Scharf auf alte Unterlagen

Viele Westsachsen gehen ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen nach. "Freie Presse" stellt die Liebhabereien in einer Serie vor. Heute: Frank Schöder taucht ein in die Siedlungsgeschichte.

Kirchberg.

Für Frank Schöder steht fest: Hätten seine Eltern und Großeltern nicht konsequent jede Menge alter Dokumente sorgsam aufgehoben, wären wohl viele Fakten aus der Geschichte seiner Siedlung verloren gegangen. Der 54-Jährige wohnt in der Kirchberger Karl-Marx-Siedlung, die ursprünglich einmal den Namen Kurt-Wolf-Siedlung trug.

"Irgendwann habe ich mir den Stapel alter Unterlagen hergenommen und war allein schon von der Vielfalt der historischen Informationen fasziniert. Als unsere Siedlung dann vor zehn Jahren ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert hat, kamen mir die Fotos und Schriftstücke bei der Gestaltung eines kleinen Buches zugute", sagt er. Frank Schöder hütet die alten Unterlagen wie seinen Augapfel. Es sei ein wahrer Schatz, den ihm seine Vorfahren hinterlassen haben, sagt er. Insbesondere, da in den Kriegszeiten und den Jahren danach kaum jemand für derartige Dinge Interesse zeigte und vieles achtlos im Müll landete.

Von speziellem Interesse ist dabei für den 54-Jährigen alles, was sich auf sein eigenes Wohnhaus bezieht. "Im Frühjahr 1936 begann man mit dem Bau der Häuser. Bereits am 15. September war das erste Haus - das meiner Großeltern - bezugsfertig. Einen Tag später erblickte meine Tante als erstes neugeborenes Kind der Siedlung das Licht der Welt." Nicht minder interessant wie die persönlichen Fakten zu seiner eigenen Familie ist für Frank Schöder auch das gesamte Drumherum der Entstehung der Siedlung. Denn ohne das soziale Engagement der Kirchberger Fabrikantenfamilie Wolf wäre das Ganze nicht machbar gewesen. "Das eingeräumte Erbbaurecht ermöglichte es Beschäftigten des Unternehmens, sich als Siedler niederzulassen und ein Häuschen zu bauen. Weiterhin gab es die Kurt- und-Johanne-Wolf-Stiftung, die un-ter anderem Betriebsangehörige finanziell unterstützte, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage Hilfe benötigten", sagt der Siedlungschronist. Trotz aller Wohltätigkeit sei es dem Fabrikanten aber auch noch um einen ganz anderen Aspekt gegangen: "Er wollte nicht nur die Beschäftigten, sondern auch deren Nachkommen an die Firma binden, um so langfristig über einen Stamm an gut ausgebildeten Arbeitskräften zu verfügen." Nach dem Krieg wurde die Unternehmerfamilie enteignet, die Siedlung ging in "Eigentum des Volkes" über und erhielt den Namen von Karl Marx. "Dank der Unterstützung durch zahlreiche Siedler und unseres Ortschronisten verfüge ich zwar über viele Unterlagen, aber es gibt sicherlich noch etliche Schriftstücke oder Fotos aus der Gründerzeit der Siedlung, die das Gesamtbild abrunden würden." Einschließlich so mancher persönlicher Geschichte.

2016 jährt sich zum 80. Mal der erste Spatenstich für den Bau der Siedlung am Hang des Geiersberges. Grund genug für die Bewohner, dies mit einem Siedlerfest zu feiern. Frank Schöder könnte sich vorstellen, aus diesem Anlass erneut ein Büchlein zu gestalten. "Ich überlege noch, denn es stecken immer eine ganze Menge Arbeit und Zeit in so einer Sache. Damit anfangen würde ich ohnehin erst später. Vorerst geht es mir wie wohl allen Siedlern: Auf dem Grundstück und am Haus gibt es immer was zu tun."


Gegen die Wohnungsnot

Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in Deutschland zahlreiche Arbeitersiedlungen. Die Initiativen dafür gingen meist von gemeinnützigen Gesellschaften oder der aufstrebenden Industrie selbst aus. Vorrangig sollte damit der Wohnungsnot entgegengewirkt werden.

Bezahlbaren Wohnraum für die unteren gesellschaftlichen Schichten zu schaffen, war nur ein Aspekt. Speziell die Fabrikanten sahen darin eine wirkungsvolle Möglichkeit, die Fluktuation der aus dem ländlichen Umland angeworbenen Arbeitskräfte zu verringern und gleichzeitig ein Stammpersonal aus Facharbeitern und Meistern langfristig an ihre Unternehmen zu binden.

Das Anlegen von Arbeitersiedlungen der unterschiedlichsten Art wirkte sich auch auf die zeitgenössische Architektur und die Bautechnik aus. Denn neben der Herstellung preiswerten Wohnraums spielten auch Dauerhaftigkeit, die Größe der Häuser, zweckmäßige Raumaufteilung sowie Berücksichtigung des gesamten Wohnumfeldes eine nicht zu unterschätzende Rolle. (awo)

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