"Die Ansprüche der Zuschauer wachsen"

Eispiraten-Geschäftsführer Jörg Buschmann und ETC-Vereinschef Matthias Gerth sprechen über Eishockey-Jubiläum und Stadion-Probleme

Crimmitschau.

In der nächsten Woche dürfen die Puckjäger im Kunsteisstadion im Sahnpark wieder auf das Eis. Holger Frenzel sprach im Doppel-Interview mit Eispiraten-Geschäftsführer Jörg Buschmann (35) und ETC-Vereinschef Matthias Gerth (53) über die neue Saison.

Freie Presse: 2020 steht das Jubiläum "100 Jahre Eishockey in Crimmitschau" an. Wie soll gefeiert werden?

Jörg Buschmann: Es soll eine große Veranstaltung im Kunsteisstadion geben - für Sportler und Fans. Vielleicht lassen sich bei weiteren Aktionen das gesamte Sahnpark-Areal und die Tuchfabrik mit einbeziehen. Schließlich stehen die Anfänge des Eishockeysports in Zusammenhang mit der Textilindustrie.

Wer koordiniert die Vorbereitungen?

Matthias Gerth: Da stecken wir in den Kinderschuhen. Es wird nur gemeinsam gehen - mit Eispiraten, ETC und Stadt. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen.

Besteht die Gefahr, dass das Jubiläum durch die zeitgleiche Landesausstellung mit den verschiedenen Aktionen in der Tuchfabrik untergeht?

Jörg Buschmann: Wie bereits erwähnt: Textilindustrie und Eishockey gehören zusammen. Deshalb wollen wir 2020 gegenseitig profitieren - von der Landesausstellung und dem Eishockey-Jubiläum. Dazu gab es ein gutes Gespräch mit Tuchfabrik-Leiterin Jana Kämpfe. Denkbar ist unter anderem, dass wir eine interaktive Ecke in der Tuchfabrik einrichten und auf die Eishockey-Tradition aufmerksam machen.

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft war nach der Wende viermal im Kunsteisstadion im Sahnpark zu Gast. Welche Bemühungen gibt es, um 2020 wieder ein Länderspiel nach Crimmitschau zu holen?

Matthias Gerth: Das Thema ist für uns immer aktuell. Zuletzt gastierte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft vor vier Jahren im Kunsteisstadion. Ganz klar: Wir wollen 2020 ein Eishockey-Länderspiel nach Crimmitschau holen und sprechen dazu in Kürze persönlich bei DEB-Präsident Franz Reindl vor. Dazu muss sich allerdings auch die Stadt positionieren und ein klares Signal senden. Jörg Buschmann: Es handelt sich hier um eine sportpolitische Entscheidung.

Die Politik wird erwähnt. Sie fahren am 14. August zu Ministerpräsident Michael Kretzschmer (CDU) nach Dresden. Über welche Themen soll gesprochen werden?

Jörg Buschmann: Zunächst einmal: Die Einladung ist für uns eine Ehre. Wir werden mit unserer Mannschaft, einigen Sponsoren, Vertretern des Stammvereins und Oberbürgermeister André Raphael nach Dresden fahren - gemeinsam im Mannschaftsbus. Es geht grundsätzlich um Themen, die anstehen, um als Eishockey-Standort langfristig in der Deutschen Eishockey Liga 2 konkurrenzfähig zu bleiben.

Eine "Baustelle" ist das Kunsteisstadion im Sahnpark. Welche Probleme gibt es gegenwärtig?

Jörg Buschmann: Wir haben ein Stadion mit langer Tradition, an vielen Stellen ist es aber nur Stückwerk. Die Probleme mit den Sanitäranlagen beschäftigen uns seit vielen Jahren. Da es sich um eine halboffene Sportstätte handelt, gibt es auch Schwierigkeiten durch die Staubentwicklung. Um es deutlich zu machen: An einer Stelle kleben wir ein Pflaster, an einer anderen Stelle löst sich ein Pflaster. Die Ansprüche der Zuschauer wachsen, damit steigen auch die Qualitätsstandards.

Die sächsischen Kontrahenten aus Weißwasser und Dresden haben neue Eisarenen. Ist ein Neubau auch in Crimmitschau ein Thema? Und überhaupt zu stemmen?

