Fotokunst gegen die Bilderflut

Die Freiberger Fotofreunde feiern ihren 70. Geburtstag mit einer Ausstellung und einer Bildbroschüre, die eindrucksvoll ihre Qualität, nicht nur als Chronisten, belegen.

Freiberg.

"Ich fotografiere, um herauszufinden, wie etwas aussieht, wenn es fotografiert wurde." Sagte der amerikanische Fotograf Garry Winogrand, der Erfinder der Straßenfotografie. In seinen besten, den 1950er- und 1960er-Jahren konnte er keine Straße entlanggehen, ohne einen Film zu belichten.

Ähnlich muss es vielen der Freiberger Fotofreunde (und -freundinnen) gehen. Seit 70 Jahren gibt es den Verein - ein genaues Gründungsdatum ist nicht überliefert -, er ist damit einer der ältesten und aktivsten Fotoklubs in Sachsen. In dieser Zeit haben sich Hunderttausende Fotos angesammelt. Ein kleiner Teil davon, Arbeiten der 27 aktuellen Mitglieder des Vereins, ist anlässlich des Jubiläums der Fotofreunde in einer Ausstellung in der Nikolaikirche und in einer eben-falls aus diesem Anlass erschienenen Broschüre zu sehen. Diese Fotos sind ein sehenswerter Bilderbogen hochwertiger, stimmungsvoller, oft sorgfältig komponierter Aufnahmen, die der aktuellen Smartphone-Bilderflut die Qualität "ernsthafter" Fotografie entgegensetzen, die nichtsdestotrotz Spaß macht und anderen Menschen Freude und Erkenntnis bringt. Dass sich die Freiberger damit nicht verstecken müssen, zeigen auch die ebenfalls in der Nikolaikirche ausgestellten Impressionen "Umbruch Ost - Lebenswelten im Wandel", die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer zur Verfügung gestellt wurden und Arbeiten von namhaften Fotografen wie Daniel Biskup und Harald Hauswald präsentieren.

Intensiv leuchtende, manchmal grafische Strukturen aufnehmende Landschaftsaufnahmen, etwa von Elke und Klaus Bombach, sind neben lebendigen Konzertaufnahmen von Eckardt Mildner und sensiblen Porträts von Michael Krummsdorf zu sehen. Reportagefotos erinnern an den 2018 verstorbenen Hennig Holschumacher. Und immer wieder wird voller Achtung und Freundschaft an Gunther Galinsky erinnert, der die Freiberger Fotofreunde 50 Jahre lang leitete, den Vereinsvorsitz 2014 an Harald Börner übergab und im vergangenen Jahr gestorben ist. "Was wir heute fotografieren, ist morgen schon Geschichte", erinnerte Harald Börner während der Feier zum Jubiläum an einen Leitspruch seines großen Vorgängers. Tatsächlich ist es wohl das Verdienst Gunther Galinskys, dass kaum eine Stadtgeschichte dieser Region seit vielen Jahrzehnten so gut fotografisch dokumentiert ist wie die Freibergs. Gunther Galinsky hat die Fotoklub-Mitglieder nicht nur immer wieder dafür begeistert, die Gegenwart ihrer Stadt in Bildern festzuhalten, er hat auch fotografische Schätze aus der Freiberger Vergangenheit gehoben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So können die Fotofreunde eindrucksvoll die Veränderungen in ihrer Stadt belegen.

Spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre habe der Verein sich auch in Bildern kritisch mit der DDR auseinandergesetzt. Es habe daraufhin Versuche der "Einflussnahme" gegeben, aber auch "Verständnis von Kulturfunktionären", so Harald Börner.

70 Jahre Vereinsgeschichte - das sind auch 70 Jahre voller Anekdoten, gemeinsamer Erlebnisse, gemeinsamer Unternehmungen. Manche davon regelmäßig - wie die Begegnungen mit den Fotofreunden Hagen. Die waren 1991 auf dem Weg in den "wilden Osten" nach Dresden, landeten eher zufällig in Freiberg, trafen die Fotofreunde, woraus sich eine bis heute gepflegte Freundschaft entwickelte. Die wohl auch deshalb Bestand hat, weil die Westfalen und die Sachsen weiter aufeinander neugierig sind. 70 Jahre Freiberger Fotofreunde, das ist auch die Geschichte von persönlichen und fotografischen Entwicklungen. Haben einige der heutigen Mitglieder des Vereins noch mit einer 6-mal-9-Balgenkamera und natürlich in Schwarzweiß begonnen zu fotografieren, sammeln sich die Bilder inzwischen digital auf Festplatten, die immer mal erweitert werden müssen. An der Qualität der Fotos aber machen die Fotofreunde keine Abstriche - trotz der vielen modernen Möglichkeiten digitaler Bildmanipulation. Stattdessen verweist Sandra Jakob, seit 1996 Mitglied des Vereins, auf den Rat eines Fotografen: "Ein Bild sollte einen Vordergrund, einen Hintergrund und überhaupt einen Grund haben." Keine schlechte Maxime für die nächsten 70 Jahre.

Die Ausstellung "Umbruch Ost: Fotoimpressionen aus Freiberg und Ostdeutschland" ist bis 25. Oktober in der Nikolaikirche Freiberg, mittwochs bis sonntags 11 bis 17 Uhr, zu sehen.

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