Gericht spricht Schulleiter von Missbrauchs-Vorwurf frei

Nach drei Verhandlungs-tagen fällte das Gericht ein Urteil aus Mangel an Beweisen. Wie eng darf das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern sein? Und mit welchen Worten muss eine junge Frau schildern, was sie als Mädchen erlebt haben will, um glaubwürdig zu bleiben?

Aue/Schwarzenberg.

Freispruch. Als das Gericht gestern Nachmittag in Aue sein Urteil verkündete, konnte der Angeklagte aufatmen. Aber man sah ihm keine Erleichterung an. Denn es war ein Prozess, der am Ende keinen Gewinner hatte. Der Vorwurf, dass er sich als Lehrer an einem Kind vergangen haben soll, ist ein Makel, den der 53-Jährige vermutlich niemals gänzlich wieder loswird.

Zumal das entlastende Urteil kein Freispruch erster Klasse war. "Irgendetwas war mit Sicherheit", sagte der Richter Hartmut Meyer-Frey in der Urteilsbegründung. "Was konkret, konnten wir jedoch nicht feststellen." Es wurde ein Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die drei Verhandlungstage liefen fast ausschließlich hinter verschlossenen Türen. Direkt nach der Feststellung der Personalien des Angeklagten hatte Verteidiger Reinhard Röthig den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt, angeblich um die junge Frau zu schützen, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Missbrauchs noch ein Kind war.


Die 19-Jährige indessen hätte nichts gegen eine öffentliche Verhandlung gehabt, wie sie später sagte. Trotzdem blieb es ein Geheimprozess - erst zur Urteilsverkündigung durften Beobachter wieder in den Saal.

Als Zeugen hatte das Gericht auch mehrere junge Frauen geladen, die damals selbst Schülerinnen bei dem Angeklagten waren. Sie schilderten offenbar ein Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern, das enger als üblich war. In der Urteilsverkündung war von gemeinsamem Nacktbaden, von Saunabesuchen und Zelten auf dem Schulgelände die Rede. "Der Abstand zwischen Lehrer und Schüler wurde nicht gewahrt", sagte der Richter.

Aber war da mehr? Die junge Frau hatte erzählt, sie habe das Glied des Lehrers anfassen müssen. Auch sei er zu ihr ins Zelt gekrochen, wo es zum Geschlechtsverkehr gekommen sein soll. Zeugen gab es keine. Die Taten seien nicht mit der für eine Verurteilung nötigen Sicherheit nachzuweisen, erklärte der Richter. Die Zweifel, die nach der Beweisaufnahme blieben, wurden zugunsten des Angeklagten gewertet.

Seit ihrer Anzeige vor rund zwei Jahren war die junge Frau mehrfach von der Kripo vernommen worden, jetzt ein weiteres Mal im Prozess. Da sie manche Zusammenhänge erst später nannte, argwöhnte das Gericht, dass sie Schilderungen hinzugefügt hatte, die sich so nicht zugetragen haben, vielleicht unter dem Einfluss ihres Freundes, der sie zu einer Anzeige gedrängt hatte.

Selbst Begrifflichkeiten wurden auf die Goldwaage gelegt. So sprach die 19-Jährige von ihrem Jungfernhäutchen. Da ein siebenjähriges Mädchen diesen Begriff für gewöhnlich nicht kennt, nahm das Gericht den Gebrauch des Wortes als Indiz, dass die entsprechende Schilderung erst jetzt hinzugefügt wurde. Der "Freien Presse" sagte die 19-Jährige gestern, sie stehe zu ihren Aussagen. "Ich weiß, was geschehen ist. Ich weiß, was ich mit mir herumtrage."

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob die Staatsanwaltschaft in Berufung geht, blieb vorerst offen. Der Schulleiter ist seit dem Ende der Osterferien von der Sächsischen Bildungsagentur beurlaubt worden. Diese Beurlaubung gilt noch bis Freitag. Die Behörde muss in den nächsten Tagen entscheiden, ob er nach seinem Freispruch wieder unterrichten darf.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...