"Wir sind verpflichtet, Birkhühner zu erhalten"

Flächenumwandlung ruft Kritik hervor - Naturschützer Udo Kolbe bezieht Stellung

Marienberg.

Der Freistaat Sachsen will gemeinsam mit Naturschützern die hiesigen Birkhuhnpopulationen vor dem Aussterben bewahren. Ein Artenschutzprogramm ist vorgesehen. So könnten in Zukunft im Erzgebirge einige Flächen ausgelichtet werden, um die Lebensbedingungen des Birkhuhnes zu verbessern. Nicht jeder ist damit einverstanden. Klaus-Peter Trommer (75) aus Stützengrün äußert in einem Leserbrief zahlreiche Kritikpunkte. Der ehemalige Förster war einst in Wäldern nahe Eibenstock tätig und verfolgt auch das Geschehen im mittleren Erzgebirge. "Freie Presse" konfrontierte Naturschützer Udo Kolbe von der Initiative Birkhuhnschutz mit den Kritikpunkten.

Klaus-Peter Trommer findet: Die hiesige Birkhuhn-Population ist auch ohne weitreichende Maßnahmen langfristig überlebensfähig. Es gebe im Nachbarland Tschechien schließlich noch rund 350 Tiere. Soll heißen, dass sie zuwandern können.


"Beim Naturschutz haben Sachsen und Böhmen eine gemeinsame Verantwortung", entgegnet Udo Kolbe. "Wir können den Schutz der Birkhühner nicht allein den Tschechen überlassen und als Deutsche davon profitieren. Davon abgesehen, geht auch im Nachbarland die Population zurück." Wenn die Anzahl der Tiere unter 300 oder gar 200 falle, komme es zur Inzuchtgefahr. "Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt."

Das Birkhuhn sei in früheren Jahrhunderten im Erzgebirge ohnehin nicht vorgekommen. Denn einst handelte es sich um ein dichtes zusammenhängendes Waldgebiet, betont Trommer. Erst im Zuge des großflächigen Waldsterbens in den 1980er-Jahren sei das Birkhuhn eingewandert.

"Das ist nicht zutreffend. Es gibt viele Berichte aus früheren Jahrhunderten, etwa von Förstern, Jägern, Lehren und Pfarrern, die Birkhühner erwähnen. Im Erzgebirge ließ sich früher das Birkhuhn im Vergleich zu anderen Regionen Sachsens sogar besonders häufig antreffen", so Kolbe. "Es gab große Lichtungen sowie Freiflächen. Sie entstanden etwa durch Feuer, Stürme und durch Holzeinschlag. Heutzutage gibt es einen viel besseren Brandschutz. Es wird auch schneller aufgeforstet." Richtig sei, dass das Birkhuhn in den 1980er-Jahren von dem Waldsterben profitierte. Udo Kolbe: "Durch das rasche Aufforsten sank die Population allerdings wieder."

Das Fällen von mehreren Hundert Hektar Wald findet Klaus-Peter Trommer unverhältnismäßig. Er fragt: "Was passiert mit den zahlreichen anderen Wildtierarten auf diesen Flächen?"

Es sei keineswegs beabsichtigt, mehrere Hundert Hektar Wald zu fällen, so der Naturschützer. Vielmehr gehe es darum, den vorhandenen Lebensraum zu erhalten und lichte Flächen nicht aufzuforsten. Allenfalls in den Randbereichen werde ausgedünnt, sagt Kolbe. Ziel sei es, die Vielfalt an Lebensräumen zu erhöhen. "Davon profitieren zum Beispiel Hasen, Rehe, Rotwild, Vögel und Insekten."

Trommer argumentiert: "Durch den fortschreitenden Klimawandel ergeben sich ohnehin freie Flächen. Die Fichte kann den Klimaextremen nicht standhalten." Ein Kahlschlag des Menschen sei unnötig, auch wenn seinen Worten zufolge über längere Sicht widerstandsfähige Arten wie Buche, Bergahorn und die Weißtanne die Flächen einnehmen. "Leider gibt es in der Dynamik der Natur Verlierer", sagt er in Hinblick auf das Birkhuhn.

Kolbe: "Aufgrund des Klimawandels den Birkhuhnschutz aufzugeben, wäre der völlig falsche Weg. Es geht darum, dass frei werdende Areale nicht durch Eingriffe des Menschen sofort wieder geschlossen werden. Es braucht eine stärkere Dynamik der Natur. Dies hilft dem Birkhuhn."

Klaus-Peter Trommer hält dagegen: Der Preis für die offenen Flächen sei sehr groß. Der Kahlschlag gehe mit einem Verlust an Waldfläche als wichtigem Wasser- sowie Kohlendioxidspeicher einher. Darüber hinaus leide der Hochwasserschutz.

"Die Birkhuhnlebensräume erfüllen ebenfalls die Funktionen der Hochwasserrückhaltung sowie der Trinkwasserbereitstellung", betont Kolbe. Etwas anders sehe es hinsichtlich der Speicherung von Kohlendioxid aus. "Da die Holzmasse auf den Flächen geringer ist, wird weniger des für das Klima schädlichen Gases gebunden. Es sollen jedoch nur 0,8 Prozent des Landeswaldes für den Birkhuhnschutz genutzt werden." Das sei kaum ausschlaggebend und falle nur unwesentlich ins Gewicht.

"Die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen werden offenbar in Sachsen umgangen", sagt Trommer. Der Erfolg der Naturschützer begründe sich auf die Oberflächlichkeit der Politik, auf Halbwahrheiten sowie auf den Medienrummel.

"Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist keineswegs notwendig. Die Birkhuhnflächen dienen dem Naturschutz, und dieser fällt entsprechend des Sächsischen Waldgesetzes unter die Aufgaben des Waldes. Die Birkhühner sind Allgemeingut. Wir sind verpflicht, sie zu erhalten", so Kolbe. "Dass wir uns an die Politik und über die Medien an die Öffentlichkeit wenden, ist legitim. Die Menschen sollten Bescheid wissen."

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