Jörg Buschmann: Wir befinden uns aktuell in einer Sondierungsphase und verteilen dazu verschiedene Aufgaben. Stammverein und Eispiraten müssen hier eine Sprache sprechen. Es geht nicht nur um die Finanzierung eines Neubaus. Auch die Betreibung einer neuen Sportstätte darf nicht unterschätzt werden. Wir sehen im Fußball, dass dadurch einige Vereine in Schieflage geraten.

Seit mehreren Jahren wird auf die Notwendigkeit einer zweiten Eisfläche hingewiesen. Warum?

Matthias Gerth: Vor allem aufgrund der Vorgaben des Deutschen Eishockey Bundes. Unsere Nachwuchsmannschaften müssen normalerweise 32 Stunden pro Woche auf dem Eis trainieren. Momentan stehen 21,25 Stunden pro Woche zur Verfügung. Damit ist die Kapazität des Kunsteisstadions, welches von weiteren Vereinen und Hobbyteams genutzt wird, ausgereizt. Wir haben einen großen Zulauf in der Nachwuchsabteilung und wollen langfristig eine Mannschaft in der Deutschen Nachwuchs-Liga etablieren, die dann zwölf Monate im Jahr auf dem Eis trainieren müsste.

Gibt es schon Klarheit zur Finanzierung und zum Standort einer zweiten Eisfläche?

Matthias Gerth: Wir diskutieren momentan viele Fragen parallel: Erfüllt das Kunsteisstadion in den nächsten zehn bis 15 Jahren noch die Ansprüche und Anforderungen? Können wir auf die wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die Eishockey spielen wollen, mit zusätzlichen Eiszeiten reagieren? Ganz wichtig: Wir brauchen eine kurzfristige Lösung. Wir haben drei Möglichkeiten geprüft. Erstens: Ein Neubau einer kleinen Halle mit einer zweiten Eisfläche. Zweitens: Der Einbau einer zweiten Eisfläche in einen leerstehenden Industriekomplex. Drittens: Das Anmieten einer Eisfläche, die vorübergehend in der Nähe des Kunsteisstadions aufgebaut werden kann. Momentan favorisieren wir die dritte Variante und sollen verschiedene Standort-Vorschläge von der Stadt vorgelegt bekommen. Dann können wir mit konkreten Zahlen weiterarbeiten.

Die Aussagen zum Jubiläum und zum Kunsteisstadion zeigen: Projekte lassen sich nur umsetzen, wenn Eispiraten und ETC an einem Strang ziehen. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Jörg Buschmann: Die Basis bildet ein Kooperationsvertrag. Die Eispiraten zahlen 66.500 Euro pro Saison und 0,42 Euro pro Zuschauer an den Stammverein. Neben den Festlegungen, die wir vertraglich vereinbart haben, läuft aber auch viel im operativen Geschäft - auf dem Eis und hinter der Bande. Matthias Gerth: Nachwuchstrainer Boris Rousson übernimmt weiter das Torwart-Training bei den Eispiraten. In der letzten Saison stand ein Teil der Eispiraten-Profis mit unserer U-10-Mannschaft einmal in der Woche im Training auf dem Eis. Das sorgt für eine zusätzliche Motivation beim Nachwuchs. Das hat in den letzten zwölf Monaten erstmals funktioniert, was an der positiven Einstellung und Sichtweise von Eispiraten-Trainer Kim Collins gegenüber der Nachwuchsarbeit liegt.

Wann können wieder Talente aus den eigenen Reihen um einen Stammplatz im Eispiraten-Kader kämpfen?

Matthias Gerth: Mit André Schietzold und Philipp Halbauer gehören zwei Spieler, die aus dem ETC-Nachwuchs stammen, zu Stammkräften. Weitere Spieler befinden sich im erweiterten Kader. Der direkte Sprung aus dem ETC-Nachwuchs in die Eispiraten-Stammformation wird die Ausnahme bleiben. Sportler, die ein solches Potenzial haben, gehen früher zu den deutschen Top-Teams. Jörg Buschmann: Die Frage kann normalerweise nur Trainer Kim Collins beantworten. Vorstand und Geschäftsführer greifen nicht in sportliche Entscheidungen ein. Junge Talente dürfen mit den Profis trainieren. Der Sprung nach oben klappt aber nur, wenn viele Faktoren stimmen. Da ist auch die Persönlichkeit der jungen Leute wichtig.

