Geschichten erzählen - von Freude und Frust

Eine Anthropologin sucht in Westsachsen das Gespräch. Allerdings nur mit einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen.

Hohenstein-E./Zwickau.

Für Katerina Ivanova sind Westsachsen Exoten. Menschen, deren Kultur und Geschichte es wert sind, wissenschaftlich untersucht zu werden.

Nun kommt die 26-Jährige gar nicht von allzu weit her. Sie stammt aus Weißrussland und kam über die Slowakei nach Deutschland. In Westsachsen, sagt sie, trifft sie auf einen besonderen Menschenschlag: "Die Unterschiede zwischen den Menschen sind sehr groß. Es gibt eine deutliche Hierarchie: Ganz oben steht VW, dann kommen die Zulieferer, dann der Rest."


Diese Sicht auf die Westsachsen kommt nicht von ungefähr. Katerina Ivanova lebt seit Oktober in Zwickau. Sie ist Doktorandin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. Mit ihrer Doktorarbeit möchte sie herausfinden, warum Menschen so ticken wie sie eben ticken. Und das sollen nicht irgendwelche Menschen sein, sondern Westsachsen, genauer: Menschen, die Autos bauen oder früher gebaut haben. "Zwickau hat eine große Geschichte", sagt sie und meint dabei die Zeit zwischen August Horchs Anfängen im Automobilbau und der hochmodernen, weitgehend automatisierten Industrie von heute. In dieser Zeit haben die Menschen in und um Zwickau viel erlebt: Weltkriege, Krisen, die Wende 1989/90 und die turbulenten Jahrzehnte, die sich daran anschlossen. Bis hin zur Flüchtlingskrise 2015 und der Europawahl im Mai 2019. Wie hat diese Zeit die Menschen geprägt? Wie sind Erfahrungen dafür verantwortlich, was die Westsachsen heute tun und denken? Welche Rolle spielt die eigene Wahrnehmung jedes persönlichen Schicksals? All diese Fragen stellt sich Katerina Ivanova. Antworten erhofft sie sich in Gesprächen mit Menschen aus der Autoindustrie - von Küchenhilfen über Bandarbeiter bis hin zu Ingenieuren und hinauf bis in die Leitungsebene.

Da die 26-Jährige Anthropologin ist, hat sie keine Fragebögen vorbereitet, sondern setzt auf Gespräche. Sie möchte zuhören. Sie ist neugierig. "Ich möchte das erfahren, was die Menschen mir erzählen wollen." Denn jeder hat sei eigenes Thema, das ihn umtreibt. Da sie in Zwickau nur zu Gast ist, wenn auch für ein ganzes Jahr, wird sie als Fremde wahrgenommen. Zumal sie Deutsch mit Akzent spricht. "Das hilft mir ganz oft", erklärt die Doktorandin. "Die Menschen geben mir gegenüber manchmal mehr preis als anderen." Was das Ergebnis ihrer Arbeit sein wird, kann sie heute noch nicht sagen. In ihrem Fach geht es mehr ums Beschreiben, weniger darum, Thesen zu überprüfen. Sie werden allenfalls hinterfragt. Vielleicht kann sie in zwei Jahren, wenn die Arbeit fertig ist, sagen, warum die westsächsischen Wahlergebnisse 2019 genau so ausgefallen sind. Vielleicht kann sie erklären, wie sich der Sozialismus auf das Gerechtigkeitsempfinden ausgewirkt hat. Sie ist selbst gespannt.

Übrigens schreibt die Weißrussin ihre Arbeit auf englisch - denn ihr Doktorvater ist Waliser, und die Umgangssprache am Institut ist Englisch. Ihre Masterarbeit hat sie in Bratislava geschrieben, auch slowakisch musste die junge Frau erst lernen. "Vielsprachigkeit ist in der Anthropologie normal", sagt Katerina Ivanova. Man sieht: Sie ist eine Frau, die das Verstehen gelernt hat.

Interviewpartner Für ihre Arbeit sucht Katerina Ivanova noch den Kontakt vor allem zu ehemaligen Sachsenringarbeitern, die am Band tätig werden. Wer zu einem Interview bereit ist, kann sich per E-Mail melden. sachsenringforschung@gmail.com

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...