Bergakademie will kleine, feine Uni bleiben

Die Statistik spricht eine eindeutige Sprache: Die Studentenzahlen sinken in Freiberg. Doch das ist für den Rektor kein Grund zur Panik. Im Gegenteil.

Freiberg.

Immer weniger Frauen und Männer wollen an der Bergakademie in Freiberg studieren. Waren es laut Statistischem Landesamt zum Wintersemester 2013/2014 an der TU noch 5345 Studenten eingeschrieben, so waren es im Wintersemester 2018/19 nur 3924.

Für den Rektor der Bergakademie liegen die Gründe auf der Hand. "Die Zeit der großen Jahrgänge, bedingt durch den Wegfall der Wehrpflicht, die Verkürzung der Gymnasialzeit bis zum Abitur sowie geburtenstarke Schuljahrgänge, legt in Sachsen eine Pause ein", erklärt Prof. Dr. Klaus-Dieter Barbknecht. Was für ihn erschwerend hinzukommt: Die Mint-Studiengänge, die sich mit den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik beschäftigen, seien speziell von deutschen Studenten nicht mehr so stark frequentiert wie früher.

Trotzdem entscheiden sich nach Angaben des Statistischen Landesamts immer noch 44 Prozent der 20.275 Studienanfänger in Sachsen für ein Mint-Fach. Landesweit ist die Anzahl der Neulinge an den sächsischen Universitäten relativ kon-stant, wie Kultusministerin Eva-Maria Stange (SPD) bemerkte. Nach Jahren des Rückgangs rechnet die Freiberger Uni für den Start ins neue Semester mit einem leichten Anstieg. "Wir pendeln uns bei etwa 4000 Studenten ein", bemerkt Barbknecht.

Doch diese Zahl ist für den Wissenschaftsmanager kein Anlass zur Sorge. "Wir müssen nicht anhand von Studentenzahlen glänzen", sagt der Rektor. "Wir befinden uns in keiner Krise", fährt er fort. Außerdem ist er überzeugt: Mit 5000 Studenten sei die Bergakademie sogar "überbesetzt". Die Bergstadt hält der 1958 im hessischen Cornberg Geborene für einen tollen, aber wenig bekannten Ort. "Freiberg ist nicht München, Berlin, Dresden oder Leipzig." Dort sei der Zulauf deutlich größer.

Aber wie gelingt der Spagat zwischen Provinzuniversität und Hochschule mit internationaler Strahlkraft? Die Bergakademie kann mit ihrem familiären Charakter punkten. Zudem wartet die Uni laut Rektor Barbknecht mit idealen Lern- und Forschungsbedingungen auf. Das Betreuungsverhältnis - also wie viele Professoren im Schnitt auf einen Studenten kommen - sei gut, der Zugang zu den Lehrenden direkt, die Qualität von Forschung und Lehre hoch, und die Labore seien bestens ausgestattet. "In vielen Fächern können wir eine Ausbildung in kleinen Gruppen anbieten." An der Bergakademie lehren 90 Professoren, und in Summe zählt die Einrichtung rund 1800 Beschäftigte.

Der Ruf scheint ebenfalls hervorragend zu sein. "Nach ihrem Studium haben unsere Studenten die allerbesten Chancen, in der Industrie oder in der Wirtschaft einen Job zu erhalten." Während viele deutsche Abiturienten Freiberg links liegen lassen,locktdie Stadt verstärkt ausländische Studenten an. Als "eine der weltweit führenden Universitäten im Bereich der Ressourcengewinnung, -verarbeitung und -veredelung" zieht es vor allem aus "den aufstrebenden Industrienationen und Ressourcenländern" Studenten hierher, allen voran aus China, Indien und südamerikanischen Staaten wie Brasilien.

Doch seit Pegida und dem Erstarken der rechtspopulistischen AfD wird der Freistaat vom internationalen Publikum mit Argusaugen betrachten. Schreckt das Menschen womöglich ab, in die sächsische Provinz zu ziehen? Barbknecht winkt ab und verweist auf knapp 4000 Bewerber aus dem Ausland für 2019. 800 dürfen sich pro Semester einschreiben. "Wir gucken genau, wer Chancen hat, das Studium ordentlich zu Ende zu bringen." Eine weitere Zahl hebt er hervor: Mit rund 1100 Frauen und Männern stammt fast ein Viertel der Freiberger Studenten aus dem Ausland.

Barbknecht spricht von einer "weltoffenen und angstfreien Atmosphäre an unserer Universität und in der Stadt Freiberg". Besonders freut ihn das Engagement des Netzwerks "Freiberg für alle", ein loses Bündnis aus Privatpersonen, Initiativen und Vereinen. Mit Aktionen werben die Mitstreiter für Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz.


Gewinner und Verlierer

An der TU Freiberg geht die Anzahl der Studenten seit Jahren zurück: Waren 2013/2014 noch 5345 Frauen und Männer eingeschrieben, waren es 2015/16 nur noch 4777. Diese Entwicklung setzte sich fort: 2017/18 zählte die Bergakademie 4113 Studenten. 2018/19 waren es 3924.

Auch an den Universitäten in Chemnitz und Dresden ist dieser Trend zu beobachten. Hatten sich 2015 noch gut 2100 Erstsemester an der Chemnitzer Uni eingeschrieben, so waren es im Vorjahr gerade einmal knapp 1700. Eine andere Entwicklung nimmt derweil Leipzig. Waren 2015/16 rund 28.000 Studierende eingeschrieben, waren es 2018 bereits mehr als 29.000. (acr)


Familiäre Atmosphäre und guten Ruf schätzen Studenten und Wissenschaftler

Laura Berger (23), Studentin der Betriebswirtschaftslehre, hat die Wahl ihres Studienorts nicht bereut. "Eine kleine und persönliche Uni sollte es sein", sagt die gebürtige Zwickauerin. Das habe sie hier gefunden. "Studieren in der Regelstudienzeit, ohne dass etwas zu kurz kommt und der persönliche Kontakt, den wir hier pflegen, das schätze ich sehr", sagt die junge Frau an, die schon während ihres Wirtschaftsabiturs wusste, dass sie einmal BWL studiert. "Nach einer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau hat sich dieser Wunsch noch verstärkt."

Richard Führer (20) aus Leipzig studiert angewandte Mathematik. "Ich habe mich für ein Studium in Freiberg entschieden, weil die Uni einen sehr guten Ruf hat und man hier auf Diplom studieren kann. Meiner Ansicht nach schafft die geringe Studierendenzahl eine familiäre Atmosphäre, fördert das Lernen und das studentische Leben in der Stadt."

Professor Dr. Christos G. Aneziris (50), seit 2001 Professor für Keramik an der TU Bergakademie. "Ich schätze die starken Forschungsaktivitäten, die aus den Synergien zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierten Forschung hervorgerufen werden." Auch die internationalen Netzwerke mit Hochschulen und globalen Industriebetrieben tragen, wie der gebürtige Athener sagt, zur Schärfung des Forschungsprofils bei. "Viele unserer Leuchttürme sind international bekannt und genießen einen ausgezeichneten Ruf." Der "wertschätzende und respektvolle Umgang miteinander" gebe ihm ebenfalls viel. Und der "große Traditionsreichtum der Bergakademie" sporne an, Visionen zu entfalten. (acr)

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