"Damit man später nicht enttäuscht ist ..."

Die Woche der offenen Unternehmen ist zu Ende. Sie war eine Chance für beide - Firmen und Jugendliche.

Hohenstein-E..

Schlibb, schlibb, schlibb. Der Pfandautomat schluckt Flasche für Flasche. Doch wohin verdaut er sie? Kaufland-Mitarbeiterin Susann Voitel lotst acht Teenager durch eine Tür, sozusagen in den Bauch der Anlage. Getränkekästen türmen sich, ein junger Mann fährt mit dem Hubwagen volle hierhin, leere dorthin. Dann stehen die Besucher hinter dem Automaten, der Glasflaschen auf ein Fließband spuckt.

Es ist die Woche der offenen Unternehmen, und Susann Voitel erklärt den Schülern, wie das Kaufland in Hohenstein-Ernstthal funktioniert. Die Woche dient der Berufsorientierung, insgesamt haben 160Firmen im Landkreis Zwickau mitgemacht. Kaufland sucht junge Menschen, die Kaufleute im Einzelhandel werden wollen. Deshalb erklärt Voitel, die Warenbereichsleiterin für Lebensmittel ist, den Jugendlichen die Kaufland-Welt, nimmt sie mit ins Lager und an die Rampe, wo jeden Morgen um 6 Uhr ein Laster Obst und Gemüse liefert, mittags dann Molkereiprodukte und andere Lebensmittel ankommen. "Food trocken", heißt das in der Handelssprache. Was für die Kunden Regale voller Lebensmittel sind, ist in Wahrheit ein komplexer Organismus. Drogerieabteilung, Tiefkühltruhen, Molkerei und Käsetheke sind jeweils eigene Reiche, regiert von den Mitarbeitern; permanent legen sie nach, sortieren nach Haltbarkeit, bestellen nach. "Als Verkäufer muss ich nur kassieren - nee, musste nicht", sagt Susann Voitel.

Auch im Gewerbegebiet in Wüstenbrand hat Kati Klaubert in dieser Woche drei Stunden lang ihre Arbeit liegen lassen, um eine Schar Neuntklässler durch die Räume zu schleusen. Klaubert ist seit 2018 Assistentin der Geschäftsleitung bei der Wattana, die hier Schutzbekleidung entwickelt: feuerfest, stichfest, schnittfest, je nachdem, was gebraucht wird. Im Keller liegt die Herzkammer. Dort rattern Nähmaschinen, am Stangen hängen die fertigen Muster: Jacken für die Polizei Bayern, die Seenotretter, die Wiener Linien. "Wenn man seine Produkte kennt, begegnen sie einem überall", sagt Kati Klaubert und lacht. Auch die Schüler dürfen mal an die Nähmaschinen, setzen eine Naht auf ein Stück blauen Stoff. Die Wattana bildet Bürokaufleute aus - und natürlich Modeschneider und -näher. Die letzte Azubine hat vor zwei Jahren ausgelernt. Nun sitzt Franziska Rau zwei Stockwerke weiter oben, am Computer, erstellt eine technische Zeichnung von einer Mehrzweckjacke für die Polizei Bayern. Die Zeichnung ist Basis für die Produktion; jede Tasche, jede Naht beschreibt sie im Detail. Die junge Frau macht parallel den Bekleidungstechniker in Plauen -das entspricht einem Bachelor im Betrieblichen. Wer sich nach der Lehre weiterentwickeln will, kann das gern tun, sagt Kati Klaubert. Gern hätte sie wieder eine Auszubildende. "Früher musste man nur warten, dass die Leute kommen", sagt sie. Und heute? "Na ja, ganz so, dass man betteln muss, ist es noch nicht."

In der Seniorenwohngemeinschaft "Sonnenschein", Antonstraße7 in Hohenstein-Ernstthal, freut sich Marianne Jacob (76) über den Besuch von Lena Sue Weinhold. Die 16-jährige Schülerin der Karl-May-Oberschule will sich "mal umsehen". Lena Sue möchte später ihre Brötchen in einem sozialen Beruf verdienen. "Ich bin Praktikerin, auf einem Bürosessel würde ich es nicht aushalten", sagt die 16-Jährige, die in ihrer Freizeit zwei Tanzgruppen trainiert, Gitarre spielt und gern fotografiert. Physiotherapeutin oder Altenpflegerin, das würde ihr liegen. Durch ihre Mutter, die bei einem Pflegedienst arbeitet, weiß sie schon, was auf sie zukäme. Das Seniorenheim schaut sie sich genau an. Praxisleiterin Sandra Meinhardt führt sie durchs Haus. "Entscheidend ist die Liebe zum Beruf", sagt sie.

Im Haus leben auf zwei Etagen 26ältere Menschen, dazu sechs im Betreuten Wohnen. Hinzu kommen auf jeder Etage drei Wohnungen älterer Leute. Ein Team von elf Pflegekräften und drei Hauswirtschafterinnen geht unter Leitung von Romy Roschobutko den Bewohnern zur Hand. Was das praktisch bedeutet, erklärt Sandra Meinhardt: "Beim Essen und Trinken helfen, Körperpflege, Insulin spritzen, die Medikation erledigen, auch mal beim Fortbewegen mit dem Rollator helfen."

Marianne Jacob ist für diese Hilfe und ein Gespräch dankbar. Früher hat die Grumbacherin ihre Brötchen bei der LPG im Stall verdient. Jetzt im Alter braucht sie Hilfe. Lena Sue schaut sich auch das Pflegebad und die Zimmer an, die mit barrierefreien Nasszellen ausgestattet sind. "Solche Besuche in den Firmen sind wichtig, damit man später nicht enttäuscht ist und durch Ausbildungsabbruch viel Zeit verliert", sagt sie.

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