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Eine Familie auf dem Weg zur Pro-Europa-Demo in Leipzig, bei der es thematisch um Kindheit und Jugend ging.

Foto: Peter Endig/dpa

Sonntags auf der Straße für Europas Einheit in Vielfalt

Zu pro-europäischen "Pulse of Europe"-Kundgebungen haben sich in Dresden und Leipzig mehrere hundert Teilnehmer versammelt. Auch in anderen Städten gibt es dies. Doch die soziale Basis ist eher schmal.

Von Ronny Schilder
erschienen am 02.04.2017

Dresden/Leipzig. Ein fast 80-jähriger Finne hat am Sonntag in Dresden den Satz des Tages formuliert: "Am Montag ist Pegida wieder dran. Das ist Demokratie. Aber die Hauptsache ist, dass Europa gewinnt!" Davor sprach Kai Simons, der ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Zellbiologie, über Forschungsinstitute, die wie ein "Mini-Europa" funktionierten: Ihr Erfolg komme aus der Vielfalt und der gemeinsamen Mission. Unser Planet sei nicht zu retten ohne Offenheit und Neues, sagte Simons. Weshalb das EU-Projekt das wichtigste Projekt auf Erden sei.

Freundlicher Beifall. Von Woche zu Woche nehmen die Veranstaltungszahlen zu, von Stockholm bis Lissabon, von Wien bis Galway bekennen sich Menschen zu den Zielen von "Pulse of Europe" (PoE). Leipzig ist seit dem 5. März dabei, Dresden seit 12. März. Immer sonntags um zwei.

Die PoE-Agenda umfasst zehn Punkte, ihr Kern ist der Erhalt der Europäischen Union. Die EU habe den Europäern seit Jahrzehnten Frieden, Grundrechte und eine Bereicherung ihrer Identität als Europäer gebracht. Nun scheint das Projekt in Gefahr: Der Brexit und die Wahl des "Amerika-zuerst"-Präsidenten Donald Trump hat eine Gruppe Frankfurter Anwälte derart aufgeschreckt, dass sie "Pulse" aus der Taufe hoben. 200 Teilnehmer kamen am ersten Advent ins Frankfurter Europaviertel - ein "Resonanztest", wie Organisator Daniel Röder später sagte. Sie trafen einen Nerv. Mitte Februar war die Frankfurter Demo auf 1700 Menschen angewachsen, in Berlin kamen da schon etwa 5000.

Die Organisationsform ist erprobt: dezentrale Gruppen, durch elektronische Medien vernetzt. So war es bei "Occupy", bei den Anti-TTIP-Protesten, auch bei Pegida und deren Ablegern. Auf der PoE-Webseite steht eine Übersicht: Momentan sind nur die ost- und südosteuropäischen EU-Länder, Tschechien und Italien weiße Flecken.

Die Befürchtung, Antieuropäer in den Niederlanden und Frankreich könnten die Wahlen gewinnen, hat das Augenmerk der Demonstranten zu Anfang auf diese Länder gelenkt. "Ich wünschte, ich könnte in Frankreich wählen, um für Europa zu stimmen", rief am Sonntag der Dresdner Johannes Pohl, der aus der DDR-Opposition kommt, unter Beifall emphatisch aus.

Die Organisationsteams der meisten Städte sind altersmäßig gemischt. Vom Abiturienten bis zum über 60-Jährigen reicht das Spektrum in Dresden. Carola Vulpius vom Dresdner Organisationsteam, eine Richterin am dortigen Verwaltungsgericht, sagt, dass sie sich mehr Zuspruch von Studenten wünschen würde. Allerdings wird die Bewegung vor allem von Akademikern getragen: Juristen, Ärzten, Kommunikationsexperten. Die soziale Basis ist eher schmal, was sich bei den Teilnehmenden auch widerspiegelt.

