Auf der Flucht

Die Geschichte von zwei jungen Flüchtlingen, die sich in Flöha bedroht und schlecht behandelt fühlen, ist rasch erzählt. Aber bei einer genauen Betrachtung bröckeln viele Vorurteile.

Flöha.

Maxim und Gerome sind nach Mittelsachsen zurückgekehrt. Die jungen Flüchtlinge leben in einer afrikanischen Wohngruppe im Landkreis. Maxim und Gerome heißen nicht wirklich so. Zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte bleiben Namen und der genaue Aufenthaltsort ungenannt. Die beiden Jugendlichen aus Guinea sind nach Deutschland geflüchtet und waren Anfang Oktober zehn Tage lang in Flöha untergebracht. Dann sind sie verschwunden, um am 28. November wieder aufzutauchen: in einem Artikel der TAZ-Regionalausgabe Nord.

Es hieß, die beiden 16-Jährigen, die in Bremen Unterschlupf fanden, haben in Flöha um ihr Leben gefürchtet und seien auf offener Straße beschimpft worden. Niemand habe sich um ihre gesundheitlichen Probleme gekümmert. Die Mitarbeiter der Einrichtung, in der sie wohnten, hätten dem "Bedrohungsszenario" nichts entgegen gesetzt.

Flöhas OB Volker Holuscha (Linke) hat sich über den Artikel geärgert. Weniger darüber, dass er zum Thema nicht gefragt wurde, sondern über das geschilderte "Bedrohungsszenario". Die Vorwürfe sind für ihn "definitiv aus der Luft gegriffen", die Anschuldigungen gegen die Betreuer seien ungerecht, sagt er. Vorige Woche war Holuscha in der Unterkunft, in der Maxim und Gerome während ihrer Zeit in Flöha lebten, um mit Jugendlichen Plätzchen zu backen. Der OB sagt, die Jugendlichen würden dort einfühlsam und auf Augenhöhe betreut.

Flöha ist zentrale Anlaufstelle für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung nach Deutschland kommen und Mittelsachen zugewiesen werden. Von Flöha aus werden die Jugendlichen auf Unterkünfte verteilt. Am Stichtag 30. Oktober wurden 111 minderjährige Flüchtlinge aus 22Staaten in Mittelsachsen betreut. 82 von ihnen lebten in Mittelsachsen, die anderen außerhalb des Landkreises - zumeist in Einrichtungen der Jugendhilfe oder bei Pflegefamilien. Einer der 111 minderjährigen Flüchtlinge gilt laut Kreissprecher André Kaiser als vermisst.

In Flöha wohnen die Jugendlichen in der früheren Kindertagesstätte im Gebiet Sattelgut, die 2017 für rund 1,3 Millionen Euro saniert und zu einer Einrichtung der Jugendhilfe umgebaut wurde und in der es neben der zentralen Inobhutnahme des Landkreises eine achtköpfige Wohngruppe mit Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und Somalia gibt, die mit deutschen Jugendlichen zusammenleben.

Träger der Einrichtung ist der Regionalverband der Volkssolidarität. Auch der wurde für den Artikel nicht befragt. Angela Gronwaldt bedauert das. Sie ist Vorstand des Regionalverbandes und sagt, dass sich die Jugendlichen in Flöha wohl fühlen, dass die Betreuung gut funktioniere, wobei Stress und Konflikte bei der Hilfe zur Erziehung unvermeidlich seien. Ein Bedrohungsszenario in der Stadt Flöha, wie es im Artikel geschildert wird, gebe es nicht.

Tatsächlich gab es kurz nach Inbetriebnahme der Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge im Dezember 2017 einen Überfall, bei dem ein damals 17-Jähriger aus Afghanistan auf dem Weg vom Bahnhof zur Unterkunft von mehreren Maskierten zusammengeschlagen und verletzt wurde. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat das Ermittlungsverfahren Anfang April eingestellt. Das ist innerhalb eines Jahres der einzige bekannt gewordene Fall einer tätlichen Bedrohung von ausländischen Jugendlichen in Flöha.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Birgitt Röpke, kümmert sich um Flüchtlinge in Flöha. Ein Bedrohungsszenario? "Nein, das gibt es nicht", sagt sie. Es gebe unschöne Szenen. Flüchtlinge haben berichtet, dass vor ihnen ausgespuckt wurde. Vor allem die Frauen gehen abends ungern vor die Tür. "Aber das geht manchen deutschen Frauen genauso", sagt Birgitt Röpke. Dass Flüchtlinge in Flöha auf Englisch beschimpft und bedroht werden, wie es von Maxim und Gerome im Artikel geschildert wurde, hält sie für unwahrscheinlich.

Warum Maxim und Gerome von Flöha nach Bremen flüchteten, bleibt unklar. Drei Tage nach dem ersten Artikel folgt ein zweiter in der TAZ. Der Vorwurf massiver Anfeindungen wird wiederholt. Und: "Der Ort Flöha liegt nur wenige Kilometer von Chemnitz entfernt." Chemnitz war im September nach teils fremdenfeindlichen Demonstrationen in Folge einer tödlichen Messerattacke bundesweit in den Schlagzeilen. Diesmal kommt aber auch die Landkreisverwaltung zu Wort, die in wesentlichen Punkten den Vorwürfen widerspricht. So seien zum Beispiel die gesundheitlichen Probleme der Jugendlichen nicht bekannt gewesen. Eine ärztliche Untersuchung sei vereinbart gewesen, bevor die beiden verschwanden. Und natürlich hätten Maxim und Gerome in Bremen bleiben können, so wie sie es wollten. Dann hätte die Stadt aber die Betreuungskosten übernehmen müssen. Das habe Bremen abgelehnt.

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