Der entscheidende Satz: "Jetzt ist es soweit"

Mauerfall 89: Vor dem Fernseher, bei der Armee, auf Westbesuch - Mittelsachsen berichten in der "Freien Presse", wie und wo sie den 9. November 1989 erlebt haben.

Freiberg.

Es sind Erinnerungen wie die eines Rochlitzers: Er saß als Soldat in einer Kaserne an der Grenze: "Irgendwann kam ein Funker und sagte: Jetzt ist es soweit. Ich bin froh, dass wir nicht ausrücken mussten."

freiepresse.de/ wendemittelsachsen


"Das Telefon stand nicht still"

Jürgen Kitzing, Mittweida, langjähriger Stadtrat: "Ich habe in meiner Waschanlage gearbeitet, als ich die Nachricht im Radio hörte. Später am Abend stand das Telefon nicht mehr still, alle haben einander angerufen. Ich bin damals zu jeder Montagsdemo in Chemnitz gegangen. Man hat dort schon gespürt, was kommt. Aber als die Mauer fiel, konnte ich es erst nicht glauben. Zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich dann das erste Mal in den Westen gefahren, um Verwandte in Kiel zu besuchen - damals noch mit einem Lada." (lkb)


"Es begann unspektakulär"

Iris Firmenich , Frankenberg, CDU-Landtagsabgeordnete: "Der Tag war erst völlig unspektakulär. Wir haben Abendbrot gegessen. Dann saß ich mit meinen Kindern vor dem Fernseher. Die Nachrichten überschlugen sich. Es war unglaublich spannend. Man konnte es nicht realisieren: Findet das jetzt wirklich statt? Es war ein Moment, den man nicht vergisst. Die Mauer hat so lange gestanden, wie ich alt war: 28 Jahre. Ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Für das eigene Leben entstand eine neue Perspektive. (dahl)


"Tragweite war unklar"

Katrin Nitsch, Chemnitz, Verkäuferin in Oederan: "Die Bilder der legendären Pressekonferenz mit SED-Mann Schabowski sind mir in Erinnerung. TV-Geräte waren im Dauereinsatz, man hockte vor den Empfängern. Die Freude auf bevorstehende Reisemöglichkeiten war geweckt. Doch welche Tragweite Schabowskis Aussage hatte, war nicht klar. Dass in jener Nacht schon Menschenmassen unterwegs waren, habe ich erst am nächsten Tag erfahren. Das Geschehen war zwei Tage später, zum Klassentreffen das bestimmende Thema." (hy)


"Es war ein seltsames Gefühl"

Harry Burkhardt, Rochlitz: Der Apotheker war am 9. November 1989 zu einem der ersten Bürgerforen der Stadt Rochlitz im Kreiskulturhaus. "Der Saal war voll und es wurde in einer offenen und angeregten Diskussion über die Probleme der Stadt gesprochen." Dass die Grenze der DDR geöffnet wurde, habe er erst später daheim erfahren. "Ich erinnere mich, dass es ein sehr seltsames Gefühl war: Zu wissen, ich kann jetzt plötzlich dahin reisen, wo ich als damals 34-Jähriger bislang nie hinreisen durfte." (cbo)


War gerade zum Bürgerforum

Torsten Bachmann, Mittweida, heute Linke-Ortsverbandschef, war damals 16 Jahre alt: "Am Abend des 9.November habe ich ein Bürgerforum zur Vorstellung der neuen Bürgerbewegungen in der Stadtkirche Mittweida besucht. Der Moderator, Pfarrer Christoph Körner, verkündete dort, dass in Berlin die Mauer gefallen ist. Am 11. November bin ich dann mit Freunden über das Wochenende nach Berlin gefahren. Zuvor hatten wir uns noch bei der Polizei ein Visum für die Einreise nach West-Berlin besorgt." (jl)


"Gänsehaut pur"

Sonja Reupert, Kirchbach: "Den Mauerfall habe ich auf Westbesuch erlebt. Ich durfte auf Besuchsreise zu Verwandten. Mit denen habe ich auf das Ereignis angestoßen. Gänsehaut pur! Wir haben in die Nacht gelauscht, ob Trabi- und Wartburgklänge in dem hessischen Ort zu vernehmen sind. Ich hielt es für denkbar, dass Familienangehörige gleich losfahren. Die Veränderung im Grenzregime waren schon bei der Rückreise zu spüren. Wurden wir vor dem 9. November vom Zoll gefilzt, waren die Kontrolleure jetzt locker." (hy)


"Hoffnung keimte auf"

Maria Zwinscher, Niederwiesa, ehemalige Außenhandelsmitarbeiterin: "Wir verfolgten das Geschehen vor dem TV-Gerät. Die Ankündigung, neue Reiseregelungen einzuführen, gehörten dazu. Hoffnung keimte auf. Als wir zur Nacht hin die Bilder von Menschenmassen vor Grenzübergängen und auf dem Ku'damm Berlin sahen, wollten wir es zunächst nicht glauben. Die Freude war groß, aber auch ein Moment der Traurigkeit zog ein. So hätte ich gern gewollt, dass mein Vati dies noch erlebt hätte, der kurz zuvor verstorben war." (hy)


Ein Anruf der Schwägerin

Erika Wittig, Freiberg: Damals 42, war sie beim VDGB Kreisbauernverband für die Finanzen zuständig. Am Abend des 9. November las sie zuhause ein Buch, als ihre Schwägerin aus Magdeburg anrief und sagte, sie solle unbedingt den Fernseher einschalten, "da sei was im Gange". "Als ich die Menschen auf der Berliner Mauer sah, galt mein erster Gedanke den Familienmitgliedern im Westen. Die Hoffnung war da, sie endlich besuchen zu können." 14 Tage nach dem Mauerfall fuhr sie erstmals in den Westen, nach Mülheim an der Ruhr. (wjo)


Autopanne und kein Telefon

Barbara Spohrer, Bräunsdorf: Die Apothekerin war 34Jahre, steckte mitten im Examen nebst Doktorarbeit und wohnte in Frankfurt/Main. "Ich weiß, dass ich im Autoradio von den Ereignissen erfuhr. Und dachte: Da haben sich Willy Brandts Bemühungen rentiert." Im März 1990 fuhr sie mit ihrer Mutter erstmals über die offene Grenze, nach Weimar. "Prompt hatte mein VW Jetta eine Panne, die Straßen waren zu schlecht." Ein Telefon zu finden, sei ein Problem gewesen, doch irgendwie kam Hilfe. Jahre später zog sie nach Freiberg. (wjo)


Von Russland aus gestaunt

Ulrike Jurk, Freiberg: "Ich war damals 15 Jahre, steckte tief in der Pubertät. Da habe ich ganz andere Sorgen gehabt." Allerdings weiß sie noch, dass sie die Geschehnisse aus weiter Ferne beobachtete. "Meine Schwester studierte damals in Russland und wir haben sie besucht." Wo sie war, als die Mauer fiel, wisse sie leider nicht mehr. Auch könne sie nicht mehr sagen, wohin sie ihre erste Reise über die Grenze führte. Geblieben ist die Erinnerung an eine wunderschöne Kinderzeit, in der sie nichts vermisst habe. (wjo)

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