Auf den Spuren des Vaters: Vom Ruhrpott nach Westsachsen

Sie ist eine Frau mit einem ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn: Eva Prochowski will in Meerane als Friedensrichterin schlichten. In einer Kleinstadt, die erst 2009 so richtig zur zweiten Heimat wurde.

Meerane.

Wenn es um die Familiengeschichte geht, könnte Eva Prochowski, geborene Rauschenbach, Bücher füllen. Denn ihr Vater zog Anfang der 1950er-Jahre der Arbeit wegen von Meerane ins nordrhein-westfälische Dortmund und heiratete. Dort erblickte die Seniorin 1955 das Licht der Welt. Bis 2009 war der Ruhrpott ihre Heimat, heute lebt die lebenslustige Rentnerin im Elternhaus ihres verstorbenen Vaters - am Rande von Meerane.

Ein Zurück kommt für die Großstädterin nicht mehr infrage. Denn Eva Prochowski und ihr Mann Friedhelm fühlen sich in Westsachsen gut aufgehoben. So gut, dass die gelernte Industriekauffrau der Stadt etwas zurückgeben will. Sie bewirbt sich um das Ehrenamt der Friedensrichterin. Während die Stadträte bereits grünes Licht gaben, muss noch das Amtsgericht zustimmen. Prochowski löst damit Dietrich Epple ab, der das Amt 15 Jahre innehatte.


Wer die einstige Dortmunderin nicht kennt, glaubt, einer waschechten Sächsin gegenüberzusitzen. Ihre Gemütlichkeit, ihre Ruhe, ihr feiner und leiser Humor stecken an. Auch wenn sie im Kohlenrevier groß geworden ist, das westsächsische Meerane hat bei ihr schon als Mädel eine große Rolle gespielt. "In den Ferien war ich immer bei meiner Oma, also in dem Haus, in dem ich heute lebe", sagt Eva Prochowski und packt Bilder von damals auf den Tisch. Auf einem posiert sie als Dreijährige mit ihren Eltern. Dort, wo sich die Frau mit dem grünen Daumen heute eine Oase geschaffen hat, dort, wo heute die Enkel beim Besuch von Oma und Opa herumtoben. Zwar haben Sohn und Tochter die Entscheidung ihrer Eltern, für immer nach Meerane umzusiedeln, von Anfang an mitgetragen, sie selbst wollen in Dortmund und Mittelfranken bleiben.

Dass die angehende Friedensrichterin überhaupt zu den Wurzeln ihres Vater zurückkehrte, daran sei die politische Wende schuld. "Die Kontakte zu den Schulfreunden und Bekannten meines Vaters in Meerane waren ohnehin nie ganz abgerissen", stellt Eva Prochowski klar. Und so kam es, wie es kommen sollte. Bei einem der jährlichen Aufenthalte in Sachsen machte Eva Prochowski einen Abstecher ans elterliche Haus des Vaters. "Der Putz bröckelte ab, an dem Gebäude war etliche Jahre nichts gemacht worden", erinnert sich die Seniorin. Bilder, die der Ex-Dortmunderin damals nie so richtig aus dem Kopf gehen wollten. "Immerhin hatte ich hier einen Teil meiner Kindheit verbracht." Und dann ging es Schlag auf Schlag: 1995 erwarben die Prochowskis das Haus, brachten es auf Vordermann. "Wir sind früher immer zum Urlaub auf die Ostseeinsel Fehmarn gefahren. Das Geld für die dortige Ferienwohnung haben wir von diesem Zeitpunkt an in unser Familienprojekt gesteckt", blickt auch ihr Ehemann Friedhelm gern zurück. Es habe sich gelohnt. "Wir sind angekommen", sagt die 62-Jährige, die während ihres Berufslebens unter anderem 15 Jahre lang als Kundenberaterin "bei Europas größtem Versandhaus" beschäftigt war. Dort habe sie nicht nur ihre rhetorische Kompetenz schulen können, neben schnellem Verstehen sei vor allem rasches Handeln für den Job entscheidend gewesen. Diese Fähigkeiten will sie nun in ihr neues Ehrenamt einbringen. Waren es früher zufriedene Kunden, so hofft sie nun auf Streithähne, die sich am Ende doch einigen, umso erst gar nicht den Weg zum Gericht gehen zu müssen. Einfühlungsvermögen und viel Geduld bringt die zukünftige Friedensrichterin jedenfalls mit, und sie kann zuhören. Das hat sie auch als Schöffin in Dortmund gelernt. "Das war eine Schule fürs Leben", so Eva Prochowski, die Kultur liebt und mit ihrem Mann gern auf Entdeckungstour geht. So fühlen sich beide von den Weihnachtsmärkten angezogen. "Im Vorjahr haben wir gleich mehrere getestet: Erfurt, Dresden, Zwickau, Weimar", zählt Friedhelm Prochowski auf. Im Sommer hingegen lieben sie es, vor allem am Hafen des Cospudener Sees zu sitzen und gemütlich eine Tasse Kaffee zu trinken.

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