Abwasseranalyse bestätigt Vermutung

Im Erzgebirgskreis ist 2018 die Anzahl an Delikten rund um die Droge Crystal Meth zurückgegangen. Das besagt die Kriminalitätsstatistik der Polizei. Doch es gibt auch andere Zahlen. Nach diesen wird in Annaberg-Buchholz pro Einwohner und Tag mehr Crystal konsumiert als in Frankfurt oder Hamburg.

Annaberg-Buchholz.

Die Spekulationen haben ein Ende. Schwarz auf weiß ist jetzt nachgewiesen, welche Droge in Annaberg-Buchholz am liebsten eingenommen wird. Das ist Crystal Meth. Diese Aussage allein ist für viele noch nicht die große Überraschung. Dass die Kreisstadt hinsichtlich der Menge, die konsumiert wird, vor vermeintlichen Drogenhochburgen wie Frankfurt oder Hamburg rangiert, dürfte dann aber schon den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.

Grundlage dieser Aussagen bildet keine polizeiliche Statistik, sondern eine Untersuchung des Abwassers der Kreisstadt in der zentralen Kläranlage in Schönfeld. Dazu sind an insgesamt 21 Tagen sogenannte Mischproben entnommen und an der TU Dresden wissenschaftlich ausgewertet worden. "Um eine solche Mischprobe für einen Tag zu erhalten, wird alle zwei Stunden ein halber Liter entnommen. So hat man nach 24 Stunden 12 gefüllte Flaschen, deren Inhalt anschließend vermischt wird", erläutert Jörg Walther, Geschäftsführer des Abwasserzweckverbandes (AZV) "Oberes Zschopau- und Sehmatal".


Im Ergebnis der Auswertung steht für Annaberg-Buchholz eine Konzentration illegaler Drogenrückstände von 18,1 bis 48,7 Mikrogramm je Einwohner und Tag zu Buche, sagt Björn Helm von der TU Dresden. Im Vergleich dazu kommt Frankfurt nur auf 7,43 bis 10,1 Mikrogramm je Einwohner und Tag. Hochgerechnet bedeute das, dass in Annaberg-Buchholz täglich zwischen 20 und 100 Dosen Methamphetamin - also Crystal - eingenommen werden.

Diesen Zahlen gegenüber steht die Kriminalitätsstatistik der Polizei. Sie spricht für 2018 davon, dass die Fallzahlen bei allgemeinen Verstößen in Bezug auf Crystal im Erzgebirgskreis gegenüber 2017 einen Rückgang aufweisen - konkret um 68 Fälle auf insgesamt noch 191. Ein Jahr zuvor war noch ein Anstieg vermeldet worden. Die Chemnitzer Polizeipräsidentin Sonja Penzel mahnt deshalb an, dass die rückläufigen Fallzahlen nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass im Bereich der Rauschgiftkriminalität auch weiterhin ein breites gesellschaftliches und polizeiliches Engagement erforderlich ist. "Insbesondere Präventionsmaßnahmen, die frühzeitig ansetzen und sich gegen Drogenkonsum richten und dessen Folgen unverblümt aufzeigen, sehe ich als Ansatzpunkt. Denn Rauschgiftkriminalität wirkt sich auch auf andere Kriminalitätsbereiche wie Beschaffungskriminalität aus", so Penzel.

Genauso sieht das auch Andreas Engert. Der Annaberger Stadtrat und Rotarier engagiert sich persönlich stark in der Drogenprävention. Für Engert gibt es dabei nichts Besseres als den sogenannten Revolution Train oder Anti-Drogenzug. Nirgends sonst werde Schülern so anschaulich und real nahegebracht, was Drogenmissbrauch bedeutet und wie dieser enden kann. In Verbindung mit den Nachsorgeveranstaltungen, in denen sich die Schüler dann im Beisein von Fachleuten alles in Sachen Drogen von der Seele reden und diskutieren können, sei das gesamte Projekt durch nichts zu ersetzen.

In Tschechien sei jetzt ganz offiziell mittels eines Gutachtens die Nachhaltigkeit des Zuges bestätigt worden. Danach führe ein Besuch im Revolution Train dazu, dass etwa 30 Prozent mehr Schüler Abstand von Drogen nehmen, als Schüler, die diese Art der Prävention nicht erlebt haben. Das erfuhr Engert Ende April auf einer Konferenz in Prag, an der sämtliche Partner des Zuges teilnahmen. Darunter waren auch Vertreter des Landes Thüringen. In dem benachbarten Bundesland würden - wie übrigens auch in Tschechien - die Kosten für den Zug komplett aus staatlichen Mitteln finanziert. "Weil man eben erkannt hat, was diese Art der Aufklärung bringt. Nur in Sachsen werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Revolution Train schlechtzureden", sagt Engert. Er bezieht sich dabei unter anderem auf die Sächsische Landesstelle gegen die Suchtgefahren (SLS). In Stellungnahmen hatte sie immer wieder kritisiert, dass das auf Abschreckung setzende Konzept des Revolution Trains wenig wirksam sei und seit Jahrzehnten im Sinne einer gelingenden Suchtprävention als überholt gelte.

Finanziell gehe es bei dem Zug nur um 9200 Euro pro Tag. Bei drei Tagen Aufenthalt, wie zuletzt in Annaberg, sind das knapp 30.000 Euro. "Was ist diese Summe im Vergleich zu dem Geld, das der Staat für die Behandlung eines Drogenabhängigen ausgibt?", fragt Engert. Er hofft, dass der Revolution Train 2020 wieder Station in der Kreisstadt machen kann. Bis dahin will er erreichen, dass Rotary International in die Finanzierung einsteigt, die der Freistaat ablehne. Dafür will Engert mehrere in- und ausländische Clubs gewinnen, um eine gemeinsame Finanzierung auf die Beine zu stellen.

Auch für AZV-Chef Jörg Walther ist es ein Unding, dass der Freistaat Sachsen den Zug nicht komplett finanziert. Wie nötig diese Aufklärung ist, zeige die Abwasseranalyse. Die damit zutage getretenen Zahlen findet er einfach erschreckend. Aber: Keiner kann sie jetzt mehr wegdiskutieren. Sie stehen schwarz auf weiß geschrieben.

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