Ortsumfahrung soll mitten durch den Ort führen

Vertreter des Freistaats stellen geplanten Verlauf der B 174 durch Reitzenhain vor - Einwohner kritisieren Pläne

Reitzenhain.

Der Schwerlastverkehr durch Reitzenhain hat sich in den vergangenen zwölf Jahren fast verzehnfacht. Mittlerweile rollen täglich fast 1600 Lkw durch den Grenzort zu Tschechien - mehr als jedes vierte Fahrzeug. Und die Prognosen gehen von weiter steigenden Zahlen aus. Deshalb plant der Freistaat seit Jahren eine Ortsumfahrung. Zum möglichen Verlauf der B 174 wurden die Einwohner am Dienstagabend im alten Rathaus informiert. Und die zeigen sich wenig begeistert. "Freie Presse"-Redakteur Patrick Herrl beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie sieht der geplante Verlauf aus?

Der aktuelle Planungsstand sieht vor, dass der Verlauf der B 174 aus Richtung Marienberg vom Ortseingang bis zum Abzweig Rudolf-Breitscheid-Straße nicht verändert, sondern die Straße lediglich ausgebaut wird. Ab Höhe des alten Sportlerheims weicht die Trasse auf den parallel zur jetzigen B 174 verlaufenen Bahndamm aus. Vor der Grenze zu Tschechien führt die Umgehung zurück auf die bisherige Strecke. Die Ortsumfahrung soll also mitten durch den Ort führen.

Woran scheitern andere Varianten?

Es wurden sechs andere Varianten bei den Voruntersuchungen in Betracht gezogen. Sie alle würden - Stand jetzt - scheitern, macht Bernd Sablotny, Abteilungsleiter beim sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, klar. Westlich von Reitzenhain befindet sich ein Vogelschutzgebiet, im Osten ein Fauna-Flora-Habitat. "Man benötigt gute Gründe, um dort eingreifen zu dürfen", erklärt Sablotny. Bedeutet: Die Varianten sind wegen massiven Eingriffen in die Natur kaum oder gar nicht genehmigungsfähig. Zudem müssen beim Variantenvergleich neue Betroffenheiten verhindert und die Wirtschaftlichkeit beachtet werden. Sablotny: "Wir müssen einheitliche Kriterien des Bundes einhalten und uns der Kontrolle stellen." Auch ein Unterflur-Ausbau - also ein Tunnel - scheitert allein schon am Preis. Außerdem dürfe der Ausbau nicht überdimensional erfolgen.

Was sagen die Reitzenhainer zu den Plänen?

Die Einwohner verlieren kein einziges gutes Wort über den Vorschlag. Ein direkter Anwohner an der Bundesstraße sagt: "Wir können seit Jahren im Sommer kein Fenster mehr öffnen. Wegen des Lärms hatte ich schon zwei Herzinfarkte. Warum findet überhaupt eine Bürgerversammlung statt, wenn die Entscheidung schon steht?" Weitere Bewohner sprechen von einer Problemverschiebung. Der neue Verlauf belaste zusätzlich die Anwohner im Unterdorf. Und im Bereich am Ortseingang würde sich gar nichts ändern. Zudem würde die neue Straße mit Schallschutzwänden den Ort in Ost und West trennen. Durch die Variante würde sich nichts verbessern. "Es ist einfach nur enttäuschend. Da kann man alles lassen, wie es ist, und die zwei Millionen Euro Kosten sparen", kritisiert ein Bewohner. Zudem seien weitere Probleme ungeklärt. Was wird gegen Lärm und für die Sicherheit der Kinder beim Überqueren der Straße getan?

Was passiert für Lärmschutz und Sicherheit?

Lärmschutzwände und Flüsterasphalt werden in Betracht gezogen. Für Fußgänger sei eine Querungshilfe am Ortseingang geplant. Inwieweit eine von Bürgern gewünschte Unter- oder Überführung entstehen kann, sei noch unklar. "Wir befinden uns in einer frühen Planungsphase. Es wurde noch nicht alles berücksichtigt", erklärt Lars Roßmann, Niederlassungsleiter des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv).

