Wo Karl May Bücher und Bier entdeckte

Der Abenteuerschriftsteller verbrachte viel Zeit im "Stadt Dresden". Jetzt ist das Gebäude weg, und mit ihm ein Zeugnis der Zeitgeschichte.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Abrissbagger greifen um sich und nach und nach verschwinden Zeugnisse vergangener Geschichte, so auch in den vergangenen Wochen, zumindest, was Karl May und August Bebel betraf. Beide haben zu ihrer Zeit und auch später eine Rolle in der Stadt gespielt, an beide erinnern in Hohenstein-Ernstthal heute Straßennamen.

In der Dresdner Straße 57 fielen Gemäuer, die noch wenigstens in Molekülen den jungen Karl May atmen ließen und im Haus Bergstraße 11 August Bebel. Was genau dahintersteckte, beleuchten wir gleich. Karl May nahm im Alter so um die 12 Jahre Fremdsprachenunterricht, das Geld dafür verdiente er beim Kegelaufsetzen in der Kegelbahn, die zur Engelhardtschen Schankwirtschaft, der späteren Gaststätte "Stadt Dresden", Dresdner Straße 57 gehörte.

Sascha Aurich

Aurichs Woche:Der „Freie Presse“-Sonntagsnewsletter von Sascha Aurich

kostenlos bestellen

Er schreibt in seiner Autobiografie: "Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher (im Haus befand sich eine Leihbücherei, d. Red), um einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen; ich las sie alle drei- und viermal durch!" Hier machte May also Bekanntschaft mit der Trivialliteratur des späten 18.und des 19. Jahrhunderts, aber auch mit schalem Bier, Branntwein und vielen raubeinigen Keglern. Jahre später schlich er sich auf der Flucht vor der Gendarmerie des Nachts zum Schlafen in die benachbarte Kegelbahn, wurde aber entdeckt und schließlich Anfang Juli 1869 dort verhaftet.

Das Gebäude der Schankwirtschaft Engelhardt wurde ebenso wie die Kegelbahn um 1800 errichtet, die heute deutschlandweit zu den ältesten freistehenden Bahngebäuden dieser Art zählt und in den letzten Jahren vorbildlich wiederhergestellt wurde. Im eigentlichen Gasthaus befand sich die Schankwirtschaft, aber auch die Leihbücherei mit rund 1500 Bänden, darunter Alexander Dumas' "Graf von Monte Christo", der Räuberroman "Rinaldo Rinaldini" vom Goetheschwager Christian Vulpius sowie "Himlo Himlini", die Story über einen spanischen Räuberhauptmann. Besitzerin dieses "Schatzes" war die Bäckerstochter Johanne Christiane Engelhardt, geborene Junghans, die ab 1839 mit ihrem Ehemann die Kneipe betrieb, die 1879 auf ihren Sohn, den Kürschner Carl Friedrich Wilhelm Gündel, überging und auch in Folge im Familienbesitz blieb. Erst 1902 übernahm der Handelsmann Karl Julius Wünsch das Haus einschließlich des Kegelschubs. 1938 kaufte Arthur Bernhard Mosert das Anwesen und überließ es 1950 seinem Sohn Karl Erich Mosert.

Vor wenigen Tagen ging der Abriss des Hauses über die Bühne, ein Stück Geschichte hat seine materielle Substanz verloren.

Ebenfalls in den letzten Wochen kam ein historisches Haus an der Bergstraße 11, das dem Winterbauer gehörte, zum Abriss. Die Bedeutung des Hauses am einstigen Leichenweg, heute Bergstraße, hängt nicht ausschließlich mit dem gewesenen Ernstthaler Stadtbauern Winter zusammen, sondern vor allem mit August Bebel, der als Sozialdemokrat vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktiv war und des Öfteren in Westsachsen, auch in Hohenstein und Ernstthal aufkreuzte. Er nahm dann oft Quartier in Ernstthal, und zwar bei seinem Parteigenossen Karl Bohne im Haus Bergstraße 11. Beide hatten zusammengearbeitet, so nahmen sie gemeinsam am Zweiten Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im August 1871 in Dresden teil.

Natürlich gab es auch weitere Bezüge Bebels zu Hohenstein-Ernstthal, wo er mehrfach Reden gehalten hat.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    629190
    08.04.2019

    Ein besonders ärgerlicher Abriss! Das Gebäude war kulturell sehr bedeutsam: https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/jbkmg/2008/199.pdf



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...