Ingenieur widmet Mechanik viel Geduld und Erfindergeist

Sie stellen die Buden für den Weihnachtsmarkt auf, gestalten Konzerte, bringen Geschenke. Sie sind die Weihnachtsmacher. Hier werden ihre Geschichten erzählt. Heute: der "Untertage"-Mechaniker.

Gelenau.

Seine 77 Lebensjahre sieht man Siegfried Seidl nicht an. Schon gar nicht, wenn sich der drahtige Mann mit seinem kleinen Werkzeugkoffer, der Bohrmaschine und dem Lötkolben durch die Exponate der Weihnachtsausstellung im Gelenauer Depot Pohl-Ströher zwängt und unter einem der mechanischen Berge verschwindet.

Seit fast zehn Jahren kümmert sich der Ehrenfriedersdorfer im Untergrund darum, dass sich eine Etage über ihm wie von Geisterhand Figuren bewegen, Karussells drehen und der Angler im Schifferkahn seine Runden über den Teich zieht. Zu tun gibt es für den einstigen Ingenieur und passionierten Modellbauer immer etwas im Depot. "Ein Anruf genügt, und Siegfried steht auf der Matte", sagt Depotleiter Michael Schuster und lacht. Permanente Wartung der komplizierten Mechanik steht dabei ganz oben auf der Liste des Mechanikers. "Bei der Vorbereitung von Ausstellung ist das besonders wichtig", erklärt er, sucht nach einer Antriebskette in seinem Sammelsurium von Ersatzteilen und dreht vorsichtig an dem über 60 Jahre alten Gleichstrommotor, bis die schadhaften Kettenglieder zum Vorschein kommen.

Der Scherzer-Berg liegt ihm besonders am Herzen. Mit einer Breite von 4,40 Metern gehört er zu den größten Leihgaben und veranschaulicht Szenen aus dem Leben des Volkshelden Karl Stülpner, dem der Gelenauer Willi Scherzer als 13-Jähriger Leben eingehaucht hat. "Die Mechanik ist sehr aufwendig, aber noch gut erhalten", verweist der Restaurator auf das Baujahr 1953. "Andere Exemplare haben deutlich mehr Jahre auf dem Buckel." Bis Anfang der 1990er-Jahre habe der Erbauer an der Vervollständigung des Heimatberges gearbeitet. Anschließend blieb das mechanische Wunderwerk 30 Jahre der Öffentlichkeit verborgen.

Verwendet wurden zumeist ausgesonderte Bauteile, wie sie in der Strumpfindustrie des Ortes zur Anwendung kamen. "Doch was sich an seidenen Fäden über Porzellanrollen und Metallführungen bewegt, war Eigenbau und unterliegt besonders dem Verschleiß", so Seidl. Ein Wunder sei das nicht, denn schließlich wurden die mechanischen Berge für den Eigenbedarf in den weihnachtlichen Wohnstuben gefertigt und kamen nur wenige Wochen im Jahr zum Einsatz. "Für einen Dauerbetrieb, wie er hier auf Knopfdruck der Besucher stattfindet, war keine der beweglichen Bastelarbeiten konzipiert." Für Siegfried Seidl bedeutet das immer auch die Suche nach geeignetem Ersatzmaterial. Der Hausfrauenzwirn wird von ihm inzwischen durch strapazierfähige Polyurethan-Seide ersetzt, alte Gleitlager gegen moderne Kugellager ausgetauscht, und auch mancher Motoranker ist nicht mehr neu zu wickeln. "Dann müssen moderne Mörz-Motoren das Antriebsproblem lösen", erklärt der Bastler. Natürlich sollen die Besucher historische Bastelarbeit erleben. Doch Mechanik unterliege nun mal einem Verschleiß, dem man möglichst dauerhaft entgegenwirken müsse.

Gewartet und gepflegt werden auch Leihgaben, verweist Siegfried Seidl auf den Melzer-Berg nur wenige Schritte entfernt. Dort ist der gesamte Antrieb mit selbst gefertigten Ketten defekt. Zehn Jahre lang ist der Heimatberg von Willy Melzer mit seinen Waldarbeitern, der alten Kräuterfrau und der Windmühle ganz oben auf dem Berg als Leihgabe im Depot zu bewundern. "Da lohnt sich die aufwendige Erneuerung des Antriebs."

Seit Eröffnung des Gelenauer Depots Pohl-Ströher geht Siegfried Seidl von den Ausstellungsgästen unbemerkt seiner filigranen Arbeit nach. Auf zwei bis drei Monate summiert sich seine Tätigkeit "untertage" im Jahr.

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