Kleiner Ort ist echter Verkehrsknoten

Keiner wollte im 19. Jahrhundert diese neumodische Eisenbahn haben - Mehltheuer musste ran - Ein Glücksfall.

Jens Eckstein grinst schelmisch. "Die große Stadt Plauen hat es immer noch nicht geschafft, dass man per Zug bis Leipzig fahren kann, ohne umzusteigen", sagt der Hobby-Bahnhistoriker. "Wir hier in Mehltheuer haben diese Direktverbindung längst." Das Bahnhofsgebäude mag der Ort schon im Herbst 2014 an den Abrissbagger verloren haben. Seiner Bedeutung als Verkehrsknoten von überregionaler Bedeutung hat das keinen Abbruch getan.

"Vor einigen Jahren standen wir vor der Wahl, ob wir Pausa oder Mehltheuer als Umsteigepunkt nutzen", erinnert sich Thorsten Müller, Geschäftsführer des Zweckverbands Öffentlicher Nahverkehr im Vogtland. Die Wahl sei damals auf Mehltheuer gefallen. Unter anderem deshalb, weil dort zwei der vier Bahnsteige barrierefrei gestaltet sind. Außerdem kreuzen sich in dem kleinen Ort zwei Bahnlinien: Die Sachsen-Franken-Magistrale und die Strecke von Tschechien bis Leipzig. "Das macht Mehltheuer zu so einer Art Autobahndreieck für Eisenbahnen", zieht Müller einen Quervergleich. Und deshalb hat das Dorf eine Verkehrsanbindung, von der selbst größere Orte nur träumen können.

Das ist nicht erst seit gestern so. "Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Bahnlinie von Plauen nach Hof gebaut wurde, mussten die Gleise in einem Riesenbogen verlegt werden", so ÖPNV-Chef Müller. Das lag am gebirgigen Terrain. So kam die Bahn in dieses Gebiet. Aber wo sollte der Bahnhof hin? Fasendorf und Oberpirk winkten ab, wollten mit dem neumodischen Kram nichts zu tun haben. Deshalb wurde der Bahnhof 1848 in das damals völlig unbedeutende Mehltheuer gesetzt.

Es war vermutlich das Beste was dem Ort in seiner nun 600 Jahre langen Geschichte passieren ist. Seit dem nahm das Dorf einen ungeheuren Aufschwung. Industriebetriebe siedelten sich in Bahnnähe an, von denen aus heutiger Sicht die Tüllfabrik der Bedeutendste war. Gaststätten entstanden, Schuhmacher, Bäcker, Fleischer und ein Kolonialwarenladen machten auf. In seinen besten Zeiten hatte der Bahnhof rund 100 Beschäftigte.

Das ist natürlich alles längst Vergangenheit. Doch für einen so kleinen Ort wirkt der Bahnhof mit seinen vier Gleisen und langen Tunneln auch heute noch überdimensioniert. Doch die gute Fernanbindung, die ist geblieben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...