Das schwarze Loch im Lebenslauf

Ein Heimatforscher aus Franken steht vor einem Rätsel. Er recherchiert zu einem Maler, der nach dem Krieg in Freiberg lebte. Aber was machte er hier? Niemand konnte ihm bisher weiterhelfen. Nun hofft er, dass sich noch ein Zeitzeuge findet.

Freiberg.

Wenn sich Dietrich Heber in eine Sache verbeißt, dann ähnelt er von seinem Willen her ein bisschen einem Kampfhund, der nicht mehr loslassen kann. Dietrich Heber ist offen, höflich, verbindlich, zuvorkommend. Um seine Augen bilden sich Lachfältchen. Wenn es einer aber schafft, als Heimatforscher über die Region, in der er lebt, weit mehr als ein Dutzend Bücher zu verfassen - und um die hundert Aufsätze - dann kann man ihm Durchhaltevermögen nicht absprechen. Da scheint es bemerkenswert, wenn er sich ausgerechnet an einer Freiberg betreffenden Angelegenheit die Zähne ausbeißt.

Heber stammt aus Neuclausnitz im Erzgebirge. 1954, als er noch ein Kind war, waren seine Eltern mit ihm und der Schwester geflüchtet. Er wurde heimisch nahe Neustadt an der Aisch bei Nürnberg. Wo er irgendwann auf einen Kunstmaler stieß, der ihn zurück in seine alte Heimat führen sollte. Der Name des Mannes: Hanns Zethmeyer. Geboren 1891 in Neustadt/Aisch, wurde er zuerst in Nürnberg und dann in Leipzig ausgebildet.

Erste Werke sind aus den 1920er-Jahren bekannt. Er beteiligte sich an Weltausstellungen 1936 und 1937 in New York und Paris, gestaltete das Goldene Buch der Stadt Leipzig mit. In seiner Werkliste stehen Holzschnitte, Radierungen, Ölgemälde, Aquarelle. Er war, schreibt die örtliche Zeitung, "wohl eher konservativ", Wechsel der Kunstrichtungen hat er ignoriert. Dass all das nicht vergessen wurde, ist auch Dietrich Heber zu verdanken. Er war auf ein Jugendbild des Malers gestoßen. Und biss an. Heber organisierte Ausstellungen. Stöberte sich durch Antiquariate, trug viele Arbeiten Zethmeyers zusammen. Und biografische Daten. So ist heute bekannt, dass Zethmeyer von 1914 bis 1918 Soldat im Ersten Weltkrieg war. Dass er 1918 heiratete. Dass er 1937 Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Leipzig wurde. Dass er auch im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingesetzt war. Dass er 1956 erste Briefmarken entwarf. Dass er 1969 in Leipzig starb und in Nürnberg beigesetzt ist. Nur ein schwarzes Loch gibt es in seinem Lebenslauf: Freiberg.

Nach dem Krieg lebte Zethmeyer wohl einige Zeit in Freiberg. Wohl 1946 bis 1948. Er hat von dieser Zeit künstlerisch Zeugnis abgelegt. Es gibt etwa einen Holzschnitt von der Tulpenkanzel im Dom, Aquarelle von Blicken auf Nikolai-, Johannis-, Jakobikirche. Nur: Wie und warum Zethmeyer hierher kam, was er hier machte, das hat Dietrich Heber bislang nicht in Erfahrung bringen können. Besuche im Stadtarchiv und im Stadt- und Bergbaumuseum, in dessen Fundus sich vier Gemälde befinden, brachten ihn nicht weiter. Im Gegenteil: Das Museum versorgte er mit biografischen Angaben zum Maler. "Das Museum kannte bisher nicht viel mehr als den Namen zu den vier hier aufbewahrten Werken", sagt Chef Ulrich Thiel.

Doch Dietrich Heber will nicht aufgeben. Er hofft nun, dass sich noch ein Freiberger findet, der bereits in jenen Jahren in der Stadt lebte und sich an Hanns Zethmeyer erinnert. Und Hinweise geben oder gar Aufklärung leisten könnte, warum der Maler erst in Freiberg gelandet ist und was ihn bewogen hat, die Stadt wieder zu verlassen. Der Dank des Heimatforschers ist allen gewiss, die helfen, das Rätsel zu lüften. Denn: Bei aller Beharrlichkeit ist Dietrich Heber wie gesagt ein sehr umgänglicher Zeitgenosse.

Kontakt Hinweise (bitte mit Telefonnummer) an die Lokalredaktion der Freien Presse, Kirchgässchen 1, 09599 Freiberg, E-Mail red.freiberg@freiepresse.de.

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