Antarktis: Ein Dresdner Kartograf zeigt die Welt unterm Eis

Vom Eisschild zu verborgenen Landmassen bis in die Tiefen des Südpolarmeers: Mit einer 3D-Karte gelang einem sächsischen Diplomanden ein internationaler Durchbruch.

Dresden/Rio de Janeiro.

Als Roald Amundsen und seine vier Begleiter am 14. Dezember 1911 als erste Menschen den Südpol erreichten, hissten sie die norwegische Flagge auf einer Höhe von rund 2800 Metern über dem Meeresspiegel. Sie standen auf kilometerdickem Eis. Die Landmasse des Südpols indes liegt auf gerade einmal 51 Metern Seehöhe. Ohne ihren gigantischen Eisschild bliebe von der Antarktis, wie wir sie aus vielen Kartenabbildungen als kompakte weiße Wüste kennen, ein zerklüfteter Kontinent aus hohen Gebirgen, Tausenden Inseln und tiefen Sunden.

Einem 28-jährigen Studenten aus Dresden ist es jetzt gelungen, diese faszinierende Topographie aus drei Georeliefs auf einer einzigen Karte darzustellen. Lars Radig verwendete für seine Diplomarbeit Daten des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Das sogenannte 3D-Linsenrasterverfahren ermöglichte dabei zugleich die Echt-3D-Visualisierung des antarktischen Kontinents und des Meeresbodens des Südpolarmeers (nur im Originaldruck sichtbar). "Das funktioniert so ähnlich wie die bekannten Wackelbilder", erläutert Radig.

Für die Antarktis-Karte wurden zwei exakt aufeinander abgestimmte Komponenten genutzt, um beim Betrachter ein räumliches Bild zu erzeugen: ein Grundlagenbild mit bis zu 21 alternierend verschachtelten Teilbildern und eine transparente Kunststofffolie aus parallel angeordneten halbzylindrischen Linsen. Die Folie trennt die Bildinformation der Teilbilder wieder und führt die perspektivischen Ansichten entsprechend dem linken und rechten Auge des Betrachters zu. Für die Tiefenwahrnehmung braucht man damit keine Hilfsmittel.

Den stellenweise fast 4800 Meter mächtigen Antarktischen Eisschild haben Radig und seine Dresdner Wissenschaftlerkollegen als türkisfarbene, wabenförmige Gitterstruktur abgebildet. Dadurch kann der Betrachter direkt durch die Waben hindurch auf die Gebirgszüge und den Meeresboden unterhalb des Eises blicken. "In der Karte stecken über 15 Jahre Entwicklungsarbeit in der Echt-3D-Kartografie. Mit dieser neuen Art der Reliefdarstellung ist uns ein internationaler Durchbruch gelungen", sagt Professor Manfred Buchroithner vom Institut für Kartographie an der TU Dresden.

Buchroithner reist jetzt nach Rio de Janeiro, wo die neue Karte ab morgen auf der 27. Internationalen Konferenz für Kartographie einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt wird. Die ersten druckfrischen Exemplare der Karte im Format A 0, finanziert vom Alfred-Wegener-Institut, wurden nach Brasilien geschickt. Lars Radig träumt derweil davon, selbst einmal in die Region seiner wissenschaftlichen Arbeit zu reisen. Gesehen hat er bislang nur die Gletscher der Arktis im hohen Norden. Erst vor wenigen Tagen kam er von einer Tour mit dem AWI-Forschungseisbrecher "Polarstern" zurück, die ihn vor die Nordostküste Grönlands führte.

In Dresden indes ist die Kartographie trotz ihrer herausragenden Leistungen und eines weltweiten Booms eine aussterbende Wissenschaft. Seit Herbst 2013 nimmt das Institut keine neuen Studenten mehr auf, ein deutschlandweit einmaliger Studiengang läuft aus. Die Technische Universität hatte die Entscheidung seinerzeit mit mangelnder finanzieller Unterstützung durch den Freistaat begründet. Man sei zum Sparen gezwungen worden. Buchroithner, der demnächst emeritiert wird, sprach damals von einer schweren Fehlentscheidung und von Kopfschütteln bei seinen Kollegen im Ausland.

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