Stimmt es, dass Tschechien bis zur Grenze vierspurig ausbaut?

Sablotny hat auf das Gerücht keine Antwort. Allerdings habe es keine Auswirkungen auf die Pläne für die Ortsumfahrung. In Deutschland gelten andere Regularien als in Tschechien. Für eine vierspurige B 174 wären täglich mindestens 20.000 Fahrzeuge notwendig, betont Sablotny. Zudem werde bei Verkehrsprognosen die Entwicklung im Nachbarland mit betrachtet.

Wie steht der Oberbürgermeister zu den Plänen?

André Heinrich spricht sich gegen den Plan aus. Auch, weil im vorderen Ortsbereich überhaupt keine Entlastung entstehe. Er macht sich dafür stark, dass eine andere Variante weiter untersucht wird. Sie könnte westlich am Ortseingangsbereich vorbeiführen und damit den vorderen Ortsteil entlasten. Problem: Friedhof und alte Deponie liegen im Weg. Zudem müssten Gespräche mit angrenzenden Gewerbetreibenden erfolgen. Auch tangiert diese Variante das Naturschutzgebiet.

Würde auch gegen den Willen der Einwohner gebaut?

Unwahrscheinlich. "Wir planen nicht gegen den Willen der Kommune", sagt Sablotny. Oberbürgermeister Heinrich betont, dass am Ende der Stadtrat entscheiden würde. "Und wir wollen keine Entscheidung gegen die Einwohner treffen."

Wie geht es weiter?

Sablotny macht klar: "Wir sind erst bei der Linienführung." Obendrein hat es direkt im Anschluss der Bürgerversammlung nach weiteren Gesprächen eine überraschende Wende gegeben. Lasuv-Sprecherin Isabel Siebert: "Es gab eine Abstimmung, dass zur vom Oberbürgermeister vorgeschlagenen Variante Gesprächsforen mit Einwohnern und weitere Untersuchungen erfolgen."


Kommentar: (K)ein Plan

Eine Ortsumfahrung mitten durch den Ort! Ein Plan, der für die Reitzenhainer keiner ist. Wut, Enttäuschung und Galgenhumor der Einwohner sind absolut nachvollziehbar. Sie leiden unter den autobahnähnlichen Verhältnissen vor ihren Haustüren. Lärm und Gestank machen krank. Dabei gibt es echte Umgehungsvarianten, die mehr Lebensqualität bedeuten würden. Doch sie alle scheitern allen voran am Naturschutz. "Sind wir weniger wert als Vögel und Pflanzen?" Diese Frage müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen.

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1Kommentare
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  • 3
    2
    fnor
    14.03.2019

    Langfristig wird die B174 doch zur Autobahn werden. In Tschechien ist ein Teil schon 4-spurig ausgebaut und dient als Verlängerung der Autobahn nach Prag. Warum sollte mitten im Nirgendwo von 4 auf 2 Spuren reduziert werden? Dort sind keine Gewerbegebiete oder große Siedlungen, in denen der Verkehr enden könnte. Also sind die 4 Spuren nur nützlich, wenn der weitere Verlauf auch ausgebaut wird, damit der Verkehr weiter fließt. Die sächsischen Verkehrsbehörden werden doch wohl mit ihren Nachbarn den Ausbau von grenzüberschreitenden Straßen absprechen und nicht ahnungslos bauen. Auf deutscher Seite ist doch die B174 in Chemnitz mittlerweile auch ausgebaut und die Verlängerung des Südrings nach Osten bis zur Autobahn ist ebenso in Planung. Bei Hohndorf wird in naher Zukunft ja auch eine Ortsumfahrung gebaut. All diese Baumaßnahmen schaffen eine höhere Kapazität der Straße und werden zu einer weiteren Verkehrssteigerung führen. Hier baut keiner zum Schutz der Bürger, sondern zur "Wirtschaftsförderung" mit allen Nachteilen wie Lärm und Verschmutzung sowie abfließender Wirtschaftskraft.



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