Demenz im Altersheim: Tablet aktiviert Gedächtnis

Reiseberichte, Volkslieder und Bilderrätsel: Eine Software soll bei demenzkranken Menschen das Erinnerungsvermögen anregen. Ein Meeraner Pflegeheim testet die Technik sechs Wochen lang.

Meerane.

Ingeborg Schwalbe setzt den Zeigefinger auf den Bildschirm. Nichts passiert. Eine Pflegerin ermutigt die 88-Jährige, noch einmal auf das Tablet zu drücken. Dann erklingt ein Ton. Die ältere Dame hat die Frage des Bilderrätsels richtig beantwortet: Bei dem abgebildeten Tier handelt sich um einen Hasen.

Nicht nur für die demenzkranke Heimbewohnerin ist das Neuland. Auch die Fachkräfte des Kursana-Pflegeheims in Meerane mussten sich auf diese neue Therapiemethode einstellen. Sie testen sechs Wochen gemeinsam mit den Bewohnern ein speziell für demenzkranke Menschen hergestelltes Tablet, das das Unternehmen Media Dementia entwickelt hat.

Videos von Städtereisen, ein Reifenwechsel und ein knisterndes Lagerfeuer können zum Beispiel mit der Software angeschaut werden. "Demenzkranke Menschen wissen häufig noch viel von früher. Mit solchen Aufnahmen aktivieren wir ihr Gedächtnis", sagt Katja Schilling, Leiterin der sozialen Betreuung. Das Tablet ermögliche dem Pflegepersonal, konkret auf die Biografie der Bewohner einzugehen. Ein ehemaliger Mathelehrer mag es beispielsweise, die eingespeicherten Rechenaufgaben zu lösen. "Wir sind von der Mannigfaltigkeit des Geräts wirklich begeistert", sagt Schilling.

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, verliert er Stück für Stück seine geistige Leistungsfähigkeit. Die Forschung wird in Deutschland auf diesem Gebiet zwar vorangetrieben. "Neuentwickelte Medikamente zur Behandlung von Demenzursachen sind zurzeit leider noch Zukunftshoffnungen", sagt Michael Hüll, Chefarzt der Klinik für Geronto- und Neuropsychiatrie in Emmendingen in Baden-Württemberg. Aktuell werde aber auch der Einsatz von technischen Hilfsmitteln immer wichtiger. "Therapie muss nicht immer eine Tablette sein", fügt Hüll hinzu.

Alltagshilfen werden fortwährend für ältere Menschen entwickelt. Laut Firmenprofil hat sich Media Dementia folgendes Ziel gesetzt: Mehr Lebensfreude mit Demenz zu ermöglichen - und das im gleichen Atemzug für Angehörige und Pflegekräfte. In der Praxis im Kursana-Pflegeheim sieht das so aus: Wenn Ingeborg Schwalbe alle Tierbilder erkennt, ereilt sie ein Erfolgserlebnis. "Wir können mit dieser Übung positive Gefühle hervorrufen", sagt Schilling.

240 Menschen werden in einem der drei Häuser der Kursana-Gruppe in Meerane betreut. Im Haus Hirschgrund leben ausschließlich Demenzkranke. Hier ist das Tablet ebenfalls zum Einsatz gekommen. Neben ihrer generellen Begeisterung von dem Gerät hat Katja Schilling dem Unternehmen aber auch zwei Verbesserungsvorschläge unterbreitet. So lässt die Tonqualität bei hoher Lautstärke zu wünschen übrig. Teilweise sollten die Sequenzen in den Hörrätseln länger anhalten. Zudem können stark demenzkranke Menschen zum Teil nichts mit dieser neuen Technik anfangen. Für Katja Schilling überwiegen trotzdem die Vorteile.

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