Wie eine Besucherin aus einer fernen Zukunft

Seit fast vier Monaten ist Stadtschreiberin Cora Herzog jetzt in Zwickau unterwegs. Sie schreibt Geschichte anstelle von Geschichten.

Zwickau/Hohenstein-Ernstthal.

Immer, wenn die junge Frau bei einer Veranstaltung in Zwickau auftaucht, kann man davon ausgehen, gerade etwas Wichtiges zu erleben. Etwas, von dem auch die Nachwelt noch spricht. Egal ob Stadtfest oder Baustelleneröffnung: Cora Herzog ist mit dabei.

Allerdings geht es ihr nicht ums Vergnügen oder ums Glas Sekt. Die junge Frau aus Hohenstein-Ernstthal bringt eine Kamera und ihren analytischen Blick mit und geht dann auch wieder - ohne sich zu vergnügen. Denn für Cora Herzog ist das Arbeit. Oder Abenteuer. Oder beides. Seit Anfang Juli hat die Frau mit den markanten roten Augenbrauen den Job als Stadtschreiberin übernommen. Sie ist seit langer, langer Zeit die erste offizielle. Und sie ist die wahrscheinlich einzige Stadtschreiberin in ganz Deutschland, von der man keine Literatur erwartet, sondern Fakten - aufbereitet für die Nachwelt, die keine Geschichten über Zwickau lesen, sondern die wahre Geschichte erfahren will.

Als die Idee aufkam, eine zeitlich befristete Stadtschreiber-Stelle auszuloben, wurde natürlich erst über Kunst gesprochen. Dann aber kam die Stadtverwaltung auf die Idee, die Jobbeschreibung eher an die aus früheren Zeiten vertrauten Aufgaben eines Stadtschreibers anzulehnen. Und fand als erstes eben Cora Herzog, die Germanistik studiert hat und sich dann auf etwas spezialisiert hat, das sich Rezeptionskultur in der Vormoderne nennt. "Das ist eine Mischung aus Geschichte und Germanistik und untersucht, welche Sicht die Menschen im Mittelalter auf frühere Zeiten eingenommen haben", erklärt sie.

Also weiß Cora Herzog, was von einem Geschichtsschreiber erwartet wird. Sie weiß auch, wie sie mit alten Quellen umgehen muss - nämlich skeptisch. Und sie weiß um den Unterschied zwischen einer Chronik aus dem 13. Jahrhundert und moderner Geschichtsschreibung. "Früher waren die Chroniken auf Unterhaltung ausgelegt." Heute geht es ihr darum, einen Rückblick auf das Jahr 2019 zu hinterlassen, aus dem sich die Menschen auch 2119 noch ein wirklichkeitsgetreues Bild machen können.

So gesehen ist es verständlich, dass die 26-Jährige nicht wie eine Touristin auf Zwickau schaut - und auch nicht wie eine Einheimische. Es ist eher der Blick einer Besucherin aus dem 22. Jahrhundert. Eine Einheimische hätte sie zwar vorübergehend werden können. Doch sie schlug das Angebot aus, eine Wohnung in Neuplanitz zu beziehen. Für die wenigen Monate, bis zum Jahresende ihre Anstellung endet, wäre ihr das zu aufwendig gewesen. Sie pendelt zwischen Zwickau und Hohenstein-Ernstthal - und dennoch wird sie Spuren in der Stadt hinterlassen: Mit einem Jahresrückblick und mitBeiträgen in der Zeitschrift "Cygnea", die das Stadtarchiv herausgibt. Da hat der alte Stephan Roth doch eine würdige Nachfolgerin gefunden.

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