Dürre: Stadt zapft Zisterne am Markt an

Mit der Feuerwehr naht Rettung für Bäume und Sträucher. Das Wasser kommt aus einem mehr als 140 Jahre alten Speicher am oberen Markt. Den hat die Karl-May-Stadt den Stadtvätern von einst zu verdanken.

Hohenstein-Ernstthal.

Rund fünf Minuten Pause für Patrick Dietz und Florian Dolling vom Hohenstein-Ernstthaler Bauhof. Genauso lange braucht die Pumpe ihres Löschfahrzeuges, um den 2400-Liter-Tank des Fahrzeuges zu füllen. Mit dem Tanklöschfahrzeug naht Rettung für die durstigen Rhododendren im Ende-Park. Gegen Mittag ist es bereits die fünfte Tour für die beiden Feuerwehrleute, die diesmal im Dienst der Natur unterwegs sind, Bäume und Sträucher im Stadtgebiet wässern.

Zum ersten Mal in diesem Sommer zapft der Bauhof die mehr als 140 Jahre alte Zisterne am oberen Markt an. "Die ist ein Glücksfall für die Stadt", sagt Patrick Dietz. Hinter einer Stahltür verbirgt sich ein kreisrunder Einstieg im Beton, durch den ein Mensch bequem in die Zisterne kriechen könnte. Der 22-jährige Florian Dolling, der heute seine Lehre als Straßenmeister mit der Freisprechung beendet, belässt es allerdings dabei, den Ansaugschlauch wieder ins kühle Nass zu befördern. Dessen Quelle scheint nie zu versiegen. Das Reservoir, einst Trinkwasserversorgung, ist eine Löschwasserstelle, speist aber zugleich die Brunnen auf dem Markt und im Stadtgarten.

Der Ursprung der Zisterne reicht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Als für den Bau der Stadt die Wälder abgeholzt wurden, versiegten viele Brunnen. Die Trinkwasserversorgung wurde immer komplizierter. Zwei Bürger namens Landgraf und Falke ergriffen deshalb 1790 die Initiative, wollten den alten Stolln im Silbergässchen, den kleinen Brettschneider-Stolln, wieder befahrbar machen. 1822 griff die Stadt mit ein und organisierte den Vortrieb. Weil das Geld nicht reichte, musste jeder mitzahlen, Hausbesitzer 6 Pfennige pro Woche, Mitbewohner 3 Pfennige.

Mit dem Kahlschlag auf dem Pfaffenberg versiegten weitere Brunnen, der Neu-Glück-Stolln, der Franziskus-Stolln und der Carls-Stolln konnten den Bedarf nicht mehr decken. Bassins am Zillplatz (1840), am Silbergässchen (1846) und am oberen Markt (1854) sollten Abhilfe schaffen. Unterdessen hatte bereits 1834 der Vortrieb des Augusta-Stollns bis ins Quellgebiet des Lässig-Borns begonnen. 28 Jahre wurde gebaut, 1862 erreichte der 1240 Meter lange Stolln sein Ziel. Mit einem Lob- und Dankfest ging das Bauwerk am 13. November 1862 in Betrieb. Für seine Zeit galt das Vorhaben als teures Unterfangen. Immerhin hatte es rund 20.000 Taler verschlungen. Ab 1892 wurde auch aus den Quellgebieten an Pechgraben und Langenberger Straße eingespeist. Das Pumpwerk gibt es nicht mehr, die Zisterne schon. Sie verlor aber vor rund 60 Jahren mit dem Bau der zentralen Trinkwasserversorgung ihre Funktion. Und seit 1997 konnte sie schließlich nicht mehr befüllt werden. Ein Riss und kleinere Schäden zwangen die Stadtväter dazu, eine Sanierung in Angriff zu nehmen. Die passierte im Jahr 2007/2008 und wurde aus Mitteln für die Stadtkernsanierung finanziert. Heute dient die Zisterne als Löschwasservorrat und Brunnenspeisung. Das Bauwerk fasst immerhin rund 300 Kubikmeter.

Der Jahrhundertsommer hat der Zisterne nun eine weitere Bedeutung zukommen lassen. Bisher kämpfte der Bauhof mit Wasser aus der Zisterne in der Teichstraße gegen das Vertrocknen der Straßenbäume, Beete und Parks an. Jetzt bekommt das städtische Grün zusätzlich Wasser aus der Unterwelt des historischen Stadtzentrums. Bis zu 20.000 Liter täglich sind dort kein Problem. Der Fahrer des Löschfahrzeuges sollte allerdings etwas Erfahrung mitbringen, denn die steile Anfahrt zur Zisterne ist nicht unproblematisch.

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