Als Leipziger Besonderheit wirkt eine ganze Reihe früherer DDR-Bürgerrechtler im Kernteam mit - unter ihnen Christoph Wonneberger, der bis Oktober 1989 die Friedensgebete an der Nikolaikirche koordinierte. Die Teilnehmerzahl in Leipzig liegt im Schnitt bei 300 bis 350 Leuten, sagt die Organisatorin Barbara Rucha, eine Musikerin und Komponistin. In Dresden lief die Mobilisierung von Anfang an besser: Zur ersten PoE-Demo kamen 1200 Menschen, zur zweiten knapp 700, vor einer Woche reichlich 1000, am Sonntag etwa 400. Der Platz an der Frauenkirche ist freilich auch am Sonntag ohnehin ziemlich belebt.

Weil die PoE-Initiative sich demonstrativ an die Seite pro-europäischer Kräfte stellt, kursieren Mutmaßungen, sie würde aus Brüsseler EU-Töpfen oder aus Parteikassen finanziert. PoE-Aktivisten dementierten das mehrfach. Carola Vulpius aus Dresden sagt: "Wir machen das ehrenamtlich und wenden sehr viel Zeit auf, um die Demos zu organisieren und die Kosten zu decken. Dabei helfen uns Spenden, die wir bei den Veranstaltungen sammeln."

Ein Teil der etablierten Politik hat die Bewegung, die sich als unabhängig versteht und auf einen gewissen Abstand Wert legt, gleichwohl ins Herz geschlossen. In Frankfurt griff im März Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zum offenen Mikrofon, in Berlin der SPD-Politiker Tim Renner. Im Bundestag lobte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann die Initiative als "Politisierung derjenigen, die sich die Demokratie und Europa nicht kaputt machen lassen wollen". Cem Özdemir (Grüne) nannte PoE ein Beispiel, wie man "kollektiv Verantwortung für die Zukunft Europas" übernehme.

Mit der Frankfurter Zentrale von "Pulse of Europe" stehen die lokalen Org-Teams in wöchentlichem Kontakt. Die Themen vor Ort bestimmen sie selbst. So standen am Sonntag in Leipzig Kindheit und Jugend im Mittelpunkt, und es sprachen Schüler aus Leipziger Schulen. Wie der "Puls" weiterschlägt, ist offen. Ein Verein ist in Frankfurt in Gründung, mit dem ursprünglichen Initiator, Anwalt Daniel Röder, an der Spitze. Noch im April werden sich Vertreter lokaler Initiativen treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 04.04.2017
    13:38 Uhr

    saxon1965: @ 1953866: Danke für den Hinweis! sehr interessant und aufschlussreich der Artikel.

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  • 04.04.2017
    11:13 Uhr

    1953866: @saxon1965, passend dazu das Interview mit einem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht heute in der FP :
    http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Der-entmachtete-Waehler-artikel9873594.php

    0 2
     
  • 04.04.2017
    09:49 Uhr

    saxon1965: Gegen die zehn Ziele von PoE kann man nichts sagen. Mir scheint es dennoch so, dass sich PoE zu sehr von vom jetzigen Eurokratensystem vereinnahmen lässt. Es wird weiter von allen zu lösenden Problemen der heutigen EU abgelenkt. Längst fällige Maßnahmen, wie die Sicherung der Außengrenzen, bleiben weiter aus. Das Finanzsystem steuert weiter auf die Wand zu und anstatt mit großen europäischen Nachbarn politischen und wirtschaftlichen Konsens zu suchen, wollen wir unsere Rüstungsausgaben massiv steigern. Sieht so eine friedliche EU aus?!

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  • 03.04.2017
    12:43 Uhr

    Blackadder: Im Gegensatz zu Pegida ist Puls of Europe aber in ganz Deutschland aktiv und erfolgreich.

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  • 03.04.2017
    12:01 Uhr

    2371: Da freuen sich die Dresdner bestimmt, dass es nun noch einen Tag in Ihrer Stadt gibt, an dem das "normale" Stadtleben geändert wird.

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