Ein unfreiwilliger Rollentausch

Cornelia Seidel ist blind. Im Alltag bereitet ihr das oft Probleme. Die "Freie-Presse"-Aktion "Leser helfen" sammelt Spenden, um das kleine Badezimmer im Haus der Familie erweitern und blindengerecht gestalten zu können.

Milkau.

Selbstsicher sei sie gewesen, anpackend und fröhlich, ehe sie blind wurde. Diesen Satz sagt Dandy Seidel über seine Frau Cornelia. "Jetzt muss ich alles im Blick haben, organisieren, helfen und Dinge tun, die sie sonst erledigt hat", erzählt er. Ein Rollentausch? "Ja, kann man so sagen", meint der Familienvater aus Milkau. "Sein Selbstvertrauen hat zugenommen, meines ist immer weniger geworden", entgegnet Cornelia Seidel.

Die Nachricht, dass seine Frau irgendwann einmal nichts mehr sehen würde, sei schockierend gewesen. "Ich musste die Nachricht erst einmal sacken lassen. Ich war in einer Art Starre. Es ist grausam zu erleben, wie es immer weiter bergab geht." Hilflos habe er sich gefühlt. "Man weiß nicht, in welcher Situation man sie unterstützen sollte und wann man ihr besser die Gelegenheit gibt, die Dinge selbst zu erledigen."

Die 37-Jährige nennt ein Beispiel. Ihr sei etwas heruntergefallen. "Es liegt direkt vor dir", habe ihr Mann gesagt. "Aber wo genau ist direkt vor mir, wenn ich es doch nicht sehe?" Während sie Hilfe erwartete, meinte er zu helfen, indem er nicht half. Das habe schon oft zu Missverständnissen geführt und die Beziehung auf eine harte Probe gestellt.

Auch der elfjährige Simon hat schwierige Situationen erlebt. "Wenn er mitgekriegt hat, wie Mama sich weh getan hat, achtet man von selbst darauf, dass das nicht wieder passiert", sagt Dandy Seidel. Die 13-jährige Lydia hat ebensolche Erfahrungen gemacht. "Früher war ich unordentlich und hab oft Sachen auf dem Boden liegen gelassen. Das kann heute schiefgehen. Also versuche ich, wie die anderen in der Familie, Ordnung zu halten", sagt sie.

Im Gegensatz zu Simon kann sich Lydia noch gut daran erinnern, mit ihrer Mutter Auto gefahren zu sein. Zum Shoppen zum Beispiel. Während früher ihre Mutter die Sachen aussuchte, ist sie nun die Beraterin. "Ich kann zwar den Stoff fühlen und spüre, ob eine Hose passt. Aber ob das farblich stimmt, weiß ich nicht. Das sagt mir dann meine Tochter", so Cornelia Seidel.

Sie habe ihre Kinder so gern aufwachsen sehen, mit ihnen Federball spielen, Radfahren und um die Wette rennen wollen. Das geht jetzt nicht mehr. Die Milkauerin hat nur Erinnerungen. "Ich habe alle in meinem Kopf, denke sehend und in Farbe. Aber die Kinder wachsen. Ging mir Lydia erst bis zum Kinn, so reicht sie jetzt bis zu den Augenbrauen." Lydia denkt an ihre Konfirmation nächstes Jahr. "Ich finde es so traurig, dass Mama nicht sehen kann, wie schön ich an dem Tag sein werde."

Vieles mehr entgeht der 37-Jährigen. Bastelarbeiten und Bilder, die ihr die Kinder stolz zeigen wollten und wollen, muss sie sich erklären lassen. Und der knapp zweijährigen Lisa lesen die beiden älteren Kinder eine Bettgeschichte vor. Sohn Simon geht, wenn er sich verletzt hat, zu seiner Schwester. "Das tut weh. Als Mutter möchte man sein Kind doch selbst verarzten und trösten", sagt sie.

Die Behinderung ihres Mannes - er verlor bei einem Arbeitsunfall vor vielen Jahren die linke Hand - mache die Situation nicht einfacher. Die Hand konnte angenäht werden - aber ohne Daumen. Und die Finger blieben steif. "Das führt zu grotesken Situationen", berichtet Cornelia Seidel. "Er zieht sich einen Schiefer an der rechten Hand. Selbst kann er ihn mit der linken nicht entfernen. Und ich sehe ihn nicht. Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre."

Auch im Alltag deprimiert sie die Blindheit oft. "Es ist schön, zu einer Feier eingeladen zu sein. Doch das Büfett stellt mich vor unlösbare Aufgaben. Bevor ich mir erklären lasse, wo etwas steht, und alle aufhalte, bringt mir jemand etwas." Dandy Seidel schaut seine Frau und die Kinder liebevoll an. "Es ist nun einmal so. Jammern bringt nichts." Cornelia Seidel nickt. "Ja, wir müssen das Beste daraus machen."

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