Zwischen Grille und Waldkauz

Im Rödlitztal werden aus Kindern Junge Naturwächter. Und die bringen sogar ihre Eltern ins Schwitzen.

Rödlitz.

Einen Namen hat er nicht - oder sie, so genau weiß man es nicht. Der Waldkauz, der seit ein paar Wochen seinen gebrochenen Flügel in der Rödlitzer Naturschutzstation auskuriert, ist ein Jungtier, Geschlecht daher undefiniert. Spielt eigentlich auch keine Rolle: Der kleine Kauz sitzt auf der Hand von Tobias Rietzsch und wirkt entspannt, sogar als der Leiter der Naturschutzstation den Flügel zur Seite und nach oben zieht, um ihn zu untersuchen. Kinderhände berühren sanft das Gefieder - und das Tier schließt die immer etwas spöttisch dreinschauenden Augen.

Dank dieser hauchfeinen Federn kann der Vogel absolut lautlos fliegen und so seine Opfer überraschen. Das erklärt Tobias Rietzsch, die Kinder lauschen andächtig. Überhaupt haben sie sehr gut zugehört in den vergangenen Monaten und glänzen nun mit Wissen - das sogar ihre Eltern ins Schwitzen bringt.


Julia Weißpflug, Pauline Piechutta, Alexander Kuhn und Amy Waldinger sind vier von insgesamt zwölf Jungen Naturwächtern im Rödlitztal, kurz Junas. Die Rödlitzer sind sozusagen die Vorhut: Geht es nach dem Ehepaar Rietzsch und seinen Mitstreitern von der Kreisnaturschutzstation Gräfenmühle, gibt es sie bald im gesamten Landkreis.

Seit Anfang des Jahres bilden Rietzsch und seine Frau Petra die Kinder und Jugendlichen aus: untersuchen, was auf der Wiese hüpft und kriecht, beobachten Kaulquappen, bauen Nistkästen. Mit ihren knapp 17 Jahren ist Julia eine der ältesten und betreut die jüngeren im Grundschulalter mit. Die Junas sollen eine Lücke füllen, die seit Jahren klafft und größer wird: Zwischen Grundschulzeit und Volljährigkeit gibt es keine Angebote mehr für junge Umweltschützer, sagt Tobias Rietzsch. Die Vereine und Verbände spüren das immer stärker. Nachwuchs ist knapp. "Zu DDR-Zeiten haben die Alten die Jungen an die Hand genommen", sagt er. Das gebe es kaum noch. Auf die Wiedervereinigung folgte ein Knick in den Mitgliederzahlen; heute fehlt eine ganze Generation.

Mit den Junas soll eine neue heranwachsen. Das Idee stammt aus dem Nachbarlandkreis. In Mittelsachsen funktioniert das schon seit einer Weile flächendeckend, finanziert von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt. Das wünschen sich Ehepaar Rietzsch und die Gräfenmühle auch für den Kreis Zwickau, mit vorerst fünf Stellen für Junas, in Limbach-Oberfrohna, Kirchberg, Neukirchen und Zwickau. Zwei zusätzliche Mitarbeiter sollen sich nur um den Nachwuchs kümmern.

Die Gespräche zu den nötigen Fördermitteln laufen, sagt René Albani, Geschäftsführer der Gräfenmühle und Vertreter des Landesverbandes für Landschaftspflege. Entschieden sei noch nichts - aber die Idee werde befürwortet.

Das Grüppchen um Tobias Rietzsch interessiert sich derweil vor allem für die Kettennatter, die sich kurz zuvor in ihrem Terrarium gehäutet hat, und für den verletzten Waldkauz. Ob der zersplitterte Flügel so gut verheilt, dass er wieder richtig fliegen kann, weiß Rietzsch nicht. Ziel ist aber immer, die Tiere wieder in die Natur zu entlassen, die ihm die Leute regelmäßig bringen. Deshalb bekommen sie auch keinen Namen, sagt Rietzsch und trägt den Vogel zurück in die Voliere. Draußen wird es langsam heiß. Nebenan am alten Sportplatz zirpen die Grillen im Unkraut. "Und die Heuschrecken", ergänzt Pauline, während Alexander zusammenzuckt. "Es gibt kein Unkraut, das sind alles wichtige Pflanzen", ruft er empört. Der Neunjährige meint, was er sagt: Seine neuerworbene Umweltbildung bleibt nicht in der Naturschutzstation. "Neulich durfte ich keine Kirschen kaufen", sagt Mutter Vicky, die ihn begleitet hat. "Es gab nur in Plastik eingeschweißte." Die Konsequenz ihres Sohnes stört sie nicht, im Gegenteil: "Ich finde es gut, dass er der Natur zuliebe verzichtet. Es geht nur so." Den Rasen mähe sie trotzdem, sagt sie und ergänzt rasch: "Aber unter dem Trampolin bleibt etwas stehen."

Dass die Kinder ihre Eltern erziehen, sei ein schöner Nebeneffekt, sagt Tobias Rietzsch. Pauline, ebenfalls neun, mischt sich ein. Brennnesseln etwa müssen ihre Eltern unbedingt stehen lassen. "Dort legen Schmetterlinge ihre Eier dran, die Härchen schützen sie", sagt sie ernst. Und Tobias Rietzsch lächelt leise.

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