Die Streitmacht vor der Haustür

Nicht nur auf der großen Weltbühne, auch in Kuhschnappel hinterließ der "Prager Frühling" Spuren. Zeitzeugen berichten nun.

Kuhschnappel.

"Was müssen die wohl zu essen kriegen", dachte der damals 11-jährige Andreas Barth, als die sowjetischen Soldaten sich "wie die Tiere" über die bitteren Pflaumen hermachten. Mit der Schwester hatte der Fünftklässler das Fallobst vom Boden aufgelesen und den im Rüsdorfer Wald stationierten Rotarmisten zum Tausch angeboten. Im Gegenzug erhielten Barth und seine Freunde Schützenspangen und andere Abzeichen der russischen Soldaten. "Die standen gerade bei den Jungen hoch im Kurs."

All das geschah zwischen Juli und August 1968 - in Kuhschnappel. Die zwischen Bäumen und unter Tarnnetzen vor den Augen der Öffentlichkeit verborgenen Sowjetsoldaten warteten damals auf den Befehl zum Einmarsch in die Tschechoslowakei - und zur Niederschlagung der Reformbewegung "Prager Frühling". Welche Spuren dieses welthistorische Ereignis in dem kleinen Ort nahe St. Egidien hinterlassen hat, davon werden der heute 60-jährige Andreas Barth und drei seiner Kollegen vom Heimat-Archiv Kuhschnappel am Montag erzählen. Im Gemeinschaftsraum des Feuerwehrgebäudes sollen ab 19 Uhr die Berichte von 12 bis 14 Zeitzeugen aus dem Ort vorgestellt werden, die über ihre Erinnerungen an die Ereignisse um den "Prager Frühling" berichten.

Zu den Zeitzeugen gehört auch Andreas Barth: Er erinnert sich: Den gesamten Eisenschachtweg hinauf standen Schlagbäume und sowjetische Posten. "Wir haben uns damals gewundert, dass Asiaten darunter waren und nicht nur Russen, wie uns immer erzählt wurde." Wenn es ums Tauschen ging, seien die Soldaten freundlich gewesen. "Manchmal gaben sie uns Geld und wir kauften Schnaps für sie ein", erzählt Volkmar Fischer, ein weiterer Zeitzeuge. Die Verkäufer im Konsum hatten den Alkohol ohne mit der Wimper zu zucken an die 11-Jährigen herausgegeben. "Die Erwachsenen tauschten Alkohol gegen goldene Uhren oder Benzin." Was der Rausch den Soldaten Wert gewesen ist, erfuhr Andreas Barth, als er seine Uhr Jahre später zu einem Spezialisten brachte: "Das ist ein richtig gutes Stück."

Auch zur DDR-weit bekannten Brotfabrik kamen die Russen durch den Wald gelaufen, berichtet einer der Zeugen, der dort als Bäcker arbeitete. "Was macht ihr hier überhaupt in der Gegend?", habe er damals selber gerufen. "Kleiner Bruder krank", kam die Antwort in gebrochenem Deutsch. Der Soldat auf Nahrungssuche spielte damit auf die Situation im kleinen Nachbarland Tschechoslowakei an.

"Wir als 11-Jährige wussten damals nichts von den politischen Hintergründen. Wir waren einfach neugierig und wollten wissen, wer sich da in unseren Wäldern versteckt", sagt Volkmar Fischer heute.

In der Nacht zum 21. August verschwanden die Panzer und Lkws der Roten Armee wie sie knapp einen Monat zuvor gekommen waren - in einer Nacht- und Nebelaktion. Viele Erwachsene wussten jedoch Bescheid. "Wir konnten hier Westradio empfangen", sagt Barth. Außerdem hatten die Sowjets einen Monat in den Wäldern auf den Marschbefehl gewartet. "Da konnte sich jeder denken, dass hier eine lang geplante Invasion vonstatten ging."

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