausbildung von Ingenieuren angeht, bietet die Berufsakademie (BA) Glauchau ab Herbst 2019 Module für die Vertiefungsrichtung Kälte- und Klimatechnik am Standort Glauchau an. Dafür seien schon 35 Studenten angemeldet. Die Praxisausbildung soll in Reichenbach erfolgen. Bei entsprechender Nachfrage, beim Ausbau der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie bei Mehrbedarf der Berufsakademien steht die ehemalige Textilfachschule Klinkhardtstraße 30 als Landesimmobilie zur Verfügung.

Im Bundeswettbewerb "Zukunft gestalten - Innovationen für eine exzellente berufliche Bildung" hat die Stadt Reichenbach am 25. April eine Projektskizze für den "Kältecampus" eingereicht. Die Anlagen sollen dabei sowohl für die Ausbildung der Studenten, als auch für die Berufsausbildung und Weiterbildung genutzt werden. Was logisch klingt, ist bislang in Deutschland im Gewirr von Zuständigkeiten nicht möglich. Ministerpräsident Michael Kretzschmer (CDU) unterstützt das Projekt. "Besonders überzeugt mich die Verbindung von verschiedenen Bildungsangeboten, mit der Sie einen neuartigen, qualitativ hochwertigen Bildungscampus errichten", schreibt er. (gb)

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