Der Kampf um den Erhalt eines 114 Jahre alten Charmes

1905 eröffnete Oskar Teichert in Wolkenstein einen Fleischerladen, an dessen Aussehen sich bis heute kaum etwas verändert hat. Fast wirkt das Geschäft wie ein Kunstwerk, das immer noch seinen Zweck erfüllt.

Wolkenstein.

Von Außen betrachtet unterscheidet sich das Gebäude an der Kirchgasse 2 kaum von denen nebenan. Es trägt zum altertümlichen Flair bei, das für die Wolkensteiner Innenstadt generell prägend ist. Wirklich beeindruckt ist der Besucher erst, wenn er durch die Tür schreitet und plötzlich unter einer bemalten Glasdecke steht, die eher auf ein Schloss als auf einen Fleischerladen schließen lässt. Kleine Kunstwerke sind auch die Fliesen von Villeroy & Boch, eines bekannten Keramik-Herstellers mit jahrhunderte-alter Tradition. "An den Wänden ist alles immer noch so, wie es bei der Eröffnung 1905 war", sagt Carola Arnold, die diesen Charme noch lange bewahren will.

Ursprünglich stammt die Lernberaterin aus Gera, doch die Liebe hat sie über Umwege nach Wolkenstein geführt. Ihr Mann ist Volker Arnold, bei dem es sich eigentlich auch nicht um einen Erzgebirger handelt. Als Urgroßcousin von Ruth Teichert war der gebürtige Dresdner jedoch immer wieder zu Besuch in Wolkenstein, genoss dort zum Beispiel während der Winterferien die Schlittenfahrten und erbte später das Haus. "Er musste Ruth, der Enkelin des Gründers versprechen, den Verkauf aufrechtzuerhalten, so lange es wirtschaftlich geht", sagt Carola Arnold.

Eine echte Fleischerei gab es an der Kirchgasse bis 2003. Inzwischen wird Fleisch hier zwar nicht mehr verarbeitet, dafür aber immer noch verkauft. Die Arnolds konnten ihr Versprechen halten, denn mit Fleischermeister Mario Findeisen aus Großrückerswalde fanden sie einen wichtigen Partner. Mittwochs, donnerstags und freitags sind seine Produkte im einstigen Fleischerladen von Oskar Teichert zu haben.

So wie der Duft soll auch das Flair erhalten bleiben, das irgendwie gar nicht zu Knacker und Blutwurst passt. Zwar musste der große Gaskronleuchter in der Mitte der Decke längst moderneren Lampen weichen, doch hat sich ansonsten wenig verändert. "Nur der Fußboden und die Theke wurden erneuert", sagt Carola Arnold. Allerdings haben die 114 Jahre Spuren an den Fliesen hinterlassen, die Gutachtern bereits näher unter die Lupe genommen haben: "Jede Fliese wurde von Experten kartiert."

Nach einer Teilsanierung, die in den 1990er-Jahren noch von Ruth Teichert initiiert worden war, wurde immer wieder Hand angelegt. "Stück für Stück haben wir es weiter privat instand gesetzt", berichtet die Lernberaterin, die jeweils etwa die Hälfte ihrer Zeit in Gera und in Wolkenstein verbringt. Ist sie nicht gerade freiberuflich im Einsatz, trifft sie sich hin und wieder mit dem Denkmalschutz, um das weitere Vorgehen zu regeln. "Gespräche laufen", sagt Carola Arnold, die bei einer erhaltenden Sanierung aber frühestens nächstes Jahr mit ersten Baumaßnahmen rechnet.

Es gilt, vor allem mit eigenem Engagement zum Erhalt des Einzeldenkmals inklusive seines speziellen Charmes beizutragen. Und das beginnt für die Pädagogin bereits mit dem Erledigen der Einkäufe: "Wenn ich etwas brauche, dann hole ich es mir hier im Ort." Solch eine Einstellung wünscht sie sich auch von möglichst vielen anderen Wolkensteinern, damit die Arnolds ihr Versprechen an Tante Ruth noch lange halten können. Und damit die kunstvoll gestalteten Fliesen auch weiterhin ihren eigentlichen Zweck erfüllen - und Besucher ganz nebenbei mitnehmen auf eine Zeitreise ins frühe 20. Jahrhundert.

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