Als der Bauboom Einzug hielt

Heimatgeschichte: Vor 40 Jahren wurde in Hohenstein-Ernstthal gebaut wie noch nie. Eine Zeitreise zurück.

Hohenstein-Ernstthal.

In kaum einem Jahr der 500-jährigen Geschichte der Stadt wurde soviel Bausubstanz geschaffen wie 1979. Doch bis dahin war es ein weiter Weg, deshalb werfen wir einen Blick auf die bauliche Entwicklung von Hohenstein-Ernstthal, geprägt vom Wechsel zwischen Boomzeiten, Bränden, Kriegen, Notzeiten und Stagnation.

Bis 1500 sollen schon 40 Häuser erbaut worden sein, die sich eher als Lehmhütten mit Bretterverkleidung und Holzschindeldeckung ausnahmen. Durch den Bergbau, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts seinen Aufschwung nahm, erfuhr der Ort für damalige Verhältnisse auch durch das verstärkte Aufkommen der Leineweberei, eine schnelle Entwicklung und wurde um 1510 von der Schönburgerin Anna Gratiosa sogar zur Bergstadt erhoben. Bis Ende jenes Jahrhunderts konnten 170 Häuser gezählt werden. Bis 1620 dürfte sich die Zahl verdoppelt haben. Doch der Dreißigjährige Krieg und die Pest 1633 und 1680 dezimierten die Bevölkerung. Unzählige Häuser verfielen, Brände wie 1683 an der südlichen Marktseite und 1674 an der Ostseite des Hohensteiner Marktes sowie kriegerische Ereignisse ließen um 1680 nur noch rund 180 Häuser übrig. In jenem Jahr entstand die Siedlung an den Waldplätzen, das spätere Ernstthal, das sich zunächst getrennt von Hohenstein entwickelte. Letztere Stadt wies 1817 440 Häuser auf, bis 1885 wuchs die Zahl auf 525. Ernstthal hatte sich ebenso wie die Schwesterstadt Hohenstein durch die industrielle Entwicklung des 19. Jahrhunderts enorm erweitert. Zusammen dürften die Städte bei der Vereinigung zu Hohenstein-Ernstthal an die 1000 Wohngebäude besessen haben. Mit dem Ersten Weltkrieg brachen die baureichen wilhelminischen Zeiten jäh ab. In den 20er-Jahren erholte sich das Bauwesen langsam mit verschiedenen Auf- und Abschwüngen bedingt durch gravierende wirtschaftliche Ereignisse.


Der 2. Weltkrieg brachte die Bautätigkeit zum Erliegen. Obwohl Hohenstein-Ernstthal keine kriegsbedingten Verluste an Bausubstanz zu beklagen hatte, war die Stadt durch Tausende von Flüchtlingen überbevölkert, 23.000 Einwohner zählte man damals. Trotz des dringenden Wohnraumbedarfs lief die Bauwirtschaft nicht an, erst 1955 wurde an der Friedrich-Engels-Straße das erste Nachkriegshaus gebaut, der zweite Block mit drei Eingängen folgte am gleichen Standort 1957, das IFA-Haus. In jenen Jahren lief der Bau der Ernst-Thälmann-Siedlung an und zog sich bis in die erste Hälfte der 1960er-Jahre hinein. Als weiteres Neubaugebiet mit dem Bauschwerpunkt in den 1970er-Jahren folgte die Fritz-Heckert-Siedlung. 1977 waren die großen Flächen für Neubaugebiete im Westen der Stadt zunächst erschöpft, und im Osten von Ernstthal erschloss man über die weiteren Jahre die Neubaugebiete Sonnenstraße, Südstraße und die Straße der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft, die heute Ringstraße heißt. Schrittweise erfolgte der Bau der erforderlichen Infrastruktur. Natürlich gab es unabhängig von diesen großen Gebieten auch kleine Bauflächen in der Stadt, zum Beispiel für den Eigenheimbau und die Rekonstruktion von Altbauten sowieso.

Der Baubeginn an der Sonnenstraße ging am 5. Mai 1977 auf dem unerschlossenen Gelände vonstatten. Am 5. Februar 1979 wurde der erste Wohnblock montiert und am 29. Mai zogen die ersten Mieter ein. 1979 erfolgte der Bau des Heizhauses an der Nutzunger Straße, das im Herbst für 384 Wohnungen in Betrieb ging. Im gleichen Jahr entstand die große Kaufhalle an der Sonnenstraße, die der Maler und Grafiker Georg Schindler mit Kunst am Bau aufwertete. Am 5. Mai 1979 wurde die Schwimmhalle am Schinderweg eröffnet. Am 17. September übergab man die kombinierte Kindereinrichtung mit 72 Krippenplätzen und 144 Kindergartenplätzen. Auch für die innerstädtische Verkehrsanbindung war gesorgt. Ab September verkehrte ein Ringbus mit zwei gegenläufigen Linien zwischen der Fritz-Heckert-Siedlung und der Sonnenstraße. Bis Ende 1979 waren im Neubaugebiet 802 neue Wohnungen entstanden und ein Großteil der Wohnungsnot in der Stadt war beseitigt. Natürlich ging der Hausbau bis in unsere Tage weiter, aber so einen Bauboom innerhalb eines Jahres hat man nie wieder erreicht.

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