Der Traum von einer eigenen Dorfschule

Der Dorfchemnitzer Bürgermeister Thomas Schurig will das alte Schulgebäude in seinem Ort wieder mit Leben erfüllen. Hat er eine Chance?

Dorfchemnitz.

In ein Dorf gehört eine Schule. Diese Meinung vertritt der Dorfchemnitzer Bürgermeister Thomas Schurig (Freie Wähler). Deshalb kämpft er um eine Außenstelle der Saydaer Grundschule in seinem Ort. "Das erspart den Kindern Fahrtwege. Nur die Lehrer müssten den Weg nach Dorfchemnitz auf sich nehmen", sagt der ehrenamtliche Bürgermeister. Da die Saydaer Grundschule aus den Nähten platze und den Kindern eine Einschulung zum Beispiel in Mulda und Olbernhau drohe, schlägt er die Außenstellen-Variante vor. Allerdings gibt es derzeit im Freistaat noch keine Grundschulaußenstellen. Das sächsische Schulgesetz sieht diese nicht vor, bestätigt Lutz Steinert, der Pressereferent des Landesamtes für Schule und Bildung.

Als zielführende Variante könnte Bürgermeister Schurig sich deshalb auch vorstellen, dass Dorfchemnitz und Sayda eine Schulzweckvereinbarung abschließen, wonach die gemeldeten Schüler auf beide Grundschulen verteilt werden. Ein ähnliches Modell wird bereits seit Jahren in Mittweida und Altmittweida praktiziert. Ab nächstem Schuljahr könnte die Grundschule Dorfchemnitz laut Schurig ihren Betrieb wieder aufnehmen.

Hintergrund: Die Dorfchemnitzer Grundschule wurde nach einer Entscheidung des Gemeinderates zum 31.Juli 2012 geschlossen. Deshalb müssen Kinder der Gemeinde Dorfchemnitz jetzt zum Unterricht in den acht Kilometer entfernten Nachbarort Sayda fahren. Die Bauaufsicht des Landkreises hatte damals die weitere Nutzung des Schulgebäudes wegen gravierender Brandschutz-Mängel verboten.

Auch Thomas Schurig weiß: Voraussetzung für eine Wiederinbetriebnahme sind Investitionen, so in einen zweiten Rettungsweg. Auch Tafeln und anderes Inventar müssten wieder in die Schule kommen. Zudem müsste ein Spielplatz hergerichtet werden, "denn die Spielgeräte von der Dorfchemnitzer Schule sind in Sayda aufgebaut worden", so Schurig.

Der Saydaer Bürgermeister Volker Krönert (CDU) kann den Wunsch seines Amtskollegen nachvollziehen. "Ich habe nichts dagegen, wenn die Kinder kurze Wege haben", sagt Krönert. Allerdings müssten auch rechtliche Situation und Finanzen betrachtet werden. Derzeit sieht das Sächsische Schulgesetz keine Außenstellen im Grundschulbereich vor. Und: Dem Schulgesetz zufolge sind mindestens 60 Schüler pro Grundschule nötig, damit der Bestand gesichert ist. Dazu der Saydaer Bürgermeister Krönert: "Im Normalfall haben wir in Sayda und Dorfchemnitz 90 bis 100 Schüler. Aber in den nächsten zwei, drei Jahren explodieren die Schülerzahlen, dann haben wir jeweils 130Kinder, sind also durchgehend zweizügig." Bereits jetzt gibt es für Grundschüler aus dem Dorfchemnitzer Wolfsgrund eine Ausnahmeregelung: Sie besuchen die Schule in Mulda.

Im Ringen um eine Grundschule zieht der Dorfchemnitzer Bürgermeister alle Register. So sprach Schurig das Thema auch beim jüngsten Besuch von CDU-Bundespolitikerin Veronika Bellmann in Dorfchemnitz an. Auf Anfrage von "Freie Presse" verweist Bellmann auf die rund 200.000 Euro teuren Bauarbeiten, die an der Grundschule Sayda anstehen und für die rund 173.000 Euro Fördermittel erwartet werden. "Freilich wäre eine Entlastung der Grundschule während der bevorstehenden Bauarbeiten nicht verkehrt", so die Bundestagsabgeordnete. "Nur würde dieses kurzfristige Interesse die Wiederherrichtung des Gebäudes in Dorfchemnitz als langfristig zu betreibende Außenstelle der Grundschule Sayda nicht rechtfertigen." Dazu müssten wachsende oder stabile Schülerzahlen mittel- und langfristig nachgewiesen werden, die zu einer dauerhaften Überbelegung der Grundschule Sayda führen würden. Schließlich müsse auch geklärt werden, ob der Freistaat die zusätzlichen Lehrer bereitstellen kann.

Indes zeigt ein Beispiel aus Baden-Württemberg den Erfolg von Grundschulaußenstellen auf dem flachen Land. Und eine Hoffnung gibt es für die Dorfchemnitzer: Insider sagen, dass mit der geplanten Einführung der Gemeinschaftsschule in Sachsen ohnehin Bewegung in die Bildungslandschaft im Freistaat kommt. Doch spruchreif ist noch nichts.

Übrigens: Thomas Schurigs beide Söhne besuchen die fünfte Klasse des Dippoldiswalder Glückauf-Gymnasiums - und zwar dessen Außenstelle in Altenberg.


Ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt, wie es funktionieren kann

Seit 1990 hat die Gemeinschaftsschule Weil im Schönbuch (Baden-Württemberg) eine Außenstelle im rund 1000 Einwohner zählenden Neuweiler. Laut Annette Pfizenmaier, der Rektorin der Schule, werden in der Außenstelle derzeit 23 Kinder in einer jahrgangsgemischten Klasse 1/2 unterrichtet: "Für die Eltern ist diese Lösung optimal, und sie wird sehr geschätzt." Nach dem Grundsatz "Kurze Beine - kurze Wege", könnten die Kinder zur Schule laufen und müssten nicht mit dem Bus fahren. In Klasse 3 werden sie in die dritten Klassen der Hauptstelle integriert. Und: Die Kinder aus Neuweiler kämen zu großen Schulveranstaltungen wie Sporttagen und Schulfesten nach Weil im Schönbuch. So erlebten sie auch die Schulrealität an einer großen Schule. (hh)


Kommentar: Probieren!

Wenn ein Dorf eine Schule hat, ist das ein großer Standortvorteil. Denn einerseits müssen die Kinder in ländlichen Gebieten nicht mit dem Bus fahren, andererseits können die Räume auch für andere Veranstaltungen wie Verkehrsteilnehmerschulungen oder Treffen der Landfrauen genutzt werden. Deshalb sollte in Zeiten, in denen viele Geschäfte und Gaststätten auf dem flachen Land schließen müssen, über neue Wege nachgedacht werden. Das müssen sich die Verantwortlichen vergegenwärtigen, wenn sie über kleine Dorfschulen entscheiden. Jahrgangsübergreifender Unterricht wird ja beispielsweise bereits in der Grundschule Clausnitz probiert.

Im Fall Sayda/Dorfchemnitz könnten sogar beide Seiten profitieren: Saydas Grundschule würde entlastet, und die Dorfchemnitzer Kinder könnten zu Fuß zur Schule gehen. Und vielleicht wäre ein Kompromiss sogar ein erster Schritt, um den Dauer-Zwist zwischen beiden Kommunen zu beenden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...