"Leute werden nicht mehr 40 Jahre in einer Firma arbeiten"

Unternehmer Andreas Berger über Digitalisierung und Arbeitswelt, Silicon Valley und Chancen für die Region

Glauchau.

Andreas Berger aus Oberwiera hat mit seiner Familie mehrere Jahre im amerikanischen Silicon Valley gelebt und gearbeitet, wo Technologieunternehmen wie Apple, Facebook und Google beheimatet sind. Der Technologie-Investor, der für die Freien Wähler im Gemeinderat sitzt, hält beim Forum "Digitale Region - Wie wollen wir morgen arbeiten?" am heutigen Freitag ab 16 Uhr im Glauchauer Schloss einen Vortrag. Jochen Walther hat mit dem 35-Jährigen vorab gesprochen.

Freie Presse: Sind Sie eher freudig oder enttäuscht aus den USA zurückgekehrt?

Andreas Berger: Ich würde zufrieden sagen. Nun. Wir konnten damals in der Hochphase des Silicon Valley tief in das Geschehen vor Ort eintauchen und von den Start-ups, Universitäten und etablierten digitalen Unternehmen lernen. Ich war für die Unternehmen RWE und Innogy unterwegs, um deren Innovationsaktivitäten zu etablieren. Denn das Silicon Valley ist nicht ohne Grund eine so wichtige Gegend für digitale Innovation. Die Wege zwischen den einzelnen Unternehmen sind kurz. Mit der Stanford Universität und der University of California sind zwei der wichtigsten Bildungseinrichtungen der Welt vor Ort. Wir wollten unsere Kinder aber keinem künstlichen Umfeld aussetzen. Zudem haben die Mieten und Häuserpreise astronomische Ausmaße erreicht, die Infrastruktur kollabiert gerade.

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Sind wir hierzulande auf dem richtigen Weg?

Nein, ganz und gar nicht. Die Entscheidungsträger trauen sich weder die Verantwortung zu übernehmen noch zu übertragen. Mein Heimatort Oberwiera bekommt im Dezember schnelles Internet, obwohl die ersten DSL-Anschlüsse seit 1999 existieren. Deutschland muss aufpassen, den Anschluss nicht zu verpassen. Das gilt nicht nur bei der digitalen Infrastruktur, sondern generell. Auch Themen wie 5G-Ausstattung oder Cloud-Anbieter werden nicht mutig genug diskutiert. Die Demokratisierung von Entscheidungen macht Deutschland handlungsunfähig, sodass alles sehr lange dauert. Unser Anspruch muss es meiner Meinung nach sein, dass wir die Demokratie erhalten und wettbewerbsfähig machen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei dem Prozess?

Das ist für mich ganz klar die Systemarchitektur. Wenn ich von Systemen spreche, dann spreche ich von der Gesellschaft, Unternehmen, Familien, Universitäten und deren Zusammenspiel. Das heißt: Wenn ich heute aufgrund von Veränderungen einen Missstand sehe und als Bürger die Änderung eines Gesetzes veranlassen will, dann ist das nur schwer und mit viel Aufwand möglich. Wir müssen die Systeme so gestalten, dass es dazu eine Möglichkeit gibt. So könnte es zum Beispiel eine Behörde geben, die nichts anderes macht, als zu jedem Gesetz alle Einwände zu sammeln, um so die Abschaffung oder die Verbesserung vorzubereiten.

Müssen mit der sich verändernden Arbeitswelt nicht ebenso die Arbeitszeiten spürbar flexibler gestaltet werden?

Arbeitszeiten sind in vielen Bereichen nach wie vor zeitgemäß, da hat der Gesetzgeber viel getan. Der klassische Angestellte, vor allem im digitalen Umfeld, wird aussterben. Leute werden nicht mehr 40 Jahre in einem Unternehmen arbeiten. Wir müssen überlegen, wie wir Übergänge gestalten. Auch die Bildungslaufbahn jedes Einzelnen wird sich verändern. Mit 40 zu studieren, das muss möglich sein. Auch da spielt die Systemarchitektur wieder eine Rolle. Nicht nur die Universitäten müssen sich anpassen, auch Zulassungsvoraussetzungen müssen neu überdacht werden.

Also gehen die Veränderungen der Arbeitswelt mit dem lebenslangen Lernen einher?

Absolut! Die Schulbildung ist mit der Industrialisierung gewachsen, hat sich aber noch nicht der Digitalisierung angepasst. Informationen sind heute überall verfügbar, dafür gibt es eine Vielzahl von Werkzeugen. Wir müssen unsere Kinder für diese Trends vorbereiten und Lehrer motivieren, sich zu jemanden zu entwickeln, der nicht alle Antworten hat, sondern Wege und Werkzeuge an die Hand gibt.

Als Unternehmer investieren Sie in Start-ups. In welchen Branchen passiert am meisten?

Als Unternehmer bin in sehr klassischen Bereichen aktiv und habe im Nicht-Start-up-Bereich angefangen. Mittlerweile investiere ich in Start-ups, die sich mit Automatisierung und Bildung beschäftigen. Die Automatisierung hat gerade erst angefangen. Bald werden wir sehen, wie Management-Aufgaben ebenfalls mehr und mehr verschwinden.

Im Fazit dessen sehen Sie mehr Chancen als Risiken?

Richtig. Mit der Digitalisierung und dem Internet bekommt jede Region auf der Welt die Chance, sich neu zu erfinden, sich selbst zu vermarkten. Durch flexiblere Jobs und Konzepte wie Homeoffice können immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Das führt dazu, dass die Menschen sich fragen: Wo will ich wohnen? Was soll mir eine Heimat bieten? Hiervon kann Westsachsen und der ländliche Raum profitieren.

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