Einstieg ins Thema Extremismus eskaliert

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Gäste an einer Schule vor Schülern sprechen. Doch dass ein Workshop so polarisiert, dass wenige Tage später der Kultusminister persönlich in der Klasse steht, schon.

Beierfeld.

Er sollte eigentlich der Einstieg ins Thema Extremismus für die Neuntklässler an der Oberschule Beierfeld sein, dieser Workshop mit der Menschenrechtsaktivistin Irmela Mensah-Schramm aus Berlin. Die 74-Jährige ist dafür bekannt, dass sie seit Jahren rechtsextreme Kleber und Schmierereien entfernt oder übermalt. Doch diese Doppelstunde eskalierte nicht nur lautstark, sondern offenbarte zugleich einige erschreckende Äußerungen von Schülern, die man später auf den anonymen, sogenannten Feedbackzetteln lesen konnte.

Auf einem dieser Zettel heißt es beispielsweise: "Ich passe. Nein danke. Ich bin rechts, stehe dazu und bin stolz darauf. .... Ich kack auf ihre Meinung." Auf einem anderen heißt es (original): "Ich habe eine ide für sie gehen sie in KZ und mach sie die Gaskammer an." Ein Foto dieser Zettel liegt "Freie Presse" vor. Trotz dieser persönlichen Angriffe sieht die Berlinerin von einer Anzeige ab, ist aber doch sehr entsetzt.


Aber wie kam es dazu, dass die Sache so aus dem Ruder lief? Und was ist seither passiert?

Kreisrätin Ulrike Kahl (Bündnis 90/Grüne) kennt Irmela Mensah-Schramm und bewundert ihr Engagement. Und so hat die Grünen-Politikerin, die Frau ins Erzgebirge geholt, um sie mit jungen Leuten in Kontakt zu bringen. Die Schulsozialarbeiterin half beim Vermitteln des Termins. Die Lehrerin für Gemeinschaftskunde sah in diesem Workshop einen guten Auftakt für das Thema Extremismus, das auf dem Lehrplan stand.

Der Workshop fand statt, doch die Stunde geriet zusehends außer Kontrolle. Es sei so laut geworden, dass die Schulleiterin hinzugerufen werden musste, um wieder Ruhe herzustellen. Erst da erkannte sie, dass mit Ulrike Kahl auch eine Politikerin in der Runde saß. "Das war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt", sagt Schulleiterin Katrin Müller in einem späteren Gespräch gegenüber der "Freien Presse".

Der MDR Sachsenspiegel berichtete kurze Zeit später: "Anti-Rassismus-Workshop im Erzgebirge geht schief". Da spricht Irmela Mensah-Schramm vor der Kamera darüber, dass die Schüler gelacht hätten als sie von ihrer Arbeit mit Behinderten erzählte, dass bei den von ihr ausgeteilten Arbeitsblättern SS-Runen hinzugefügt worden seien, und dass die Lehrerin nicht einschritt - weder inhaltlich noch was die sich aufschaukelnde Atmosphäre betraf.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) sah sich durch den Fernsehbericht dazu veranlasst, umgehend die Schule zu besuchen. Kurz nach dem Filmbericht stand er vor den Neuntklässlern und sprach mit ihnen. "Es war ein Arbeitsbesuch. Der Minister wollte sich selbst ein Bild von der Schule und den Jugendlichen machen", erklärte wenig später Roman Schulz, Pressesprecher des Landesamtes für Schule und Bildung (LaSuB), der im Nachgang der Ereignisse um Aufklärung bemüht ist. Er betont: "Es gab von drei Jugendlichen deutliche Grenzüberschreitungen, die nicht zu tolerieren sind." Doch er warnt vor Pauschalschelte. "Diese Schüler sind in keiner Weise rassistisch oder rechtsradikal." Über den Besuch des Ministers und des Präsidenten des LaSuB, Ralf Berger, habe man die Presse bewusst nicht informiert, so Schulz. Piwarz nach dem Besuch: "Wenn mal eine Unterrichtsstunde daneben geht, sollte man nicht gleich die ganze Schule und alle Schüler verurteilen. Damit wird man dieser Schule überhaupt nicht gerecht. Die Schulleitung und das Lehrerkollegium leisten eine tolle Arbeit." Berger ergänzt: "Wenn man diese Schule betritt, dann spürt man Offenheit und eine positive Lernatmosphäre. Natürlich hätte ich mir einen anderen Verlauf des Workshops gewünscht. Die Klasse hat Fehler selbst erkannt und bedauert."

Irmela Mensah-Schramm war nicht diejenige, die sich an den MDR gewandt hatte. Schließlich hatte sie auch gegenüber "Freie Presse" nach dem Termin zwar von einer "heißen Diskussion" gesprochen, doch den Workshop durchweg positiv geschildert. "Da hatte ich aber die Feedbackzettel ja noch gar nicht gesehen. Die hatte Frau Kahl mitgenommen und mir dann erst geschickt. Ich musste ja schnell zum Zug", sagt die Berlinerin auf Nachfrage am Telefon. Die Fotos der Zettel machten per E-Mail die Runde. Ein Kandidat der Grünen hatte sich damit - im laufenden Kommunalwahlkampf - an die Medien gewandt.

Schulleiterin Katrin Müller versucht rückblickend zu relativieren: "Es waren drei von 25 Schülern." Daher lehne sie jede Pauschalverurteilung der Schüler ab und versichert, dass seither viel mit den Jugendlichen dieser Klasse gesprochen wurde. "Dennoch muss ein Klassenzimmer für einen Schüler auch ein geschützter Raum bleiben, wo er sich frei äußern kann", sagt Müller. Mit der zuständigen Lehrerin habe man den Vorfall kritisch ausgewertet. Die Klasse sei auf den Workshop nicht gut vorbereitet worden, heißt es.

Die Eltern der Neuntklässler sind betroffen. Sie haben die Sache ohne die Schulleitung ausgewertet. "Die Schüler hätten die Frau nur sehr schlecht verstanden. Und sie wollte offenbar strikt ihre Meinung durchsetzen, sei nicht oder kaum auf Fragen eingegangen", so Elternsprecher René Franke. Er glaubt, dass es daher zu einer Art Trotzreaktion der Schüler kam, und sie bewusst provozieren wollten. Das Geschriebene hält aber auch er für indiskutabel.


Kommentar: Drei zu viel

Nein, es ist keine unüberlegte Äußerung, wenn ein Neuntklässler einer alten Frau empfiehlt, die Gaskammer anzustellen. Das ist nicht nur dumm, sondern erschreckend menschenverachtend. Und auch der magere Versuch einer Einordnung durch die Schulleiterin "es waren nur drei von 25" beruhigt da wenig. Drei, die so oder ähnlich denken, sind dennoch drei zu viel.

Die Jugendlichen waren nicht auf den Besuch vorbereitet, heißt es. Wären sie anständiger gewesen, wenn sie es gewusst hätten?

Es fehlt offensichtlich massiv an Respekt und politischer Bildung im Land, an dem Vermögen, hart in der Sache, aber dennoch fair und sachlich zu diskutieren, Demokratie auch zu leben. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Lehrern zu, sie dürfen sich nicht wegducken. Die meisten haben zwar seit der Wende aufgehört, "politisch zu sein", wie sie sagen. Es geht nicht um die Vermittlung politischer Parteiprogramme. Es geht darum, junge Menschen zu befähigen, durch Wissensvermittlung, abwägender Bewertung und einer guten Debattenkultur zu einer eigenen Meinung zu finden.

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