Ein Abzweig in die Geschichte unserer Region

Den Bach runter "Freie Presse" unterwegs im Lungwitztal. Teil 3: Die historische Sammlung im Heimatmuseum in St. Egidien.

St. Egidien.

Das unscheinbare Haus abseits der Lungwitzer Straße in St. Egidien ist nicht nur irgendein Gebäude, es ist ein Abzweig in die Vergangenheit der Region. Denn das kleine Heimatmuseum mit dem "Gerth-Turm", selbst rund 500 Jahre alt und Teil eines gut erhaltenen Bauernhofs, bewahrt auf, was einstige Bewohner hinterlassen haben.

"Nur aufgrund eines Feuers von 1930 wurde damals die Dachform der Scheune erneuert, alles andere hier ist in seiner ursprünglichen Form bestehen geblieben", sagt Wolfgang Standfest. Er ist einer der vier Rentner, die sich als "harter Kern" um das kleine Museum kümmern. Kein Verein, sondern ein "freier Haufen" von insgesamt zwölf Personen pflegt das Gelände und die uralte Einrichtung, deren juristischer Träger die Gemeinde ist.

"Jeden Mittwochvormittag haben wir Einsatz auf dem Hof, arbeiten im Kabinett oder archivieren Dokumente", sagt der 81-Jährige, und man sieht ihm an, wie glücklich er dabei ist. Hingebungsvoll richtet er mit seinen Kollegen Führungen aus, nicht nur für Schulklassen, auch für Familien oder Seniorengruppen. "Das Gebäude ist nur wegen des Grundrisses ein Turm, die Mauern sind dick und die Fenster klein. Vermutlich diente der ursprüngliche Speicher als Zufluchtsort im Dreißigjährigen Krieg. Richard Gerth war der letzte Bewohner hier, deshalb heißt er Gerth-Turm", erklärt der Rentner.

Nach der Umbenennung von Heimatstube zu Heimatmuseum 1993 wurde auch die Scheune als Erweiterung der Ausstellungsräume einbezogen. Alltagsgegenstände aus vier Jahrhunderten sorgen für Staunen bei den Besuchern. Wolfgang Standfest kennt die Sammlung auswendig, schließt die alarmgesicherte Tür auf: "Was an Objekten einmal hier ist, bleibt hier. Unsere Tür geht nur nach innen auf", scherzt er. Aber es werden natürlich auch Leihgaben ausgereicht - etwa an Christian Bretschneider, den "Burghauptmann zu Lichtenstein", der hin und wieder Requisiten benötigt, um seine Nachtwächter-Touren durch Zwickau und Lichtenstein anschaulicher zu gestalten. "In einem alten Nachttopf verstecke ich meine Spickzettel", erzählt Bretschneider. "Denn die originalen Zitate kann ich mir nicht immer merken."

Schnell findet Standfest, was gewünscht wird. Er weiß, wie gern Stadtvereine auch historische Kinderkutschen oder Leierkästen in St. Egidien ausborgen. Mit Begeisterung führt er Besucher durch die gefüllten Räume: hier die alte Eisentruhe um 1800, da der Orgeltisch von 1907, dort eine Skatkartenputzmaschine von vor 1900. Der Apothekenmörser von 1623 zählt zu den ältesten Exponaten. "Die Hälfte unserer Ausstellungsstücke lagern im Archiv und auf dem Oberboden. Die zwei originalen Pferdewagen nehmen viel Platz weg, aber passen so toll in die Führung, deshalb bleiben sie hier."

Zu vielen Alltagsgegenständen früherer Zeiten weiß Wolfgang Standfest Geschichten zu erzählen, seine liebste ist und bleibt der Witz über die Holzwolle. Nicht nur, dass er einen Musterhefter und die Holzschälmaschine der alten Holzwollefabrik von 1900 zeigt, er fragt die Kinder auch gern: "Was macht man mit der Holzwolle? Na man strickt die Möbel!"

Gefeiert wird im Museum natürlich ebenfalls, zum Beispiel mit der Volkssolidarität, die hier jährlich ein Fest ausrichtet. Schnell werden dann Tische und Bänke vorbereitet. "Alle fünf Jahre laden wir groß zu Blasmusik und Leierkastenspiel ein, nächstes Jahr ist es wieder soweit", freut sich Standfest.

Von März bis November ist jedes erste Wochenende im Monat Samstag und Sonntag von 13 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Mit nur 1 Euro Eintritt erfährt man Wissenswertes über die Ausstellungsstücke und über St. Egidien selbst. Unter Telefon 037204 86795 können Führungen in der Lungwitzer Straße 77 gebucht werden.

 

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