Seit einigen Jahren fehlt ein Nachwuchs-Internat in Crimmitschau. Ist das ein Handicap?

Matthias Gerth: Aus unserer Sicht ist es kein Nachteil. Aus dem früheren Internat hat nur Valerij Guts den Sprung in den Eispiraten-Kader geschafft. Wir haben unser Konzept, vor allem durch das Engagement von Torsten Heine, der sportlicher Leiter des Vereins ist, geändert und holen nun viele Kinder aus Crimmitschau und Umgebung auf das Eis. In der Saison 2015/16 gab es 51 Neuanmeldungen, 2016/17 waren es 39 Neuanmeldungen, und in der Spielzeit 2017/18 waren es 63. Auswärtige Nachwuchssportlern können bei Gastfamilien in Crimmitschau oder durch die Kooperation im Internat in Chemnitz wohnen. In Crimmitschau ist ein Nachwuchs-Internat momentan kein Thema.

In der vergangenen Saison standen fünf Profis, die um Ausland geboren sind und trotzdem einen deutschen Pass haben, im Eispiraten-Kader. Wird damit nicht die Nachwuchsförderung blockiert?

Matthias Gerth: Talentierte und motivierte Leute, die hart an sich arbeiten, haben immer eine Chance. Wenn eine Eispiraten-Mannschaft mit Deutsch-Kanadiern oder Deutsch-Amerikanern erfolgreich ist, profitiert der gesamte Standort. Dann wächst auch der Ansporn bei unseren Nachwuchscracks, vor einer tollen Kulisse zu spielen. Jörg Buschmann: Die passende Bezeichnung dafür ist "interner Wettbewerb". Das steigert die Leistung.

Mit welchen Zielen starten Eispiraten und ETC in die Saison?

Jörg Buschmann: Wir wollen an die Leistungen in der Saison 2017/18 anknüpfen, attraktives, schnelles und erfolgreiches Eishockey spielen. Oberste Priorität hat der direkte Klassenerhalt. Dazu gibt es klare Ziele im Umfeld: Wir müssen die Kommunikation verbessern und den Bereich Merchandising ausbauen. Es gibt auch Veränderungen beim Einlauf der Spieler. Matthias Gerth: Wichtig ist der Klassenerhalt in der Schüler-Bundesliga. Wir wollen im DEB-System weiter den Status als Vier-Sterne-Standort halten und uns zu einem Fünf-Sterne-Standort entwickeln. Dazu ist allerdings - wie schon erwähnt - eine zweite Eisfläche erforderlich. Wir peilen erneut zwischen 30 und 40 Neuanmeldungen im Nachwuchsbereich an. Dafür brauchen wir eine wirtschaftliche Basis, der Etat der Nachwuchsabteilung liegt bei rund 300.000 Euro pro Saison.

Welche Wünsche gibt es so kurz vor der neuen Saison an den jeweiligen Partner?

Matthias Gerth: Alle Sportler - vom Bambini bis zum Eispiraten-Profi - sollen gesund und von Verletzungen verschont bleiben. Das ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Saison. Ich hoffe, dass sich die Eispiraten wirtschaftlich noch besser aufstellen können und mehr Luft zum Atmen bekommen. Es ist für eine Stadt wie Crimmitschau mit 19.000 Einwohnern keine Selbstverständlichkeit, eine Mannschaft in der Deutschen Eishockey Liga 2 an den Start zu schicken und so eine große Nachwuchsabteilung mit mehr als 300 Kindern und 19 Übungsleitern entwickelt zu haben. Die Eispiraten sind - neben dem Fußball-Drittligisten FSV Zwickau - das sportliche Aushängeschild. Jörg Buschmann: Ich stelle eine positive Entwicklung beim ETC fest. Viele Leute, mit denen ich als Kind und Jugendlicher auf dem Eis stand, engagieren sich nun selbst als Trainer oder Mannschaftsbetreuer im Nachwuchsbereich. Das macht Mut.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...